Seit 14:05 Uhr Kompressor

Freitag, 19.07.2019
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 11.07.2017

Zum 125. Geburtstag des PhilosophenWalter Benjamin und sein Berlin

Von Matthias Kußmann

Podcast abonnieren
Walter Benjamin (dpa / picture alliance / Heinzelmann)
Walter Benjamin (1892–1940) (dpa / picture alliance / Heinzelmann)

Berlin ist in den 1920er-Jahren der wichtigste Ort der Moderne in Europa. Fasziniert von der pulsierenden Metropole durchstreifte Walter Benjamin die Stadt und schrieb und erzählte von seinen Eindrücken und Erlebnissen.

"Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung …"

Walter Benja­min liebte Berlin. Tage und Nächte lang flanierte er durch die Stadt. Er sah, wie die Leute in ihren Vierteln lebten, nahm wahr, was sich än­der­te - und verirrte sich lustvoll.

"Berlin ist in den 20er-Jahren einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Ort der Mo­derne in Europa gewesen."

Der Germanist Detlev Schöttker hat in einem Buch alle Texte Benja­mins über Städte gesammelt.

"Alles, was an Entwick­lungen der Moderne stattge­funden hat, hat in Berlin seinen Ausdruck gefunden. Wenn man nur an die Zusammenballung von Men­schen denkt, die Ent­wick­lung der Technik ... der Bau von Mietskasernen, aber auch das Leben in Restau­rants, in Cafés, die Explosion des Buchmarktes, der Buchhandel, die Verlage, die Theater. Alles das hat Ben­jamin natürlich interessiert, an allem hat er teil­genom­men."

Walter Benjamin war ein gro­ßer Denker des 20. Jahr­­hunderts. Er lebte 40 Jahre in Berlin, schrieb über die Stadt und erzählte im Ra­dio­ von ihr. Doch der Se­nat tat sich nach seinem Tod lange schwer damit, an ihn zu erin­nern. Es gibt keine Ben­ja­min-Straße oder -Schule.

"Warum man nach Walter Benjamin nicht schon mal eine Straße benannt hat, ist mir rätselhaft. Es gibt eine Gedenktafel an dem Haus in der Prinzregenten­straße 66 in Wilmersdorf für ihn. Das war aber eine Wohnung, die er erst sehr viel später, als Erwach­sener bezogen hat. Zuletzt wohnten die Eltern im Grunewald, da gibt es nichts, und in dem Tiergarten-Lützow-Viertel, wo es ja mehrere Stellen gibt, die mit Walter Benjamin zu tun haben, gibt es auch nichts."

Der falsche Platz für Ben­jamin

… sagt der Stadtforscher Klaus Gaffron. Erst 2001 wurde nörd­­lich des Kurfürsten­damms der Wal­ter-Ben­jamin-Platz eingeweiht, ein spätes Gedenken. Klaus Gaffron steht am Rand des Platzes. Er schaut auf eine weite Fläche und graue, nüchtern-moderne Fassa­den.

"Wir sind auf dem Walter-Benjamin-Platz in Charlot­ten­burg. Der Walter-Ben­jamin-Platz hat nichts, über­haupt gar nichts mit Walter Benjamin zu tun."

… weil ihn mit diesem Viertel nichts verband. Die Woh­nung der Familie und das Gym­­nasium lagen einige Straßen weiter.

"Die Randbebauung selbst ist ganz vernünftig, mit bestimmt auch attraktiven Wohnungen. Das Problem ist diese Leerfläche dazwischen. Denn sie ist völlig versiegelt, was man heute überhaupt nicht mehr ma­chen würde. Der Platz ist letztlich eine Schnei­se und keine Piazza, wie es eigentlich sein soll. Wenn wir etwas weiter auf dem Platz gestanden hätten, hätten wir das Pfeifen des Windes gehört."

Nur einen kleinen Bezug zu Benjamin gibt es:

"Das Format die­ses Innenplatzes am Walter-Ben­ja­min-Platzes ist sehr ähnlich dem Format der Markt­halle vom Magdebur­ger Platz, wo er gewohnt hat, die er gern besucht hat und über die er auch geschrie­ben hat."

Eine zufällige Ähnlichkeit – die zu Benjamins Den­ken passt. Er schloss gern vom Unschein­baren auf Gro­ßes, und stellte überraschende Bezüge zwischen Men­­schen, Din­gen, Orten und Zeiten her. Er speku­lierte, im­provisierte, widersprach sich auch – ein Bruch mit der strengen System-Philosophie des 19. Jahrhunderts.

