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Musikfeuilleton | Beitrag vom 27.03.2020

Zum 400. Geburtstag des Tiroler Geigenbauers Jakob StainerHandwerkskunst zwischen Schulden und Inquisition

Von Matthias Nöther

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Eine Bratsche aus der Werkstatt von Jacob Stainer. (imago images / Artokoloro)
Die Instrumente von Jakob Stainer waren in der Bach- und Mozart-Familie besonders beliebt. (imago images / Artokoloro)

Streichinstrumente aus dem 17. Jahrhundert sind gefragt. Man denkt dabei an die Instrumente von Amati, Stradivari und Guarneri. Für Barockgeigerinnen ist allerdings ein anderer Name viel interessanter: Jakob Stainer aus Tirol.

Jakob Stainer soll im Jahr 1620 als Sohn eines Bergarbeiters in Absam geboren worden sein. Sein Leben im Umfeld des 30-jährigen Krieges und sein eigenbrödlerischer Charakter sind nur bruchstückhaft überliefert. 

"Viel Dunkel liegt über dem Leben dieses Meisters, der an Genialität ebenbürtig neben den größten Italienern steht; manche Legende, Vermutung und sogar beabsichtigte Täuschung hat sich in seine Biographie gemischt. Jakob Stainer wurde um das Jahr 1617 als Sohn eines Bergknappen in Absam geboren. Schon frühzeitig dürfte Stainer besondere Musikalität gezeigt haben, die ihn als Singknabe an einen Kirchenchor oder eine Musikkapelle führte – etwa in das benachbarte Hall oder an die landesfürstliche Kapelle in Innsbruck; hier wurde ihm neben der musikalischen auch eine gründliche Allgemeinbildung zuteil – Sprache und Schreibweise seiner Briefe lassen ihn als einen wohlgebildeten Mann erkennen." 

Lehrzeit in Venedig

"Den Lehrmeister, der ihn in die Kunst des Geigen- und Lautenbaues einführte, fand Stainer in Italien, doch war es, wie seine Arbeitsweise zeigt, kein Italiener, sondern wohl einer jener Geigenbauer aus Füssen, die sich in Italien angesiedelt hatten. Nach der ältesten mündlichen Überlieferung, die in einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1792 vorliegt, verbrachte Stainer seine Lehrzeit in Venedig."

Diese biographischen Erläuterungen stammen von dem Musikwissenschaftler Walter Senn aus dem Jahr 1952. Tatsächlich wurde zwar immer vermutet, aber nie nachgewiesen, dass Stainer sein Handwerk in einer der berühmten Werkstätten in Italien gelernt hat. Dennoch trug Walter Senn viele Informationen über Stainer zusammen.

Heute gilt Heinz Peller im deutschsprachigen Raum als Experte für die Zeit und die Biographie des Geigenbauers. Peller, in seinem früheren Berufsleben Journalist, hat in seinem Ruhestand begonnen, sich intensiv mit der historischen Figur Jakob Stainer zu beschäftigen. Mittlerweile hat er den Roman "Stainers letzte Geige" veröffentlicht und auf einer Webseite alle greifbaren Informationen zu Jakob Stainers Leben und seinen Instrumenten zusammengetragen.

Eine Königin unter den Instrumenten

Keine Musik ist enger mit Stainers Handwerkskunst verbunden als die des Komponisten und Geigenvirtuosen Heinrich Ignaz Franz Biber. Vor seiner Salzburger Zeit war Biber zwei Jahre lang Kapellmeister am Hof von Olmütz im heutigen Tschechien. Dorthin lieferte Jakob Stainer viele Geigen und stand mit dem Hof in regem geschäftlichen Kontakt.

Postkarte von 1910, auf dem ein typischer Tiroler Hof vor Alpenpanorama zu sehen ist. (imago images / Arkivi)Der Wohnort der Familie Stainer ist für viele ein Besuch wert, sodass sogar Postkarten vom Ort versendet wurden. (imago images / Arkivi)

So spricht Stainer in einem Brief aus dem Jahr 1670 von fünf Instrumenten, die bereits vom Hof bezahlt worden seien – mit einem, wenn man Jakob Stainers untertänigem Schreibtonfall glaubt, berechtigermaßen hohen Preis.

"Zwei Violin, zwei Violen da braccio und die viola da gamba, so gar von extraordinari schönem Holz und gleichsam eine Königin unter dergleichen Instrumenten. Auch ihrer Schönheit und Güte nach ist sie wohl noch soviel wert, so der vortreffliche Virtuos Herr Biber wohl erkennen wird."

Instrumentenbauer und Stainer-Experten bewundern heute die Klangeigenschaften der Stainer-Geigen, doch sie betrachten sie nicht als Wunderwerke eines Genies oder als gottgegeben – sondern als Ergebnisse großer handwerklicher Sorgfalt. Heinz Peller:

"Er hat über Formen gearbeitet. Wenn Sie nicht über die Form arbeiten, kriegen Sie nie diese Regelmäßigkeit her – in den Seiten, im ganzen Aufbau. Das war sehr stimmig. Das zweite, was auch Geigenbauer, die sich sehr mit dem Stainer beschäftigen, immer wieder sagen: Er hat ganz bewusst die Oberdecke etwas höher gemacht. Nicht so hoch, wie man sichs vorstellt, aber sie waren höher als die italienischen zu dieser Zeit, was für den helleren Klang sorgt, allerdings den großen Ton verhindert."

Ketzer und Häretiker

Mittlerweile ist über Jakob Stainer doch etwas mehr bekannt als das, was man aus dem gründlichen und kunstfertigen Aufbau seiner Instrumente ersehen kann. Im Jahr 2000 tauchte im südtirolischen Bressanone, mit deutschem Namen Brixen, 90 Kilometer südlich von Stainers einstigem Arbeitsort gelegen, ein Konvolut von historischen Akten auf. Das war eine Sensation für die Forschung über den alten Geigenbauer. Im Frühjahr 1668 werden bei dem Schneidermeister Meringer in Hall am Inn Bücher mit protestantischen Schriften gefunden.

"Ein Katechismus Martin Lutheri, eine Bibel neues Testament ketzerisch glossiert, eine häretische Bibel, ein Buch über Planeten und Astrologie, ein weiteres unzüchtiges Buch."

In Tirol, Kernland der Gegenreformation, ist das ein Straftatbestand. Schneider Meringer erklärt, er habe sich die Bücher von Jakob Stainer ausgeliehen. Meringer und Stainer werden nach Brixen zur Regierung zitiert, ins heutige Bressanone, das immerhin 50 Kilometer südlich von ihren Wohnorten am Inn liegt. Beide Handwerker weigern sich standhaft, die mehrere Tagesmärsche dauernde Reise durch Tal und Gebirge anzutreten. Sie erklären höflich, aber selbstbewusst, dass sie gerne gekommen wären, "wann kein so große Hitzigkeit und Parteilichkeit sich erzeigete".

Geistig umnachtet oder geschäftstüchtig?

Fünfzehn Jahre sollte Jakob Stainer nach dieser Konfrontation mit der Obrigkeit noch leben. Auch das genaue Todesdatum im Jahr 1683 ist, wie vieles im Leben des Geigenbauers, bis heute unbekannt. Die letzten Jahre soll er, mit Anfang sechzig, in geistiger Umnachtung verbracht haben. Vielleicht wird ihm diese aber auch nur von Geschäftspartnern attestiert: Schließlich verhandelte der gefragte Handwerker auch weiterhin hart, für einen an den Münchner Hof gelieferten Kontrabass bekam er nach einer gepfefferten Beschwerde sogar zweimal Geld. Gegen die widrigen Umstände der Jahrzehnte nach dem 30-jährigen Krieg war der Geigenbauer Jakob Stainer extrem resistent. Etliche seiner Instrumente sind es bis heute – fast 300 Stück soll es noch geben.

Ein Surren in der Mitte des Tons

Der bekannte Alte-Musik-Dirigent und ehemalige Barockgeiger Reinhard Goebel war einer der ersten prominenten Musiker, die die öffentliche Aufmerksamkeit  auf Jakob Stainer lenkten.

Eine Bratsche aus der Werkstatt von Jacob Stainer. (imago images / Artokoloro)Auch die sogenannte Schnecke eines Instrumentes trägt besondere Züge eines jeden Geigenbauers. (imago images / Artokoloro)

"Die Stainers, die ich kenne, haben schon so ein 'rrrr' im Ton drin, so ein Surren. Und dieses Surren kriegen Sie nur, wenn Sie ganz vorsichtig mit dem Bogen probieren: Wo ist die Mitte des Tons? Und die Mitte des Tons surrt, weil der Ton von allein lebt. Und eine moderne Geige oder eine Stradivari in moderner Besaitung, in modernem Setup, die hat eine leere Saite, die total öde und einfältig ist, also die braucht irgendwie Vibrato und Klangformung. Und das ist bei diesen Geigen anders. Die offenen, leeren Saiten klingen schon nach Musik."

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