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Kommentar | Beitrag vom 08.01.2019

Zuckmayer-Medaille für Robert MenasseEine erfreuliche Nachricht

Ein Kommentar von Rainer Moritz

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11.06.2018, Berlin: Der Autor Robert Menasse spricht beim Willy-Brandt-Gespräch zum Thema "Ein souveränes, geeintes und demokratisches Europa: Erreichbares Ziel oder leere Pathosformel?". Foto: Jörg Carstensen/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Zeigte erst spät Einsicht: der Schriftsteller Robert Menasse, der trotz erfundener Zitate die Zuckmayer-Medaille bekommt. (dpa)

Offenbar berauscht von seiner neuen Rolle als intellektueller Retter des Europa-Gedankens habe Robert Menasse jeden Maßstab verloren, sagt der Literaturkritiker Rainer Moritz. Dennoch sei es "erfreulich", dass er die Zuckmayer-Medaille verliehen bekomme.

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse wird am 18. Januar die Carl-Zuckmayer-Medaille erhalten, trotz alledem. Das ist eine erfreuliche Nachricht, denn in den vergangenen Tagen schien es so, als würden sich die Verantwortlichen, also das Land Rheinland-Pfalz, das den Preis vergibt, dem medial aufgebauten Druck beugen. Überraschend wäre das nicht gewesen, denn politische Entscheidungsträger neigen, wenn sie sich aufs Terrain der Kultur begeben, zu übergroßer Ängstlichkeit und treffen gern risikoarme Entscheidungen. Ein Glück, dass Ministerpräsidentin Malu Dreyer, die sich mit Menasse zu einem Gespräch traf, die Flinte nicht vorschnell ins Korn warf.

Vergessen wir nicht, wofür die Carl-Zuckmayer-Medaille verliehen wird: für "Verdienste um die deutsche Sprache und um das künstlerische Wort". Dass sich Robert Menasse diese erworben hat, steht ganz außer Frage. Sein umfangreiches Werk umfasst große Werke wie "Schubumkehr", "Die Vertreibung aus der Hölle" und nicht zuletzt den mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichneten Brüssel-Roman "Die Hauptstadt". Damit und mit seinen vielen Essays, die um zentrale gesellschaftliche Themen, um "Heimat" und "Nation" kreisen, hat sich Menasse nicht nur Stilist von Rang erwiesen, sondern auch als unbequemer Vertreter einer seltener gewordenen Spezies von Autoren, für die Engagement mehr als eine Floskel ist.

Menasse hat seine Versäumnisse klar benannt

Vergessen wir freilich auch nicht, dass es Robert Menasse seinen Kritikern zuletzt sehr leicht gemacht hat. Als sich herausstellte, dass er – nicht nur in der schützenden Fiktion seines "Hauptstadt"-Romans, sondern auch bei öffentlichen Auftritten – dem EU-Präsidenten Walter Hallstein nie gesagte Sätze in den Mund legte und eine Auschwitz-Rede Hallsteins erfand, fiel ihm nichts Besseres ein, als sich auf kümmerliche Weise herauszureden. Dass es auf das "Wörtliche" nicht primär ankomme, gab Menasse zu Protokoll – ein für einen promovierten Literaturwissenschaftler ärmlicher Versuch, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Berauscht offenbar vom Erfolg des "Hauptstadt"-Romans und seiner neuen Rolle als intellektueller Retter des Europa-Gedankens, verlor Menasse jeden Maßstab. Damit hat er sich selbst am meisten geschadet, und das wird ihm nachhängen. Spät, viel zu spät hat er nach dem Gedankenaustausch mit Malu Dreyer nun seine Versäumnisse klar benannt.

Dieser Eiertanz ist schwer nachvollziehbar, und die Aufregung um Menasse wäre nicht so hochgeschwappt, wenn nicht kurz zuvor die "Spiegel"-Affäre um den weniger an Wahrheit denn an "Atmosphäre" interessierten Reporter Claas Relotius aufgekommen wäre. Sich die Dinge zurechtbiegen, bis sie passen, das durfte es für linksliberale Meinungsmacher im eigenen Bereich lange nicht geben. Dennoch tut es gut, dass man im Fall Robert Menasse das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet hat. Denn auch darin ist der Literaturbetrieb versiert: im schnellen Fallen-Lassen von Götterlieblingen.

Helene Hegemann und Sibylle Lewitscharoff haben das in den letzten Jahren zu spüren bekommen. Mit der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille an Robert Menasse hat das nichts zu tun, durfte das nichts zu tun haben. Hoffen wir, dass die spät gezeigte, dem Autor quasi abgenötigte Demut nach der Verleihung nicht rasch verfliegt. Auch dem europäischen Gedanken ist nicht damit gedient, wenn man versucht, ihm mit Erfindungen auf die Sprünge zu helfen.

Hören Sie zum Thema auch ein Interview mit der Literaturkritikerin Sigrid Löffler.

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