Dienstag, 26.10.2021
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 30.01.2017

Zukunftshistoriker Joachim RadkauIrrtümer und Nutzen von Zukunftsvisionen

Joachim Radkau im Gespräch mit Liane Billerbeck und Hans-Joachim Wiese

Abgestorbene Fichten im Harz (picture alliance / Stephan Persch)
Waldsterben: ein Problem, das man ernst nehmen muss. Allerdings hieß es vor ein paar Jahrzehnten, bald werde es keinen Wald mehr geben. (picture alliance / Stephan Persch)

Politik wird auch und vor allem auf der Basis von Zukunftserwartungen gemacht. Der Historiker Joachim Radkau hat erforscht, wie sich die Deutschen seit 1945 ihre Zukunft vorgestellt haben - und wie das viele Entscheidungen beeinflusst hat.

Das Waldsterben geht immer weiter, bis es keine Bäume mehr gibt, und der Sozialismus wird siegen: Zwei Annahmen aus der Vergangenheit, die sich als falsch herausstellten. Dennoch wurde im Glauben an ihre Richtigkeit Politik gemacht. Der Historiker Joachim Radkau hat nun erforscht, wie sich die Deutschen seit 1945 ihre Zukunft ausgemalt haben.

Hat sich mit der Zukunft in der Vergangenheit beschäftigt: der Bielefelder Historiker Joachim Radkau (picture alliance / dpa / Uni Bielefeld / Norma Langohr)Hat sich mit der Zukunft in der Vergangenheit beschäftigt: der Bielefelder Historiker Joachim Radkau (picture alliance / dpa / Uni Bielefeld / Norma Langohr)

Auch heute hätten fast alle politischen Diskurse irgendwie mit Zukunft zu tun, so Radkau im Deutschlandradio Kultur.

"Aber als Zukunftshistoriker braucht man auch einen gewissen detektivischen Blick. Immer wenn Zukunft allzu penetrant beschworen wird, muss man auch misstrauisch werden, verbergen sich dahinter vielleicht bloße Wunschvorstellungen, oder ist es ein Zweckoptimismus, oder kaschieren die Leute damit, dass sie in Wahrheit eine durchaus gegenwartsorientierte Politik betrieben, vielleicht mit dem ganzen Zukunftsklamauk nur Fördergelder einheimsen wollen."

Man müsse da Detailforschung betreiben. Joachim Radkau gilt auch als Pionier der Umweltgeschichte der Bundesrepublik. Hier zeige sich, dass auch Ängste Motor für gesellschaftliches Handeln sein können.

"Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass pessimistische, besorgte Zukunftseinstellungen eigentlich produktiver sind als allzu utopisch angehauchte Vorstellungen."

Horroszenarien der Umweltbewegung

So sei das Grundproblem der Umweltbewegung, eine Beziehung zwischen dem Blick auf Zukünfte und den vitalen Impulsen aus Problemen der Gegenwart herzustellen. Der Historiker zitiert den Horror vor der Kernenergie, den Waldsterben-Alarm, später den Klima-Alarm, der ablenke von den Risiken der Kerntechnik und die unheilvolle Wirkung der Kohle-Emissionen in den Blick nehme.

"Die Umweltbewegung war im Grunde zwischen zwei verschiedenen Horrorszenarien der Zukunft hin und her gerissen, und erst der Aufstieg der erneuerbaren Energien hat dieses Dilemma gelöst."

Ganz grundsätzlich führe, so Joachim Radkau, das Bewusstsein über die Unsicherheit im Blick auf die Zukunft zu einem schärferen Blick auf die vielfältigen Potenziale der Gegenwart.

"Dass ist für mich überhaupt das Kriterium, ob Zukunftsszenarien, Zukunftsvisionen wirklich nützlich sind, ob sie auch zu einem schärferen Blick auf die Gegenwart führen."

Joachim Radkau: Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute
Carl Hanser Verlag, München 2017
544 Seiten, 28,00 Euro

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