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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 03.07.2020

ZukunftsträumeWeltschmerz als Schritt in eine schönere Welt

Überlegungen von Lino Zeddies

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Ein futuristischer dunkler Korridor in den von den Rändern her Licht fällt (imago images/Westend61)
Wir haben kaum eine Vorstellung davon, wie unglaublich viel schöner diese Welt sein könnte, meint Lino Zeddies. (imago images/Westend61)

Krisenbewältigung und Pragmatismus lassen wenig Raum für Utopien. Doch die Sehnsucht nach einer schöneren Welt mit Leben zu füllen, ist ein wichtiger Baustein des Glücks, meint Autor Lino Zeddies. Auch wenn der Weg dahin schmerzvoll sein kann.

Während des Schreibens meines Buches "Utopia 2048" über eine gesellschaftliche Zukunftsvision habe ich mich regelmäßig gefragt, warum es Dystopien wie Sand am Meer gibt und in der Öffentlichkeit so unheimlich viel darüber geredet wird, was in der Gesellschaft alles schief läuft, wenn doch die Beschäftigung mit inspirierenden und strahlenden Utopien eigentlich viel erfüllender und freudvoller ist?

Ich vermute, dass die Erklärung darin liegt, dass die persönliche Öffnung für die Möglichkeit einer schöneren Welt paradoxerweise ein sehr schmerzhafter Prozess sein kann. Je mehr man das Gefühl zulässt, dass diese Welt unglaublich viel schöner sein könnte, desto schmerzhafter wird es, den normalen Alltag zu ertragen.

Die Schönheit der Welt kann auch traurig machen

Ich selbst habe in den letzten Jahren insbesondere nach Erfahrungen berührender Naturverbundenheit, tiefer Gemeinschaft und inspirierender Begegnungen regelmäßig Trauerprozesse durchlebt.

Insbesondere die Rückkehr nach solchen Erfahrungen in den "normalen" Alltag unserer Gesellschaft verdeutlichte mir manchmal sehr heftig, wie abgeschnitten wir typischerweise von uns selbst, von der Natur und voneinander sind und wie viel Leid in unserer Gesellschaft unter der Oberfläche der Normalität herrscht. 

Beispielsweise moderierte ich einmal bei einer alternativen Freischule einen Leitbild-Workshop und war sehr positiv berührt von dem dort wahrgenommenen tiefen Wunsch der Eltern und Lehrer*innen, die Schule als liebevolles und freudvolles Umfeld aufzubauen, in dem sich die Kinder frei und glücklich zu starken Persönlichkeiten entfalten können. 

Als ich später am Abend zurück in meiner Wohnung in Berlin war, überkam mich eine tiefe Trauer darüber, wie lieblos und befremdlich meine eigene, vergleichsweise unbeschwerte Schulzeit im Kontrast zum Geist dieser Schule gewesen war. Wie ich später erfuhr, war es meiner Kollegin, mit der ich den Workshop gemeinsam moderiert hatte, ähnlich ergangen.

Insofern kann die Beschäftigung mit der Möglichkeit einer schöneren Welt das Herz aufreißen, wodurch auch das viele Leid in der Gesellschaft intensiver erlebt wird: die kollektive Einsamkeit und Oberflächlichkeit, die Zerstörung der Natur, die Geflüchteten an unseren Grenzen, das Elend der Massentierhaltung und der Lärm und die Hässlichkeit vieler Städte.

Beim Fühlen gilt: alles oder nichts

Der Weg in die neue Welt führt wohl auch durch ein Tal der Tränen. Wer vor diesem Tal zurückschreckt, trifft jedoch keine gute Entscheidung. Denn wer sein Herz vor dem Schmerz in der Welt verschließt, der verschließt es auch vor dem Schönen. Genau wie man die Ohren nicht darauf einstellen kann, allen Lärm auszublenden, um nur noch Beethoven und Vogelgesang zu hören, so gilt auch beim Fühlen: alles oder nichts. Der Preis dafür, die Trauer und den Schmerz der Welt nicht zu fühlen, ist es, weniger lebendig zu sein. Dieses Los scheint viele Menschen zu treffen.

Doch mehr denn je braucht es fühlende Menschen mit offenem Herzen. Um zur Analogie mit dem Hören zurückzukehren: Es braucht Menschen, die ihre Ohren nicht vor dem Lärm verschließen, sondern ihn in voller Dröhnung wahrnehmen und sich deshalb daran machen, die Lärmquelle zu beseitigen. Jede Erfahrung einer schöneren Welt macht die alte weniger erträglich.

Doch genau das ist es, was es braucht: Immer mehr Menschen, denen das Leid der Welt schmerzlich bewusst wird, denen es unmöglich wird, sich in der großen Maschine weiter zu beteiligen und die damit das System zum Stillstand bringen, sodass etwas Neues entstehen kann.

Ich bin überzeugt: Wir haben kaum eine Vorstellung davon, wie unglaublich viel schöner diese Welt sein könnte. Wagen wir also etwas utopischen Weltschmerz.

Schwarz-Weiß-Porträt von Lino Zeddies  (Sandra Kühnapfel) (Sandra Kühnapfel)Lino Zeddies, geboren 1990, ist Ökonom, Aktivist und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er engagiert sich für gesellschaftlichen Wandel sowie Reformen des Wirtschafts-, Geld- und Finanzsystems. Zeddies ist auch als Organisationsberater und Coach tätig. Im April 2020 erschien sein Buch "Utopia 2048", in dem er die zahlreichen kleinen und großen Lösungen für eine schönere Welt erzählerisch zusammenfügt.

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