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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.02.2014

ZukunftstrendsEin Manifest gegen die Gleichgültigkeit

Stephen Emmott: "Zehn Milliarden"

Von Johannes Kaiser

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Der Klimaforscher und Oxford-Professor Stephen Emmott möchte aufklären. Dafür stellt er sich auch auf die Bühne des Royal Theatre in London, um seinen mit alarmierenden Daten gespickten Weckruf in die Welt zu schicken. Unsere Ökosysteme und die Wirtschaft werden kollabieren, warnt Emmott.

"Ich wollte einfach nur herauszustellen, dass wir in Schwierigkeiten sind und uns noch größere Schwierigkeiten einhandeln, wenn wir weiterhin wachsen; und wir unternehmen nicht wirklich viel dagegen. Das Buch sollte vor allem ein Manifest gegen die Gleichgültigkeit sein. Wir sind kollektiv, so empfinde ich das, allzu gleichgültig gegenüber den Problemen, die wir anhäufen und die sich bemerkbar machen. Ich wollte das Buch so gestalten, dass es möglichst vielen Menschen zugänglich ist, eingeschlossen jene, die normalerweise keine Bücher lesen. Es ist nicht als Umweltbuch gedacht, sondern als Buch über uns. Ich habe mich dazu entschlossen, ein sehr kurzes Buch zu schreiben, weil ich denke, so sollte ein Manifest aussehen: ein auf den Punkt gebrachtes Statement über eine Sache, die von allerhöchster Wichtigkeit ist.“

Auf knapp 200 Seiten zählt Stephen Emmott im Schnellverfahren die wichtigsten Probleme auf, denen sich die Menschheit in nächster Zukunft gegenübersieht und dazu gehören Überbevölkerung, Wassermangel, Klimawandel, Nahrungsmittelkrise, Artenschwund, Ressourcenknappheit. Zu jedem Thema präsentiert er kurz, knapp, fast schon stichwortartig die Fakten und zieht daraus die Schlussfolgerungen. Sie sind alles andere als beruhigend. Beispiel Ernährung:

“Wir stehen vor dem grundsätzlichen Problem, eine Möglichkeit zu finden, bis 2050 neun Milliarden von uns zu ernähren und dann zehn Milliarden in den Jahrzehnten danach. Wir können es teilweise lösen, indem wir die Nahrungsmittelverschwendung reduzieren oder sogar eliminieren. Aber auch das wird nicht ausreichen, um neun oder zehn Milliarden zu ernähren.“

Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt derzeit sogar noch stärker als die Weltbevölkerung und das ist Stephen Emmotts Ansicht nach drei Gründen zu verdanken: Je reicher wir werden, desto mehr essen wir. Je reicher wir werden, desto mehr essen wir aus bloßem Zeitvertrieb. Je reicher wir werden, desto mehr Fleisch essen wir. Das aber hat erhebliche Konsequenzen. Um all diese Fleischesser tatsächlich mit Geflügel, Schweinen, Rindern versorgen zu können, müssen erheblich mehr Futtermittel, vor allem Soja und Getreide angebaut werden.

Eine Tafel Schokolade verschlingt 27.000 Liter Wasser

Dazu braucht man Kunstdünger und Pestizide sowie Ackergeräte und Transportmittel, also große Mengen zusätzlicher Energie, sprich Erdöl. Das wird bald knapp werden. Um neue landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen, müssen noch mehr Wälder als bisher gerodet werden. Die fallen damit als Wasserspeicher und Wasserfilter aus. Gleichzeitig muss ein immer größerer Teil der Äcker künstlich bewässert werden. Bereits heute verbraucht die Landwirtschaft 70 Prozent allen Trinkwassers, während gleichzeitig über eine Milliarde Menschen unter extremer Wasserknappheit leiden. Die Verhältnisse werden sich noch verschlimmern, so Emmott:

(Suhrkamp Verlag)Cover: Stephen Emmott: "Zehn Milliarden" (Suhrkamp Verlag)“Wir entnehmen Grundwasser in viel rascheren Ausmaß, als es wieder aufgefüllt wird. Das ist ziemlich überraschend, wenn man berücksichtigt, dass die Wasserreservoire sehr bedeutend sind. Es gibt eine Reihe von Gründen, warum die Grundwasserreserven schneller abnehmen, als sie ersetzt werden. Grundwasser wird vor allem für Bewässerung eingesetzt.“

Stephen Emmott rechnet vor, was das konkret bedeutet: In allen Produkten des täglichen Lebens steckt virtuelles Wasser, also Wasser, das für ihre Herstellung verbraucht wurde. Um ein Hähnchen zu erzeugen, werden 9.000 Liter Wasser benötigt, eine Tafel Schokolade verschlingt sogar 27.000 Liter Wasser und besonders pervers: um eine Plastikliterflasche für Wasser herzustellen, braucht man vier Liter Wasser. Schlussfolgert der Autor im Buch:

“Kurzum: Wir konsumieren Wasser genau wie Nahrungsmittel in einem Ausmaß, das völlig untragbar ist.“

Stephen Emmott hat in seinem Buch zahlreiche Studien verarbeitet, ohne dass er sie noch einmal ausdrücklich erwähnt oder per Zitat belegt. Es gibt keine Fußnoten, nur einige kommentierte, aus diversen Wissenschaftsveröffentlichungen übernommene Statistiken und eine Handvoll beeindruckender Fotos. Seine Aussagen mögen für diejenigen, die sich mit der Materie bereits auseinandergesetzt haben, nicht neu sein. Allerdings hat keiner bislang so drastische Rückschlüsse aus unserem verschwenderischen Lebensstil gezogen. Welches Thema er auch aufgreift, nirgends sieht er Anlass zu Optimismus. Das Artensterben, der Verlust der Biodiversität schreitet rasch voran. Der Klimawandel verstärkt sich rapide. Die Politik unternimmt nichts.

Unmissverständlicher Warnruf

“Allem Anschein nach werden auf 20 Jahre der leeren Worte und des Nichtstuns weitere 20 Jahre der leeren Worte und des Nichtstuns folgen.“

Selbst die grünen Energietechnologien, die Erneuerbaren bieten für Stephen Emmott keine Lösung. Sie kommen zu spät, können den steigenden Energiebedarf nicht abdecken, ihre Herstellung erfordert mehr Metalle und Seltene Erden, als vorhanden sind. Atomenergie wäre für ihn eine Alternative. Doch auch hier passiert nichts.

“Ich würde sagen, es ist ein realistischer Ausblick auf die Zukunft, außer, wir unternehmen etwas dramatisch Anderes und verändern unser Verhalten. Dieser Pessimismus ist schon beabsichtigt. Es geht darum, die Situation, so wie sie ist, darzustellen. Das Problem ist: Sie ist im Hinblick auf den Ausblick tatsächlich sehr pessimistisch. Wir könnten das ändern, wenn wir wirklich die Beweise dafür berücksichtigten, was passiert, wenn wir versagen.“

So schlüssig Stephen Emmott argumentiert, so einleuchtend seine Schlussfolgerungen, so unmissverständlich sein Warnruf, seine Brandschrift wird wie so viele vor ihr vermutlich ungehört verhallen. Es sei denn, wir würden unser Verhalten tatsächlich radikal verändern. Das aber steht nicht zu erwarten. 

Stephen Emmott: "Zehn Milliarden"
Aus dem Englischen Anke Caroline Burger
Suhrkamp Verlag Berlin
204 Seiten, 14,95 Euro

 

 

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