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Interview | Beitrag vom 09.07.2021

Zukunft der InnenstadtEin Ort für soziale Wesen

Thomas Krüger im Gespräch mit Nicole Dittmer

In der Münchner Innenstadt sind viele Menschen unterwegs. Das Bild ist verwischt, so das keine konkreten Personen erkennbar sind, die Szenerie aber schon. (picture alliance / Martin Ley )
Viele Menschen in der Fußgängerzone: Stadtplanungsforscher Thomas Krüger möchte, dass deutsche Innenstädte mehr als Konsum bieten. (picture alliance / Martin Ley )

In den Innenstädten müsse es Platz für Experimente und Kreative geben, fordert Thomas Krüger. Der Professor für Stadtplanung erwartet, dass die üblichen Filialisten bald Flächen abgeben. Das sei eine Chance, "Innovationsmieter" anzusiedeln.

Der Deutsche Städtetag will die Innenstädte retten, sieht aber offenbar die Gefahr aufziehen, die in der explosiven Mischung aus hohen Mieten, Corona-leeren Läden und einem immer weiter wachsenden Online-Handel lauert. "Städte sind Orte für Menschen", heißt es nun in einem Positionspapier, das der Städtetag zur Zukunft der Innenstadt veröffentlicht hat.

"Orte für Jung und Alt, für Familien und Alleinstehende, zum Leben und zum Wohnen, genauso wie zum Arbeiten" sollten die Innenstädte sein, heißt es darin. Aufgabe der Städte sei es, die Angebote in den Innenstädten an die neuen Bedürfnisse und Erwartungen der Menschen anzupassen. "Wir brauchen einen neuen Mix", heißt es in dem Papier.

Funktionsverlust als Ort des Konsums

Thomas Krüger, an der Hamburger Hafen City Universität Professor für Projektentwicklung und -management in der Stadtplanung, sieht das genauso: Die Zeit sei vorbei, in der die immer uniformer gewordenen Innenstädte nur noch dem Konsum dienen könnten.

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Die Gründe für den Funktionsverlust der Innenstädte als Konsumtempelgelände sieht Krüger in unternehmerischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Die üblichen Ladenketten in der City erwirtschafteten immer größere Anteile am Umsatz online, auf der anderen Seite kauften auch die Menschen mehr online – und wenn sie noch in einen Laden mit Geschäftsraum gingen, dann eher im Shoppingcenter oder in der Nähe des Wohnorts.

Die Ladenketten, die in jeder Fußgängerzone anzutreffen seien, werden die Flächen reduzieren, prophezeit Krüger, das merke man auch schon an den Mieten, die im Sinken seien. 

Der Mensch als soziales Wesen

Bevor die Stadt veröde, sollte sie also andere Funktionen übernehmen, meint Thomas Krüger: "Es könnte sein, dass wir nicht des Konsums wegen in die Innenstadt kommen, sondern um was zu erleben, um Freunde zu treffen, um Konzerte zu hören, um ganz tolle, besondere Angebote zu sehen, um Kunst und Kultur zu genießen und nebenbei noch einzukaufen."

Krüger fordert eine Rückbesinnung: "Darauf, dass die Innenstädte die Mitte der Stadt sind, so etwas wie die Öffentlichkeit der Stadt, der große Treffpunkt, der Ort, wo sich die Gesellschaft trifft, wo die Menschen was erleben können – als soziale Wesen und nicht nur als Konsumenten."

Ihm schwebt eine vielfältige Gastronomie vor, aber auch Orte, an denen man sich ohne Konsumzwang setzen könne, Marktplätze, Flächen zum Spielen, vielleicht eine Bühne, wo das Städtische Orchester frei spielt oder andere Gruppen. "Im Prinzip ist immer was los: Kunst, Kultur und nebenbei Konsum."

Platz für Experimente

Da sich die Ladenketten ohnehin zurückzögen, gebe es genug Entfaltungsmöglichkeiten: "Wir haben Platz für kulturelle Einrichtungen, wir haben Platz für Handwerk, wir haben Platz – das ist besonders wichtig – für Experimente." Es bedürfe einer neuen Gründergeneration.

Thomas Krüger blickt in Richtung der Kamera. Er träge eine dunkle Jacke und ein helles Hemd, der Blick durch die Fenster hinter ihm zeigt einen weiteren Flügel des Gebäudes, in dem Krüger steht. (HCU Hamburg)Thomas Krüger rechnet damit, dass Ladenmieten in Innenstädten sinken. (HCU Hamburg)

Krüger ist sicher, dass die Mieten deutlich sinken werden, allerdings wohl noch nicht überall so weit, dass Innovationsmieter einziehen könnten. "Da müssen wir wohl ein bisschen nachhelfen", sagt er. "Kein Vermieter will mit 15 Kreativen jeweils einzelne Mietverträge abschließen." Auf der einen Seite eine bunte Schar von Kreativen und auf der anderen Seite einen konservativen Vermieter – das funktioniere nicht, sondern überfordere. "Wir brauchen Intermediäre, die die Brücke bauen", zeigt er einen Lösungsansatz auf.

In Hamburg etwa gebe es die Kreativgesellschaft, die Künstler in Gewerbeflächen bringen – so etwas brauche man auch für die Innenstadt, für kommerziellere Nutzungen.

Innenstadtmanagement für die Transformation

Die Kommunen selbst seien eher nicht optimal für diese Aufgabe aufgestellt, meint Krüger: "Wir brauchen eigentlich ein Innenstadtmanagement." Das habe auch der Deutsche Städtetag zu Recht gefordert: In dieser Einheit müssten dann Menschen arbeiten, die etwas verstehen von Handel, Kultur, Erlebnissen und von Immobilien. "Das sind sehr komplexe Themen, wo verschiedene Welten verbunden werden müssen."

Die Kommunen selbst seien damit eher überfordert, vermutet Krüger: "Das ist nichts für eine Amtsstube." Am besten sei es, so Krüger, wenn es dafür Beauftragte gebe, die dann schnell und auch konsequent handeln könnten.

(mfu)

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