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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 14.05.2021

Zukünftige Rabbinerin Helene BraunQueer, feministisch, jüdisch

Von Clara Engelien

Porträt der zukünftigen Rabbinerin Helene Braun. (Helene Braun)
Helene Braun ist vermutlich die jüngste angehende Rabbinerin, die es je in Deutschland gab. (Helene Braun)

Bevor die meisten Rabbinerinnen werden, haben sie bereits eine langjährige Ausbildung hinter sich. Doch bei Helene Braun ist das anders. Sie hat schon mit 20 beschlossen, Rabbinerin zu werden, und bringt dabei viele neue Ansichten ein.

Als Helene Braun im neuen WDR-Format "Freitag Nacht Jews" gefragt wird, wofür sie sich als Rabbinerin einsetzen will, muss sie nicht lang überlegen: "Nachhaltigkeit, Feminismus und Queerness im Judentum."

Mit 23 Jahren ist Helene Braun, oder auch "Leni Lafayette", wie sie auf Instagram heißt, die jüngste Studierende am Abraham Geiger Kolleg – und vermutlich die jüngste angehende Rabbinerin, die es je in Deutschland gab.

Zwischen Bildern von regenbogenfarbenen Zebrastreifen, von ihr und ihren Freunden beim Christopher Street Day oder Fridays-for-Future-Demonstrationen finden sich auf ihrem Instagram-Profil auch Einblicke in ihre Schabbat-Vorbereitungen, Bilder aus der Synagoge und bunte Erklärungen jüdischer Bräuche und Begriffe.

"Eigentlich war mein Ziel auch immer in erster Linie, junge Menschen anzusprechen in Deutschland – nicht-jüdische Menschen anzusprechen, um aufzuzeigen, dass es jüdisches Leben gibt, und wie das aussehen kann, und junge jüdische Menschen dazu zu motivieren, an ihrer Religion dranzubleiben, sich zu engagieren, sich stark zu machen, eine starke jüdische Identität aufzubauen, sich zu vernetzen."

Es fehlte an jungen Frauen

Genau das tut Helene Braun schon ihr ganzes bisheriges Leben. Groß geworden in der liberalen jüdischen Gemeinde in Hannover, wurde sie dort früh Jugendleiterin. Mit 20 entschloss sie sich, Rabbinerin zu werden. Das entscheidende Erlebnis, das sie dazu verleitete, war eine Reise in die USA.

"Ich war in den USA auf einer großen Konferenz und hab dort viele junge Rabbiner:innen miterlebt und hab dann so für mich selber mit dem Blick auf Deutschland gesehen, ah so viele Rabbinerinnen gibt es ja gar nicht, und so viele junge Frauen, die das machen, sowieso nicht, und es gibt auf jeden Fall noch lange nicht genug. Also fehlt es da noch an jungen Frauen, die sich einbringen."

Als Rabbinerin möchte Helene Braun eine andere Herangehensweise an die jüdischen Quellen etablieren. Starke Frauenfiguren gebe es da einige, sie ist zum Beispiel von Miriam inspiriert.

"Was ich sehr gerne mache, ist einfach alle Frauen, die es in der Tora gibt, in den Texten zu beleuchten: Wenn ich eine Predigt schreibe, mich auf die Frauen zu konzentrieren, die in dem Wochenabschnitt drin vorkommen, und die Männer mal beiseitezulassen."

Vielleicht nicht verwunderlich, dass sich Helene Braun besonders für Jüdinnen stark macht.

"Alles, was ich weiß, und alles was ich kenne aus dem Judentum, habe ich von meiner Mutter gelernt. Ich habe wirklich alles von zu Hause mitbekommen, wie man die Feiertage feiert, was es für Regeln gibt, wie wir zu Hause koscher kochen und auch alle Traditionen und Bräuche. Und hab das dann auch genau so weitergeführt, als ich ausgezogen bin."

Ein Tag ohne Handy

Das gilt auch für den Schabbat, der ihr schon immer wichtig war: Freitagabend Kerzen zünden, der Kiddusch, also das Gebet über den Wein, etwas Besonderes kochen und natürlich der Ruhetag, an dem die Welt für einen Tag entschleunigt wird.

"Es schadet nicht, einen Handy-Day-Off zu machen. Ich habe wirklich auch sehr lange mein Handy ausgemacht und beiseite gelegt, mittlerweile mach ich das nicht mehr, weil ich mich das nicht traue. Und zwar mit dem Hintergrund, dass ja auch Dinge passieren, wo ich einfach Angst habe, dass ein Anschlag oder etwas Furchtbares passiert und ich das nicht mitbekomme."

Es fehlte an sichtbarer jüdischer Queerness 

Auch wenn ihr Verhalten in diesem Punkt von Sorge geprägt ist, ist Helene Braun grundsätzlich kein ängstlicher Mensch. Sehr beherzt setzt sie sich für die Anliegen queerer Jüdinnen und Juden ein. Damit sind zum Beispiel homosexuelle oder trans Personen gemeint. Denn als sie selber als Teenager feststellte, dass sie sich auch zu Mädchen hingezogen fühlt, fehlte es ihr an Ansprechpartner:innen.

"Queerness im Judentum war für mich gar nicht sichtbar. Das stand gar nicht im Raum. Vielen ist ja auch gar nicht bewusst, was für Probleme das für Menschen darstellen kann, queer und jüdisch zu sein, was für Probleme die da mit sich selber haben."

Gemeinsam mit anderen gründete sie Keshet. Der Verein – Keshet heißt Regenbogen – möchte queere jüdische Personen, also zum Beispiel homosexuelle oder trans Personen, in den Gemeinden sichtbar machen, sie unterstützen und ihnen einen sicheren Raum bieten, in dem sie sich austauschen, über Probleme sprechen und gemeinsam lernen können.

"Das Ziel ist es auf jeden Fall nicht, eine queere jüdische Gemeinde in Deutschland zu gründen, sondern dahin zu kommen, dass queere jüdische Menschen in den Gemeinden willkommen sind und sich dort wohlfühlen. Ein Satz von Keshet ist: Niemand soll sich zwischen seiner jüdischen und seiner queeren Identität entscheiden müssen."

Ob sie mit ihren reformistischen Ideen aneckt? Im Gegenteil.

"Ich habe schon das Gefühl, dass es eine Offenheit gibt, dass Ideen, die ich mit reinbringe, Zuspruch finden, dass es interessant gefunden wird, und dass es eher eine Freude gibt, dass auch junge Menschen Teil von so etwas sein wollen und sich einbringen möchten."

Die Frage nach dem Pronomen

Feministische Anliegen bedeuten für sie, dass Gott nicht männlich ist, aber auch nicht unbedingt weiblich. Und vor allem, dass jeder und jede die Freiheit haben sollte, diese Glaubensfragen für sich selbst auszuhandeln.

"Das mit dem Gender von Gott ist auf jeden Fall ein spannendes Thema. Ich finde, ich muss mich da nicht entscheiden. Im Moment fühl ich mich sehr wohl mit diesem was man im Englischen als they bezeichnen würde, also gar nicht er oder sie. Ich finde auf jeden Fall, dass jeder Mensch für sich selber entscheiden muss, welche Pronomen Gott zugeteilt werden. Es ist etwas, das sich ändern kann, das ist etwas, worüber ich noch viel nachdenken muss, und vielleicht auch noch viel lesen und lernen muss."

Noch hat Helene Braun mehrere Jahre Studium vor sich, bis sie ordiniert wird. Mit Sicherheit trägt sie bei zu mehr Pluralismus in der jüdischen Community. Ihren Weg geht sie begeistert und überzeugt. Wohin genau er sie führen wird? "Ich weiß es nicht!"

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