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Studio 9 | Beitrag vom 08.04.2019

Zum 90. Geburtstag von Jacques Brel Singen gegen das Grau der Kindheit

Von Astrid Corall

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Der Sänger und Schauspieler Jacques Brel in dem Film L'AVENTURE, C'EST L'AVENTURE aus dem Jahr 1972. (dpa / Courtesy Everett Collection)
Der Sänger und Schauspieler Jacques Brel in dem Film "L'Aventure c'est l'aventure" von Claude Lelouch aus dem Jahr 1972. (dpa / Courtesy Everett Collection)

Seine Kindheit in Flandern empfindet er als grau – als Erwachsener lebt und liebt er exzessiv. Jacques Brel geht Ende der 50er-Jahre nach Paris und erobert als Sänger die Bühne. Am Montag wäre der Chansonnier 90 Jahre alt geworden.

Jacques Brel – ein Belgier in Frankreich, ein widersprüchlicher und rastloser Mensch – ein Künstler mit einem kurzen, aber intensiven Leben:

"Entscheidend ist die Intensität eines Lebens, nicht die Dauer eines Lebens. Die Lebenszeit, die wir haben, muss extrem intensiv sein, sonst ist es Grau, ist es Langeweile."

Genau so empfindet Brel seine Kindheit – sie verläuft grau und in Stille.

Heute vor 90 Jahren, am 8. April 1929, wird er in Brüssel geboren, hier wächst er in einem bürgerlichen Umfeld auf.

"Ein Mensch verbringt sein ganzes Leben damit, seine Kindheit zu kompensieren."

Er heiratet jung und verlässt seine Frau

Mit 17 verlässt Brel die Schule und arbeitet in der Kartonage-Fabrik seines Vaters. Er schreibt erste Gedichte und Lieder, singt und spielt Gitarre bei Auftritten in Krankenhäusern und Seniorenheimen. Brel heiratet jung, mit seiner Frau bekommt er drei Töchter. Doch er will sein Glück woanders suchen – nicht in Brüssel. Dort lässt er Frau und Kinder zurück und geht nach Paris. Der Erfolg aber lässt auf sich warten. Erst nach fünf Jahren – Brel ist Ende 20 – schafft er den Durchbruch.

Liebe und Sehnsucht, Verlust und Tod sind seine Themen. Er, der sich selbst als französischsprachigen Flamen bezeichnet, verbindet eine Hass-Liebe mit seiner Heimat. Er spottet über die Flamen, singt aber über die Schönheit von Westflandern. Er beschreibt das wilde Leben der Matrosen in Amsterdam. Und er übt scharfe Gesellschaftskritik, schimpft über Bigotterie und Bürgertum, aus dem er selbst stammt.

Auf der Bühne verausgabt er sich – im Leben auch

Seine zahlreichen Auftritte sind etwas Besonderes. Brel trägt seiner Lieder nicht einfach vor, er durchlebt sie. Er verausgabt sich, Schweiß rinnt ihm über das Gesicht.

"Es gibt kein Talent. Talent ist der Wunsch, etwas zu tun. Einen Traum wahr werden zu lassen, ist Talent. Der Rest besteht aus Schweiß und Disziplin. Da bin ich mir sicher."

Brel führt ein exzessives Leben, hat Affären:

"Ich glaube, dass ich die Liebe zu sehr liebe, um die Frauen sehr zu lieben. Aber ich habe die Frauen nie sehr gut verstanden, aber jetzt ist es zu spät."

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hört er auf, gibt 1967 sein letztes Konzert. Brel widmet sich dem Musical, dreht Filme, führt Regie, aber ohne den ganz großen Erfolg. Der Künstler bricht mit seinem Segelschiff in die Südsee auf, lässt sich dort in der Abgeschiedenheit nieder. Nur noch einmal kehrt er nach Paris zurück. 1977. Er nimmt seine letzte Platte auf, zu diesem Zeitpunkt schon sehr krank. Brel hat Lungenkrebs.

Am 9. Oktober 1978 stirbt Brel in Paris - mit gerade einmal 49 Jahren – nach einem wahrlich intensiven Leben.

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