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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.01.2018

Zum 70. Todestag Kurt Schwitters'"Eine Kreativität, die bis heute fasziniert"

Isabel Schulz im Gespräch mit Nicole Dittmer und Julius Stucke

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Collage von Kurt Schwitters im Londoner Tate Modern Museum  (imago/ZUMA Press/Matt Cetti-Roberts )
Eine Mitarbeiterin geht an einer Collage von Kurt Schwitters im Londoner Tate Britain Museum vorbei. (imago/ZUMA Press/Matt Cetti-Roberts )

Zigarettenpapier, Schnipsel, Fragmente: Kurt Schwitters war der erste Künstler, der ausschließlich mit gefundenen Materialien arbeitete. Er schuf neue Ausdrucksformen, die bis heute faszinierten, sagt Isabel Schulz, Leiterin des Schwitters-Archiv in Hannover.

Kompromisslos, unabhängig, unkonventionell – das war der vor 70 Jahren verstorbene Maler, Dichter, Werbegrafiker und Collagenkünstler Kurt Schwitters. Schwitters habe sich konsequent und unabhängig von allen Vorgaben die Freiheit genommen, das zu tun, was er für richtig gehalten habe und dabei auch neue, zeitgemäße Ausdrucksformen zu finden, so Isabel Schulz, Kuratorin des Kurt-Schwitters-Archivs im Sprengel-Museum Hannover. Seine Kunst habe er "Merz"-Kunst genannt - nach einer Commerzbank-Reklame.

Kunsthistorisch am wichtigsten sei Schwitters' Leistung im Bereich der Collage und der Materialkunst, sagt Schulz im Deutschlandfunk Kultur. Als erster Künstler habe er ausschließlich mit Gegenständen und Materialien gearbeitet, die er gefunden habe:

"Häufig vom Boden aufgesammelte Papiere, Schnipsel, Fragmente von kaputten Dingen, Konservendeckel und solche Dinge."

Kunst aus Abfall – das hat eine politische Dimension

Diese Herangehensweise habe durchaus eine politische Dimension gehabt, zum Beispiel weil dadurch die Frage gestellt worden sei, welchen Wert etwas habe, betont die Schwitters-Expertin:

"Er nimmt ja für die Kunst bisher als völlig unwürdig erachtetes Material – es hat ja damals auch unglaublich provoziert, so dreckige Fahrscheinschnipsel zu nehmen und den Anspruch zu haben, daraus eine künstlerische Komposition, eine abstrakte, zu machen. Das war schon ein Affront in dem Sinne, dass man ja etwas wieder in den Kreislauf bringt, was eben als wertlos erachtet wird."

So wie Schwitters Materialien in eine poetische Beziehung gesetzt habe, habe er das auch mit Worten getan, etwa in seiner berühmten Ur-Sonate. 

"Also, unabhängig von bisherigen Regeln und Konventionen – das ist schon eine große Kreativität gewesen, die bis heute fasziniert."

Zwar habe die Ursonate keinen literarischen Inhalt und sie erzähle auch keine Geschichte. Aber die Laute, mit denen Schwitters arbeite, könnten Assoziationsfelder öffnen und hätten durchaus auch verborgene Sinnschichten. Zum Beispiel sei es darum gegangen, die Sprache von ihrer Instrumentalisierung für politische Propaganda oder Parolen zu befreien und sie "zu etwas anderem, Neuem zu machen, was also auf einer ganz anderen poetischen, musikalischen und ja, auch abstrakten Ebene auch wirken kann", sagt Schulz.

"Also, ich würde nie sagen, das sei Unsinn, das glaube ich nicht, er hat da ganz bewusst auch Dinge komponiert, aber es ist eben ohne Sinn."

Isabel Schulz, Leiterin des Kurt-Schwitters-Archivs im Sprengel-Museum in Hannover. (Aline Herling, Sprengel Museum Hannover)Isabel Schulz, Leiterin des Kurt-Schwitters-Archivs im Sprengel-Museum in Hannover. (Aline Herling, Sprengel Museum Hannover)

Auch für die Gegenwart hat Schwitters der Kuratorin zufolge Aktualität, zum Beispiel dadurch, dass er als sogenannter "entarteter" Künstler vor den Nazis fliehen musste und danach künstlerisch praktisch isoliert war. 

"Das erinnert mich sehr stark, sehr häufig dann auch an heutige, vergleichbare Situationen von vielen Künstlern, die weltweit eben ähnliche Schicksale haben."

(uko)

Isabel Schulz leitet seit mehr als 20 Jahren das Kurt-Schwitters-Archiv im Sprengel-Museum in Hannover, in dem die wichtigsten Arbeiten aus dem Nachlass des Künstlers aufbewahrt werden. Die Kuratorin gilt als profundeste Schwitters-Kennerin weltweit.
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