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Religionen / Archiv | Beitrag vom 05.04.2020

Zum 500. Todestag des Malers RaffaelSeine Engel sah der Papst zum Frühstück

Von Marie Wildermann

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L'incendio di Borgo, Brand im Borgo, Stanza dell? Incendio, Stanze di Raffaelo, Raffaelo Santi und Giulio Romano, 1514-1517, Vatikanische Museen, Vatikan, Rom, Latium, Italien, Europa | Verwendung weltweit, Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. (picture alliance / imageBROKER / Martin Jung)
Das Auge isst mit: Raffaels Fresko "Der Borgobrand" im Vatikanischen Palast schmückte den Speisesaal Papst Leos X. (picture alliance / imageBROKER / Martin Jung)

Zwei niedliche Engel mit Lockenkopf, die die Köpfe zusammenstecken und sich keck am Bildrand abstützen – kaum zu glauben, dass dieses Motiv schon über 500 Jahre alt ist. Doch hinter Raffael, dem Meister der Madonnen und Engel, steckt noch mehr.

Kleine Strolche mit wuscheligen Haaren, den Kopf auf die kleinen Händchen gestützt, auf dem Rücken Flügel: Vom Maler Raffael stammt dieses Motiv. Die beiden kleinen Engel mit den Lausbubengesichtern werden bis heute millionenfach vermarktet: zu finden auf Postkarten, Taschen, Vasen, Zuckerdosen.

Vorlaute Engel an der Bildkante

Vor gut 500 Jahren hat der italienische Maler Raffael diese schelmischen Engel zu Füßen der Sixtinischen Madonna platziert. Sie lümmeln am unteren Bildrand, während über ihnen, auf Wolken, eine junge Frau in einem rot-blau wallenden Gewand energisch auf den Betrachter zugeht, auf dem Arm einen nackten kleinen Jungen. Der sieht aus wie die beiden Lausbuben-Engel am Bildrand. Mit Absicht, sagt Arnold Nesselrath, Kunsthistoriker und Raffael-Experte. Sie sollen wie Brüder des Jesuskindes wirken:

"Das ist eine unkonventionelle Art, mit der Inkarnation umzugehen. Und wahrscheinlich ist diese unkonventionelle Art, über das Spirituelle nachzudenken, eine Eigenschaft von Raffael gewesen, die er aber in eine Transzendenz umsetzen konnte, ohne die ja auch Kunst nicht existieren kann."

Der Künstler als Unternehmer

Nesselrath beschreibt Raffael als vielfältigen und experimentierfreudigen Künstler. Und er betont Raffaels Wirken als Unternehmer und Leiter einer künstlerischen Werkstatt mit vielen Angestellten und Schülern. Der Meister soll ein liebenswerter und umgänglicher Zeitgenosse gewesen sein, den Menschen zugewandt, so Nesselrath:

"Mir ging es darum zu vermitteln, warum Raffael nach 500 Jahren noch attraktiv ist und warum Raffael auch heute zeitgenössische Künstler nach wie vor atemlos macht."

Alle rationalen Gründe aber könnten die Wirkung Raffaels nicht hinreichend erklären, sagt Nesselrath. In seinem Buch zitiert er am Ende den anglo-amerikanischen Renaissance-Experten John Shearman: "Raphael is good for your soul". Raffaels Bilder tun der Seele einfach gut.

Sohn eines Hofmalers

Neben Leonardo da Vinci und Michelangelo gehört Raffael zu den großen Künstlern der italienischen Renaissance. Das Handwerk des Malens war ihm quasi schon in die Wiege gelegt, sein Vater war Hofmaler mit eigener Werkstatt in Urbino. Die Mutter war früh gestorben. Als Raffael gerade elf Jahre alt ist, stirbt auch der Vater. Der Junge muss rasch erwachsen werden, geht beim Assistenten des Vaters in die Lehre.

Er malt Heiligendarstellungen und Altarbilder für reiche Patrizierfamilien und immer wieder Madonnenbilder. Die sind damals groß in Mode, schon der berühmte Botticelli hatte seit 1470 eine gut gehende Manufaktur mit Andachtsbildern.

Raffaels Madonnen-Bilder sind Unikate, jedes betont einen anderen Aspekt in der Beziehung zwischen Gottesmutter und ihrem kleinen Sohn Jesus, wie Ulrich Pfisterer in seinem Raffael-Band herausarbeitet.

Wettstreit mit Michelangelo und Leonardo

1508 übersiedelt Raffael nach Rom und "nimmt den Wettstreit mit den besten seiner Zeit auf", sagt Pfisterer: mit Leonardo da Vinci und Michelangelo, die beide damals schon für den Vatikan arbeiten. Raffaels Auftrag: den Wohnpalast des Papstes mit Wand- und Deckengemälden auszuschmücken. Die Themen: Theologie, Philosophie, aber auch die aktuelle politische Situation, erklärt Arnold Nesselrath:

"Italien war damals von den Franzosen besetzt, vom französischen König. Der Papst Julius II. wollte die Franzosen wieder aus Italien heraustreiben, wollte Italien befreien. Das sind alles Themen, die in diesen Fresken diskutiert werden. Im letzten Raum hat er dann die Konstantinsschlacht entworfen, da geht es also um die Unabhängigkeit, um die weltliche Macht des Papstes auch."

Und immer wieder biblische Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Wie zum Beispiel die Geschichte von Petrus, den ein Engel aus seiner Gefängniszelle befreit. "Das sind große Fresken von acht Metern Breite", beschreibt Nesselrath. "Eines der großartigsten Bilder, 'Die Befreiung Petri' mit diesen wunderbaren Lichteffekten hat er in 28 Tagen gemalt."

Erfolg durch gute Kontakte und Talent

Raffael übersetzt die biblischen Geschichten in den Alltag der Menschen um 1500. Besonders Kinder malt er in ihrer ganzen Ungezwungenheit, obwohl er selbst keine Familie hat. Trotz aller Unkonventionalität: An der Lehrmeinung der Kirche kommt er nicht vorbei. Beim Anfertigen des Gemäldes "Dìsputa" muss der Betrieb angehalten werden, bis der Papst und die Hoftheologen sich einig sind, wie Raffael das Thema der "Dreifaltigkeit" bildlich umsetzen darf.

Neben dem Malen hat sich Raffael auch mit der neuen Technik der Druckgraphik beschäftigt, fertigte aufwändige Wandteppiche und hat als Architekt die Peterskirche weiterentwickelt. Er war bodenständig und spirituell.

Ulrich Pfisterer und Arnold Nesselrath nähern sich der Künstlerpersönlichkeit auf unterschiedliche Weise: Pfisterer erklärt den Erfolg Raffaels mit dessen Biografie: Die Verbindungen des Vaters hätten ihm den Weg in den Vatikan ermöglicht. Nesselrath betont die Genialität des Künstlers. Für beide aber ist Raffael eine Ikone der europäischen Kultur.

Ob die weltweiten Raffael-Ausstellungen, die derzeit ohne Publikum stattfinden, verlängert oder später noch einmal gezeigt werden, ist noch völlig unklar. Die meisten Museen werden aber die Ausleihe der Leihgaben wohl nicht verlängern können.

Arnold Nesselrath: Rafael!
Belser Verlag, Stuttgart
224 Seiten, 69 Euro 

Ulrich Pfisterer: Raffael. Glaube, Liebe, Ruhm

C. H. Beck, München 2019
384 Seiten, 58 Euro

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