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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 18.03.2018

Zum Abschluss der Paralympics Wie kann Inklusion im Sport gelingen?

Von Ronny Blaschke

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Paralympics, Gangneung Curlingcenter, Rollstuhl-Curling. Die Deutschen Heike Melchior (l-r), Wolf Meissner und Harry Pavel im Spiel gegen Südkorea (dpa / picture-alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
Die deutsche Rollstuhl-Curling-Mannschaft in Pyeongchang (dpa / picture-alliance / Karl-Josef Hildenbrand)

Auch im Sport soll Gleichberechtigung herrschen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Doch die Sportverbände tun sich schwer damit, eine angemessene Haltung zur Inklusion zu entwickeln. Widerstände gibt es auf beiden Seiten.

2006 verabschiedeten die Vereinten Nationen das "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung". Dieses Modell spricht sich für Gleichberechtigung aus – und gegen eine Sonderrolle. Als Oberbegriff steht "Inklusion". Seither sucht auch der Sport nach einer angemessenen Haltung. Und er tut sich schwer.

Olympische und Paralympische Spiele zusammenlegen? Eine solche Veranstaltung wäre nicht zu bewältigen. Das Fundament muss tiefer gelegt werden. So wie in Kanada oder Großbritannien, den Gastgebern der Spiele 2010 in Vancouver und 2012 in London. Dort sind paralympische Athleten in ihren Sportarten integriert. Der kanadische Eishockeyverband etwa würdigt seine Schlittenhockeyspieler im gleichen Umfang.

Die Paralympier bleiben unter sich

Anders sieht es in Ländern aus, in denen die Kluft zwischen arm und reich immer größer wird. In Peking finanzierte die chinesische Regierung das größte Trainingszentrum für Paralympier. In São Paulo wurde ein zeitgemäßer Bau durch den weltweit höchsten Sponsorenvertrag im Behindertensport möglich. In beiden Beispielen haben Paralympier hervorragende Bedingungen. Aber sie bleiben unter sich.

Kurz nach der UN-Resolution hatte auch das Internationale Paralympische Komitee den Beschluss gefasst, spätestens 2016, also zehn Jahre später, nicht mehr als Fachverband zu wirken. Aber noch immer muss das IPC in zehn Sportarten die Weltmeisterschaften ausrichten. Auch in Skisport und Schlittenhockey, denn deren Weltverbände sträuben sich noch.

Deutschland gibt ein zwiespältiges Bild ab

Im föderalen Deutschland ist das Bild zwiespältig. Es gibt inklusive Musterzentren: Für Skisport in Freiburg, Leichtathletik in Leverkusen, Schwimmen in Berlin. Beim FC St. Pauli hat das Blindenfußballteam eine eigene Abteilung. Auf regionaler Ebene finden gemeinsame Veranstaltungen im Tischtennis, Kanu oder Triathlon statt.

Doch es bleibt Distanz. Immer wieder fühlen sich behinderte Athleten von Fachverbänden herablassend behandelt. Es kursieren Geschichten über Trainingsstützpunkte, die den Namenszusatz "paralympisch" ablehnen. Es wird über Funktionäre getuschelt, die das Fördervolumen des Innenministeriums für den Behindertensportverband für unangemessen halten.

Diese Beispiele tragen dazu bei, dass einige Landesverbände des DBS eine Öffnung gegenüber dem Deutschen Olympischen Sportbund ablehnen. Sie glauben, dann am Rand stehen zu müssen. So ist es keine Überraschung, dass im August eine Chance vertan werden könnte: Die Europameisterschaften der nichtbehinderten und behinderten Leichtathleten in Berlin werden getrennt organisiert.  

Hemmende Verbandsbürokratie

Historische Aspekte kommen hinzu: Der aus der Versehrtenbewegung entstandene Behindertensport hatte sich ab 1970er-Jahren aufgefächert. Neben dem DBS gibt es den Rollstuhl-Sportverband, den Schwerhörigen Sport-Verband, den Gehörlosen-Sportverband und Special Olympics für geistig behinderte Sportler. Es ist hemmende Verbandsbürokratie.

Einmal fanden Paralympics in Deutschland statt, im Sommer 1972 in Heidelberg. In Kanada oder Großbritannien wurden zuletzt etliche Themen jenseits des Medaillenzählens angestoßen: Wohnraum ohne Barrieren, Tourismus mit leichter Sprache, Jugendsport mit und ohne Behinderung. Auch in Deutschland sollte man die paralympische Bewegung für eine fortschrittliche Interpretation des Sports nutzen. Bislang ist davon wenig zu spüren.

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