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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 19.07.2021

Zubetonierte Landschaft Stoppt den Flächenfraß!

Ein Plädoyer von Marius Hasenheit

Blick auf eine Autobahn in einer grünen hügeligen Landschaft (imago / Kantaruk Agnieszka)
Wer braucht eigentlich all die neuen Autobahnen, fragt Marius Hasenheit. (imago / Kantaruk Agnieszka)

52 Hektar Fläche werden in Deutschland jeden Tag versiegelt, zugebaut, zubetoniert. Damit muss Schluss sein, fordert der Nachhaltigkeitsberater Marius Hasenheit. Denn der Flächenfraß verletzt die Rechte der Natur wie auch die künftiger Generationen.

Wem gehört die Erde? Pathetisch, bestenfalls philosophisch und definitiv fern von Realpolitik klingt diese Frage. Ist sie aber nicht. In meiner Heimat, der Altmark im Norden Sachsen-Anhalts, ist sie sehr greifbar. Dort soll eine Autobahn, die A14, bald Magdeburg und Schwerin verbinden. Sie wird von vielen Altmärkern herbeigesehnt, überregional diskutiert und von einer kleinen Gruppe von Aktivisten durch die Besetzung eines Waldstücks blockiert.

Für lokale Zeitungen und in den sozialen Medien scheint der Fall klar: Egal, wem die Erde gehört – den Aktivisten jedenfalls nicht. Schließlich kommen sie aus dem Westen, oder schlimmer: der Hauptstadt. Manche sprechen sogar Englisch, merken die Einheimischen misstrauisch an.

Viele Altmärker hoffen auf spätblühende Landschaften oder zumindest einen kürzeren Arbeitsweg. Wer nicht dort wohnt, soll sich raushalten. Die Autobahngegner ließen sich auf die Diskussion ein, werteten die Nummernschilder eines Pro-Autobahn-Korsos aus und zählten die Kennzeichen vieler Weitgereister. So weit, so belanglos. Spannend hingegen ist die Grundannahme, dass Entscheidungsgewalt mit Besitz oder zumindest Anwohnerschaft einhergeht.

Über 50 Hektar pro Tag bebaut 

Privateigentümer besitzen die Hälfte des Waldes in Deutschlands. Der Großteil gehört Adelsfamilien – ungeachtet von Kriegen und Umstürzen. Anders im Osten: Je nach Lesart wurden die Flächen enteignet oder sozialisiert. Enteignet wurde jedoch nicht nur zu DDR-Zeiten. Auch die Bundesrepublik verstaatlichte seit 2009 1647 mal Privateigentum, um Bundesfernstraßen zu bauen.

Nicht nur Verkehrswege bauen wir in großem Stil, sondern auch Gewerbegebiete oder Häuser. Durchschnittlich 52 Hektar werden in Deutschland derzeit pro Tag versiegelt, sprich zugebaut. Laut Bundesregierung sollten es höchstens 30 Hektar sein. Die EU strebt eine Netto-Null-Versiegelung bis 2050 an.

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Die Erde gehört schließlich auch kommenden Generationen. Und die wollen sicher nicht nur Beton und Asphalt, sondern auch Wälder, Wiesen und Äcker erben. Bereits heute ist Deutschland der weltweit drittgrößte Nettoimporteur von Lebensmitteln, auch weil wir zu wenig selber anbauen. Doch trotz Importabhängigkeit von Agrarprodukten, dem dichtesten Straßennetz Europas und einer schrumpfenden Bevölkerung, schreitet die Versiegelung der Landschaft voran.

Eine Autobahn garantiert keine ökonomische Wende 

In der Altmark sind Bevölkerungsrückgang und demografischer Wandel stark spürbar. Dass ein vierspuriger Betonstreifen die Trendwende bringt, ist unwahrscheinlich. Eine Autobahnabfahrt bringt wenig in einem Land, in dem jede mittelgroße Stadt zweispurig erschlossen ist, Wirtschaftsregionen sich über Jahrhunderte bildeten oder wie im Osten grundlegend demontiert wurden.

Statt guter Jobs warten an den Autobahnen prekäre Arbeitsbedingungen in Logistikzentren oder Einkaufsparks. Lokale Geschäfte geraten unter Druck. Kommunen verschulden sich, um Bauland zu erschließen und zu subventionieren. Gleichzeitig macht der Straßenausbau das Autofahren attraktiver. Beim Boden mag es schwierig sein, beim Klima oder bei der Artenvielfalt ist es klar: Beides gehört nicht nur den Altmärkern.

Neuseeland hat einen Fluss zur juristischen Person erklärt

Zu behaupten, die Erde gehöre den Pflanzen und Tieren des streng geschützten Biosphärenreservats Elbe, welches durch die Autobahn durchschnitten wird, wäre kitschig und juristisch gesehen falsch. Kein Otter, keine Libelle ist im Katasteramt eingetragen. Und selbst wenn: Für eine Autobahn könnte man sie enteignen.

Doch das Rechtsverständnis ist menschengemacht und veränderlich. Manche Juristen fordern die Entwicklung eines universellen Rechtsverständnisses und Anerkennung einer Rechtssubjektivität der Natur. So geschehen in Neuseeland. Dort wurde der Fluss Whanganui zu einer juristischen Person mit eigenen Rechten erklärt.

Ein Porträtfoto zeigt Marius Hasenheit (Nils Schwarz)Marius Hasenheit (Nils Schwarz)Marius Hasenheit ist Partner der Nachhaltigkeitsberatung sustentio GmbH und als solcher Vorstand der genossenschaftlichen Nachhaltigkeitsberatung sustainable natives eG. Dort entwickelt er für verschiedene Organisationen Nachhaltigkeitsstrategien und -kommunikation. Als Vorstand der Genossenschaft selbstverwalteter Projekte setzt er beides um, in Form von nachhaltigem, genossenschaftlichem Wohnen in Berlin und Umland. