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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.03.2016

Zum 75. Geburtstag von Bruno GanzSchutzengel, Hitler, Almöhi - ein Darsteller mit vielen Gesichtern

Von Hartmut Krug

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Bruno Ganz  (picture alliance / dpa / Foto: Ettore Ferrari)
Der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz im September 2015. (picture alliance / dpa / Foto: Ettore Ferrari)

Er ist einer der ganz großen Schauspieler in Deutschland. Er wurde an der Berliner Schaubühne zum Theaterstar und spielte im Kino den Schutzengel Damiel in "Der Himmel über Berlin" und Hitler in "Der Untergang". Jetzt wird Bruno Ganz 75 Jahre alt.

"Ich heiße Heidi."

"Du nimmst das Mädchen heut mit auf die Alm. Denk dran, sie kennt die Berge nicht."

Ein verschmitzter Großvater mit Rauschebart und großem Herzen war Bruno Ganz in seinem vorletzten Film nach Johanna Spyris Roman "Heidi". Ein europäischer Filmstar war er bereits 1987, als er in Wim Wenders "Der Himmel über Berlin" einen melancholischen Engel in der Existenzkrise spielte:

"Es ist herrlich, nur geistig zu leben und Tag für Tag für die Ewigkeit vor den Leuten rein was Geistiges zu bezeugen."

In über 80 Filmen hat Bruno Ganz sehr unterschiedliche Figuren verkörpert, Aufsehen erregte er 2004 als Adolf Hitler in Oliver Hirschbiegels "Der Untergang". Der Film, in dem er den Diktator nicht dämonisch, sondern jenseits aller Hitler-Klischees spielte, war allerdings umstritten:
 
"Und da sah ich ausgerechnet Himmler. Das ist der schlimmste Verrat von allen."

In seinen Filmen spielt Ganz, meist minimalistisch im Ausdruck, oft zerknautscht grüblerische Figuren, die Tiefgang, Reichtum oder Widersprüchlichkeit vermuten lassen.

Begonnen aber hat Bruno Ganz beim Theater. Der in Zürich Geborene gelangte ohne abgeschlossene Schauspiel-Ausbildung zunächst ans Junge Theater Göttingen. Dort kämpfte er mit seinem Schweizer Dialekt:

"Ich habe da gespielt und vornehmlich mit meiner Schüchternheit gekämpft, und Deutsch gelernt. Wenn ich den Mund öffnete, musste ich Hochdeutsch reden."

Er schrieb Theatergeschichte

1965 ging Ganz an das Theater am Goetheplatz in Bremen. Hier schrieb er Theatergeschichte als Goethes Torquato Tasso unter Peter Stein, als er die Abhängigkeit des Künstlers Tasso vom herzoglichen Auftraggeber als schöne Unwürdigkeit eines Emotional-Clowns zeigte. Von Bremen wechselte er mit dem Ensemble und Regisseur Peter Stein 1970 an die Berliner Schaubühne, die sich zur europäischen Avantgarde durch eine Erneuerung des Theaters aus politischem und ästhetischem Geist entwickelte. Bruno Ganz wurde zu einem Star der Schaubühne, an der er, mit einer Unterbrechung von sieben reinen Filmjahren, bis 1987 in heute legendären Inszenierungen von Klaus Michael Grüber, Luc Bondy und Peter Stein spielte, – als Ibsens Peer Gynt, Kleists Homburg, Hölderlins Empedokles und als der melancholische Dichter Schalimow in Gorkis "Sommergäste":

"Es ist alles so bedeutungslos. Die Menschen, und was mit ihnen geschieht, das bedeutet alles nichts. Gieß mir Wein ins Glas, Sergej."

Bruno Ganz (l) als Damiel und Otto Sander als Cassiel im "Der Himmel über Berlin" (picture alliance / dpa / Foto: Filmverlag der Autoren)Bruno Ganz (l) als Schutzengel Damiel und Otto Sander als Cassiel in einer Szene des Films "Der Himmel über Berlin" aus dem Jahr 1987. (picture alliance / dpa / Foto: Filmverlag der Autoren)
Auf der Bühne entwickelt Bruno Ganz den Gestus seiner Figuren virtuos aus deren Sprache. Nie verwandelt er sich dabei mit äußerlicher Virtuosität plakativ völlig in seine Figuren, immer führt er diese mit einfühlsam kritischer Deutlichkeit vor. Oft hat er im Film wie im Theater schwermütige Intellektuelle verkörpert. Sein mehrmaliger Wechsel zwischen Film und Bühne ging nach dem Abschied von der Schaubühne 1987 zu Ungunsten des Theaters aus, denn seitdem hat er kaum ein Dutzend mal auf der Theaterbühne gestanden. Dennoch hat er den Iffland-Ring erhalten, der seit über 100 Jahren an den jeweils "bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters" auf Lebenszeit verliehen wird. Vor allem in Erinnerung bleibt die Titelrolle in der von ihm allerdings wenig geschätzten 21-stündigen Faust-Inszenierung von Peter Stein:

"Habe nun ach, Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor."

An seinem heutigen 75.Geburtstag wünscht man sich, bei aller Bewunderung für seine Vielseitigkeit im Film, Bruno Ganz möge noch einmal zur Theaterbühne zurück finden.

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