Seit 06:20 Uhr Wort zum Tage

Montag, 22.10.2018
 
Seit 06:20 Uhr Wort zum Tage

Interview | Beitrag vom 12.10.2018

"Zukunftslabor" für Kultur in StuttgartWie man Erstsemester für Klassik begeistert

Birgit Schneider-Bönninger im Gespräch mit Dieter Kassel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Orchester probt in einem Konzertsaal. Im Vordergrund: Ein Streichinstrument. (Manuel Nageli/Unsplash)
Auch hier trifft Jugend auf klassische Musik: Das Landesjugendorchester Baden-Württemberg bei einem Konzert in Stuttgart. (Manuel Nageli/Unsplash)

In Stuttgart hat das Kulturamt Studierende gefragt, wie sie sich das Konzerthaus der Zukunft wünschen. Seine Leiterin Birgit Schneider-Bönninger sagt, man brauche keinen Musentempel, sondern einen "lebendigen Treffpunkt für die ganze Stadtgesellschaft".

Stuttgart ist die erste deutsche Stadt, die im Bereich Kultur ein "Zukunftslabor" hat. Dafür hat die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg 2017 den "Kulturmarken-Award für Stadtkultur" erhalten. Gestartet ist das "Zukunftslabor" im Bereich Musik. Ziel war es, die Bedürfnisse des Publikums, vor allem von jungen Menschen zu eruieren, sagt Birgit Schneider-Bönninger, die Leiterin des Kulturamtes Stuttgart.

Überraschendes Konzert-Barometer

Teil des Labors seien Kultur-Umfragen an ungewöhnlichen Orten, zum Beispiel im Fußballstadion, die sich auch an bisherige Nicht-Besucher richten, um "Stimmungslagen und Bedürfnisse der Stadtgesellschaft einzufangen", erklärt Schneider-Bönninger. Zum Beispiel habe man ein "Konzert-Barometer" mit jungen Studierenden entwickelt.

Dabei nehme man 50 Studierende in ein Konzert der Stuttgarter Philharmoniker mit: "Es hat sich herausgestellt, dass von 50 Erstsemestern 47 noch nie in einem klassischen Konzert waren. Wir wollten eruieren: Wie berührt das Konzert? Warum wart ihr damit noch nie in Berührung? Was müsste passieren, damit man noch mehr ins Konzert geht?" Alle Studierenden seien völlig begeistert von dem analogen Konzerterlebnis, aber sie hätten nicht gewusst, dass man für sieben Euro jedes Konzert der Stuttgarter Philharmoniker besuchen kann.

Sehnsucht nach Berührung

Das zweite Ergebnis des Konzert-Barometers sei gewesen, dass für die Studierenden eine "starke Sehnsucht nach menschlicher Berührung" im Vordergrund stehe, nicht das Digitale. Sie hätten sich Begegnungsformate mit dem Dirigenten und den Musikern gewünscht: "Da haben wir jetzt einen Post-Konzert-Talk mit dem Dirigenten eingeführt."

Eine andere spannende Frage sei gewesen, wie ein Konzerthaus des 21. Jahrhunderts aussehen müsste. Stuttgart habe ja die Vision, eine neue Konzerthalle zu bauen, sagt Schneider-Bönninger. Herausgefunden habe man, dass ein Konzerthaus der Zukunft kein Musentempel mehr sein müsse, es müsse "24 Stunden offen sein, ein lebendiger Treffpunkt für die ganze Stadtgesellschaft" mit extremster Aufenthaltsqualität. Dabei hätten die Studierenden auch pfiffige Ideen gehabt: zum Beispiel ein Fitness-Studio für die Profi-Musiker oder ein Klangspielplatz für die Kleinen.

(cre)

Mehr zum Thema:

Interview zur Serie "Klassik drastisch" - Zwei Klassik-Nerds über ihre Liebe zur Musik
(Deutschlandfunk Kultur, Echtzeit, 2.6.2018)

Klassische Musik in der Krise? - "Das Opernpublikum läuft davon"
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 18.1.2018)

Interdisziplinäre Konzertforschung - Klassische Musik neu erleben
(Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 6.9.2018)

Interview

BinnenschifffahrtDem Rhein geht das Wasser aus
Zwei Schiffe fahren bei Niedrigwasser über den Rhein, zu sehen sind auch Sandbänke, die aus dem Wasser ragen. (dpa / Rolf Vennenbernd)

Transportschiffe auf dem Rhein müssen ihre Ladungen inzwischen verringern. Die Binnenschifffahrt sei durch den Wassermangel noch nicht gefährdet, sagt Silke Rademacher von der Bundesanstalt für Gewässerkunde, aber: "Wir brauchen lang anhaltenden Regen."Mehr

Schmerz und SpracheWenn schon Worte weh tun
Kopfschmerzen sind schon bei jungen Menschen verbreitet. (dpa/picture alliance/Frank Rumpenhorst)

Im Umgang mit Patienten ist schon beim Gespräch über Schmerzen Vorsicht angebracht, sagt die Psychologin Maria Richter. Sie hat das Verhältnis zwischen Schmerz und Sprache untersucht und gibt Empfehlungen für Ärzte und Angehörige. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur