Seit 15:05 Uhr Interpretationen
Sonntag, 24.10.2021
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.08.2012

Zufall und Schicksal

Buch der Woche - Norbert Zähringer: "Bis zum Ende der Welt", Rowohlt, Reinbek 2012, 272 Seiten

Der Schriftsteller Norbert Zähringer (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Der Schriftsteller Norbert Zähringer (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Eine ukrainische Studentin, ein schwer kranker Deutscher und ein portugiesischer Polizist: Eigentlich haben diese Figuren nichts miteinander zu tun - und doch laufen ihre Geschichten zielstrebig aufeinander zu. Norbert Zähringer erkundet dabei das Spiel von Zufall und Notwendigkeit.

Die eine Geschichte beginnt in der Ukraine, die andere in Portugal. Und auch wenn die Handlungsketten zunächst nichts miteinander zu tun haben, laufen sie zielstrebig aufeinander zu. Norbert Zähringer ist in seinen Romanen stets dem Spiel von Zufall und Notwendigkeit auf der Spur. Er will wissen, ob es tatsächlich so etwas wie "Schicksal" gibt, oder ob das, was wir "Biografie" nennen, eher eine erzählerische Konvention ist: die Kunst, Unzusammengehöriges zusammenzufügen, sodass daraus eine Geschichte entsteht.

In "Bis zum Ende der Welt" genügen ihm drei Figuren, um dieses Experiment in Gang zu setzen. Da ist zunächst die ukrainische Studentin Anna, die ihrem brutalen Vater und seinen Saufkumpanen entkommen möchte. Sie wendet sich an eine Partnerschaftsagentur, die sie an einen älteren Deutschen vermittelt. Gerhard Laska holt sie in sein Haus nach Berlin-Kladow. Er ist ein Hobby-Astronom, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einen unbekannten Kometen zu entdecken. Nach einigen Wochen gesteht er ihr, schwer krank zu sein, er habe nur noch ein halbes Jahr zu leben. Er bietet ihr 20.000 Euro, wenn sie bis zum Ende bei ihm bleibt und ihn nach Portugal begleitet, wo er ein Haus besitzt.

Kurz vor der Mitte des Romans taucht dann plötzlich eine dritte Figur auf, völlig unverbunden mit dem bisherigen Handlungsstrang. Lange bevor Laska und Anna in Portugal eintreffen, wird die Geschichte des portugiesischen Polizisten Yuri Fernao Gouvea aufgerollt, der einst als Sohn des mit einem Mokick gefeierten millionsten Gastarbeiters in der Bundesrepublik aufwuchs. Sein Vater, ein Kommunist, verehrte Gagarin. So kam Yuri zu seinem Namen. Ein menschlicher Finger am Strand der Algarve führt zu einem afrikanischen Bootsflüchtling und schließlich zu einem Überfall in einer Apotheke. Diese Ereignisse haben nichts miteinander zu tun, ergeben sich aber auseinander, sodass schließlich auch Anna und Yuri einander begegnen wie zwei Kometen im All.

Anna ist im Jahr nach der Tschernobyl-Katastrophe geboren – ihr Vater verlor dort ein Bein und offenbar auch den Verstand. Ihre Begegnung mit Yuri beim Überfall in der Apotheke ereignet sich am 11.3. 2011, dem Tag der Katastrophe von Fukushima. Über einen Großvater Annas gerät zudem der Weltallbahnhof Baikonur in den Blick, wo noch vor Gagarin der Hund Laika ins All geschossen wurde. Bevor der Großvater dort im Wach-Bataillon Dienst tat, war er Wachmann in Spandau bei den zu "Gespenstern" mutierten gefangenen Alt-Nazis.

Zähringer ist immer auch ein an Geschichte und speziell der deutschen Katastrophengeschichte interessierter Autor. Zum Spiel der Zufälle, das die Biografien bestimmt, gehört eben auch der historische Rahmen, in dem sich die Lebensläufe ereignen und aus deren Verwicklungen sich umgekehrt das große Ganze ergibt. Sein Blick auf die Geschichte ist jedoch moralfrei, wie der Blick eines Astronomen auf das Geschehen am Himmel. Es ist bewundernswert, mit welcher erzählerischen Eleganz er den Zufall zähmt, wie er seine Geschichten unaufdringlich miteinander verbindet oder sie auch nur umeinander kreisen lässt wie ferne Planeten um die Sonne.

Vielleicht ist es ein Hirte in Baikonur, der den Satz spricht, von dem aus der Roman zu deuten ist. Der Hirte hat Mitleid mit dem Hund, der im Dienst der Menschheit ins All fliegen muss ohne das begreifen zu können. Als der Genosse Major ihn darauf hinweist, dass das Leben eines Hundes keinen Sinn ergeben muss, sagt der Hirte: "Entweder hat alles einen Sinn oder gar nichts." Wenn das stimmt, gilt es selbstverständlich auch für den Roman selbst. So cool und souverän Zähringer sich auch gibt: Das ist letztlich eine religiöse Empfindung.

Besprochen von Jörg Magenau

Norbert Zähringer: Bis zum Ende der Welt
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2012
272 Seiten, 19,95 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Dave Eggers: "Every"Ein Maschinenfeind schlägt Alarm
Cover des Romans "Every" von Dave Eggers vor orangefarbenem Aquarellhintergrund. Das Cover zeigt eine Art Logo, mutmaßlich das Logo des Konzerns "Every" in dem Roman. Das Logo sieht aus wie eine stilisierte, von oben betrachtete Rosenblüte. (Deutschlandradio / Kiepenheuer & Witsch)

Mit dem Roman "The Circle" über einen mächtigen Tech-Konzern traf Dave Eggers einen Nerv. In der Fortsetzung "Every" lässt er das Unternehmen in jede menschliche Interaktion vordringen. Doch als Satire ist das zu stumpf und als Dystopie zu lauwarm.Mehr

Bei Dao: "Das Stadttor geht auf"Leben unter Zwang
Cover des Buchs "Das Stadttor geht auf. Eine Jugend in Peking" von Bei Dao. (Deutschlandradio / Hanser)

Äußerliches verweist auf Inneres: In Bei Daos Jugenderinnerungen zeigen Räume und Landschaften die früh erfahrene Angst des chinesischen Dichters. Sein Buch "Das Stadttor geht auf" weist weit über die Jahre von Maos blutiger "Kulturrevolution" hinaus.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Bücherherbst 2021Neue Literatur für den Herbst
Illustration: Ein Mann sitzt auf einem übergrossen Bücherstapel und liest. (imago / fStop Images / Malte Müller)

Drei Stunden, sechs Autorinnen und Autoren und ein Überblick über die Literatur der Herbstsaison: Florian Illies, Jenny Erpenbeck, Matthias Nawrat, Dilek Güngör, Julia Franck und Edgar Selge sprechen über ihre neuen Bücher und lesen daraus.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur