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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.11.2015

Zukunftsmodell eines VerkehrsplanersFahrräder künftig gleichberechtigt mit Autos?

Peter Gwiasda im Gespräch mit Ute Welty

Ein Fahrradfahrer fährt zwischen Autos vorbei, die sich an einer Einfallstraße von Frankfurt am Main im Berufsverkehr stauen. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Ein Fahrradfahrer fährt zwischen Autos vorbei, die sich an einer Einfallstraße von Frankfurt am Main im Berufsverkehr stauen. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Die Rückkehr der Zweiräder auf die Fahrbahn sei eine unaufhaltsame Tendenz und sinnvoll für ein verträgliches Miteinander, sagt der Verkehrsplaner Peter Gwiasda. Radfahrer sollten etwa wählen können, ob sie Radwege oder Fahrbahnen nutzen. Die Möglichkeit dafür bestehe seit 18 Jahren.

Der Verkehrsplaner und Radverkehrsexperte Peter Gwiasda begrüßt die Rückkehr der Radler auf die Fahrbahn. "Da hat man sich lange vor gedrückt", sagte Gwiasda im Deutschlandradio Kultur angesichts der Ankündigung der Stadt Köln, die Radweg-Benutzungspflicht im Regelfall aufzuheben. Der Gesetzgeber habe sogar bereits 1997 die Möglichkeit geschaffen, dass Fahrradfahrer die normalen Straßen benutzen können, auch wenn ein Radweg vorhanden ist. Die Forderung bestehe angesichts vieler schmaler, konfliktträchtiger Radwege seit langem, doch die mögliche Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht sei bisher "ein wenig unter den Tisch gekehrt" worden. Mittlerweile werde dies verstärkt diskutiert "und das ist auch gut so", sagte Gwiasda, der mit seinem Planungsbüro VIA für das Kölner Radverkehrskonzept Innenstadt zuständig ist.

"Wer schneller vorankommen will, darf auf der Fahrbahn fahren"

Dort, wo ein Radweg vorhanden sei, handele es sich dann um eine Wahlmöglichkeit für Radler, ob sie die Fahrbahn oder den Radweg benutzen wollen, stellte der Radverkehrsexperte klar. "Dass man sagt, die, die schneller vorankommen wollen, dürfen auch die Fahrbahn benutzen." Im sogenannte dualen System dürften natürlich diejenigen Radfahrer, die sich auf dem Radweg sicherer fühlten, diesen auch weiter benutzen, auch wenn auf diesem ein schnelleres Fahren nicht unbedingt möglich sei. "Wer schnell vorankommen will, der darf aber auf der Fahrbahn fahren."

Für jede Straße eine angepasste Lösung

Der Radverkehrsexperte erläuterte sein Zukunftsmodell für den Radverkehr: Danach werde es einerseits weiter Straßen geben, wo angesichts von 50.000 Fahrzeugen nach wie vor alle Radfahrer auf dem Radweg fahren würden. Umgekehrt seien in Straßen mit Tempo-30-Zonen alle Radfahrer grundsätzlich auf der Fahrbahn unterwegs. Bei den Straßen im Zwischenbereich sei entweder ein markierter Radfahrstreifen denkbar, wie er bereits in Berlin weit verbreitet ist oder ein Schutzstreifen. Neuere Überlegungen zielten auch darauf ab, den rechten Fahrstreifen nach dem amerikanischem Vorbild der "Shared-Bike-Lane" aufzuteilen, um diesen von Radfahrer und Autos bei Tempo 30 gemeinsam nutzen zu lassen. "Wir haben ein großes Instrumentarium, das auch für alle Straßen verträglich zu regeln", betonte Gwiasda.

Angesichts schwerer Verkehrsunfälle in den Städten für ein besseres Miteinander

Insbesondere würden auch die Fußgänger von der Zuordnung des schnelleren Radverkehrs zur Fahrbahn profitieren. Auch wenn es weiterhin schnelle Straßen geben wird, auf denen sich Autofahrer darauf verlassen könnten, "der Radfahrer ist auf dem Radweg", gehe die Tendenz in den Städten angesichts schwerer Verkehrsunfälle zu mehr Tempo 30-Straßen – "und dadurch zu einem verträglichen Miteinander."

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