"Immer radikal – niemals konsequent …"

… war sein Motto. – Walter Benjamin wird am 15. Juli 1892 am Magdeburger Platz 4 in Berlin geboren, als Kind assi­milierter Juden, sein Vater ist Kunst­händler.

"Hier stand früher das Geburtshaus von Walter Ben­jamin, heute steht dort ein gesichtsloser Neubau. Hier am Platz sind nur noch zwei Häuser auf dieser Seite erhalten geblieben, die aus der alten Zeit stam­men. Diesem Geburtshaus direkt gegenüber auf dem Magdeburger Platz stand die Markthalle."

Die scheint das Kind beeindruckt zu ha­ben. In Benja­mins Buch "Berliner Kindheit um neun­zehn­­hundert" heißt es:

"Hinter Drahtverschlägen, je­der behaftet mit einer Nummer, thronten die schwer­beweglichen Weiber, (…) Marktweiber aller Feld- und Baumfrüchte, aller essbaren Vögel, Fische und Säuger, Kupplerin­nen, unantastbare strick­wolle­ne Kolosse, welche von Stand zu Stand miteinander, sei es mit einem Blitzen der großen Knöpfe, sei es mit einem Klatschen auf ihre Schürze, sei es mit einem busenschwellenden Seufzen, verkehrten. Brodelte, quoll und schwoll es nicht unterm Saum ihrer Röcke, war nicht dies der wahrhaft fruchtbare Boden?"

"Die Markthalle ist im Krieg zerbombt worden und wur­de erst zwölf Jahre später abgeräumt. Dann war es hier ein grüner Platz zum Ausruhen und Er­holen, heute zwitschern hier auch wieder die Vögel."

Vom Magdeburger Platz zieht die Familie in die Kur­fürsten­straße, ebenfalls Tiergarten. Das Haus mit der hellroten Sandstein-Fassa­de ist heute fast unver­än­dert – und über 100 Jahre im Besitz der­selben Familie. Einer der Eigentümer führt uns die Treppen hoch.

"Der zweite Stock, in dem die Familie Benjamin ge­wohnt hat, das ist übers ganze Geschoss ver­mutlich die Wohnung gewesen, das sind ca. 270 qm. Die haben auch eine hohe Decke mit 3,80 gehabt, große Berli­ner Doppeltüren zwischen den Räumen."

Damals waren die Wände mit dunklem Stoff be­spannt, teilweise auch die Türen. Heute sind die Räume licht, Türen und Wände weiß. Doch der edle Par­kettboden ist geblieben, genau wie der Stuck an den Decken und die Türen. Auch an der Auf­teilung der Räume hat sich nichts geändert.

"Damals wurde sehr opulent gebaut, das heißt, wir haben hier Fluchten von drei großen, mit Tafelparkett ausgelegten Räumen, auch große Erker und Balko­ne. Nach hinten sind dann die Bereiche, wo auch der Dienst­boten-Auf­gang war."

Da die Räume fast vier Meter hoch waren, gab es unter der Decke von Bad und Küche etwa 1 Meter 50 hohe Boxen, wo die Bediensteten hausten.

"Ich kenn Dienstbotenkammern, die sehr schmal sind, wie Toiletten auch, einen Meter 40 breit und vier Meter tief oder so. Aber dass man die auf die Hänge­böden geschoben hat, die Dienst­boten, das find ich allerhand, hab ich noch nicht gesehen. Er beschreibt das auch, Benjamin, dass er zu einer Gesell­schafts­­­schicht gehörte, als Kind selbst­verständlich, wo die armen Leute ‚Bettler‘ sind."

"Die Armen – für die reichen Kinder meines Alters gab es sie nur als ‚Bettler‘. (…) Und es war ein großer Fortschritt der Erkenntnis, als mir zum ersten Mal die Armut in der Schmach der schlecht bezahlten Arbeit däm­merte."

Begegnungen mit Bloch und Adorno

Im Stu­dium beschäftigt sich Benjamin mit Geschichte und Spra­che, Religion, Ästhetik und Kunstgeschich­­­­te – Themen, über die er auch schreibt. Der Plan, eine Zeit­schrift für "freie Geister" zu grün­den, scheitert, ge­nau wie der einer akademischen Kar­riere. Benja­min wird freier Autor und schreibt vor allem für die Pres­se. Er trifft Denker, die dem Marxis­mus nahestehen, wie Ernst Bloch und Theo­dor W. Adorno.

"Und dann kommt halt dazu, dass er sich in eine Kom­­­munistin verliebt, Asja Lacis, die er dann auch in Moskau besucht, und die Situation sich eben pola­ri­siert."

Der Benjamin-Biograf Lorenz Jäger.

"Er geht nicht in die Kommunisti­sche Partei, aber er ist im Grunde doch ein treuer, wenn auch manchmal unorthodoxer Parteigänger der Kommunisten und bleibt es auch sehr lange."

1928 er­scheint Benjamins Buch "Ein­bahnstraße". Er fragt: Wie verändert sich das Leben in der Moderne in Großstädten? Und wie das Schrei­ben? Er plädiert für Flugblätter oder Plakate, die Meinun­gen verbrei­ten – nur damit könne man das Bewusst­sein der Masse ändern:

"Nur diese prompte Sprache zeigt sich dem Augen­blick wirklich gewachsen. Meinungen sind für den Riesenapparat des gesellschaftlichen Lebens, was Öl für Maschinen; man stellt sich nicht vor eine Turbine und übergießt sie mit Maschinenöl. Man spritzt ein wenig davon in verborgene Nieten und Fugen, die man kennen muss."

"Benjamin verliert einen großen Teil seines Vermö­gens durch die Weltwirtschaftskrise. Da bekommt er die Chance, für den Rundfunk zu arbeiten – und weiter gesellschaftliche Themen anzusprechen."

"Dem folgte dann eine sehr intensive Arbeits­phase von 1929 bis etwa 1932/33, wo er sowohl im Süd­westdeutschen Rund­funk als auch in der Berliner Funkstunde regel­mä­ßig Beiträge sowohl produziert als auch selbst ge­spro­chen hat."

Die Germanistin Anja Nowak hat einen Band mit den Hörfunktexten Benja­mins mit herausgegeben.

"Er stand in der Zeit 80 Mal mindestens vorm Mikrofon und hat unzählige Sendun­gen selbst produziert. Er hat Literatur­vorträge gemacht, Gespräche, Hörspiele und Sendungen für Kinder."

Leider ist keine Aufnahme seiner Stimme erhalten. – In der "Berliner Jugend­stun­de" spricht er über soziale Themen – in einer neuen, unkonventionellen Art, etwa über die sprichwörtliche "Berliner Schnauze":

"Jeder von euch kennt natürlich eine Menge Ge­schich­ten, wo diese Schnauze so weit aufgerissen wird, dass das Brandenburger Tor darin Platz hätte ..."

"Er bindet die Kinder in die Vorträge ein, bezieht sich auf ihren Kenntnisstand. Er spricht zum Beispiel von den Miets­kaser­nen, von denen er denkt, er müs­se ihnen wahr­scheinlich nichts davon erzählen – weil, leider wissen sie ja, wie die aussehen … Er for­dert sie auf, raus zu gehen in die Stadt und selber zu erkunden und aktiv zu werden."

1933 geht Benjamin nach Paris

Als Jude und Kommunist geht Benjamin 1933 ins Pariser Exil. Dort schreibt er am "Passagen-Werk" weiter, zu dem er tausende Noti­zen hinterlässt.

"Seit Ende der 20er-Jahre verfolgt er im Grunde meh­rere Linien, sich Paris zu nähern. Als Übersetzer von Proust und vorher schon von Baudelaire. Und dann mit dem Projekt dieser, ich weiß gar nicht, wie man´s nennen soll, Sozialgeschichte, Kulturgeschichte, Bau­­­­­­geschichte, Revolutionsgeschichte der Stadt Paris im 19. Jahrhundert."

Doch er schreibt in Paris auch "Ber­liner Kindheit um 1900": Erinnerungen an Rätsel, Ängs­­te und den Zau­ber einer Kindheit – etwa Be­suche bei der Groß­tante, sie wohnte Steg­litzer/Ecke Genthiner Straße.

"In jede Kindheit ragten damals noch die Tanten, die ihr Haus nicht mehr verließen, die immer, wenn wir mit der Mutter zu Besuch erschienen, auf uns ge­wartet hatten, immer unter dem gleichen schwarzen Häub­chen und im gleichen Seidenkleide, aus dem gleichen Lehnstuhl, vom gleichen Erkerfenster uns willkommen hießen."

"Wir stehen in einer Straße, die es nicht mehr gibt, vor einem Haus, das es nicht mehr gibt. An der Genthi­ner Straße endete früher die Steglitzer Straße, die heute Pohlstraße heißt. An dieser Stelle steht jetzt Möbel Hübner, bitte keine Schleichwerbung, und die ganze großbürgerliche Gegend, die hier mal war, ist in der Genthiner Straße kaum noch zu erkennen."

Doch in Benjamins Buch ist sie aufgehoben. 1940 marschieren die Deutschen in Paris ein. Benjamin versucht illegal über die fran­zö­sisch-spanische Gren­ze zu kommen, und dann über Portugal in die USA. Vergeblich. In der Nacht vom 26. auf 27. Sep­tember nimmt er sich das Leben.

"Das Merkwürdige ist, dass er ja schon 1913/14 ein kleines Stück schreibt, das heißt ‚Metaphysik der Jugend‘, da finden wir den Satz: ‚Der also Leidende entsann sich seiner Kindheit. Damals war noch Zeit ohne Flucht und Ich ohne Sterben.‘ Und jetzt ist die Zeit der Flucht da und die Zeit des Sterbens. Das ist ja wie eine erfüllte Prophezeiung, furchtbar erfüllte Prophezeiung, die er sich da gestellt hat."

Walter Benjamins Philosophie hat vor allem die "kritische Theo­rie" um 1968 beein­flusst. Doch das Interesse an sei­nem Werk ist bis heute geblieben. Um seinen Nach­lass kümmert sich das Benjamin-Archiv der Berliner Akademie der Künste.

"Es gibt vom Studenten, der Studentin über Dokto­randen bis hin zu Professorinnen und Professoren Leute, die hierher kommen und sich mit Benjamins Schriften beschäftigen. Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die herkommen und die Manuskripte an­schauen wollen oder die Scans, um daraus was zu machen. Also ganz unterschiedliche Projekte, die hier entstehen, oder ein Teil davon entsteht hier."

… erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Nadine Werner.

"Dann ist natürlich auch das Benjamin-Archiv selbst mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Teil der Benjamin-Forschung. Im Moment wird hier an der neuen Benjamin-Ausgabe mitgearbeitet, Werk und Nach­lass."

Derzeit entsteht auch eine kommentierte Ausgabe der "Berliner Kindheit".

"Was Benjamin sehr gut trifft mit die­sen Texten ist eine bestimmte Art kindlicher Wahr­nehmung. Dinge, die man vergessen hat aus seiner Kindheit, und wofür er einen ziemlich guten Blick hat. Wie so ein Kind die Welt wahrnimmt, wofür es sich inter­es­siert und was sich später verliert mit dem Erwach­sen­werden."

"Es war ein dunkles, unbekanntes Berlin, das sich im Gaslicht um mich ausbreitete. Wir blieben im Be­reich des alten Westens (…). In den Fassaden aber war Licht zu sehen, das auf ganz eigene Weise sei­nen Weg in die Fenster nahm. Es hatte es nur mit sich selbst zu tun und legte sich, verführerisch doch schüch­tern, in die Fenster. Es zog mich an und stimmte mich nachdenklich …"

Literaturhinweise:

Bücher von Walter Benjamin:

- "Berliner Kindheit um 1900", Suhrkamp Verlag

- "Einbahnstraße", Suhrkamp Verlag

- "Über Städte und Architekturen", Hrsg. von Detlev Schöttker. Verlag DOM Publishers

- "Hörfunkarbeiten", Hrsg. von Thomas Küpper und Anja Nowak, Suhrkamp Verlag

Über Benjamin: - Lorenz Jäger: "Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten", Rowohlt Verlag

Mehr zum Thema

Eine Lange Nacht über Walter Benjamin - "Glückloser Engel"
(Deutschlandfunk Kultur, Lange Nacht, 15.07.2017)

"Rundfunkarbeiten" von Walter Benjamin - Der Wunsch nach kritischen Hörern
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 04.05.2017)

"Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten" - Erlösung und Klassenkampf
(Deutschlandfunk Kultur, das blaue sofa, 24.03.2017)

Biograf Lorenz Jäger - Walter Benjamin und die Erlösung
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 19.02.2017)

Philosophische Orte - Walter Benjamin in Paris
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 21.08.2016)

Länderreport

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur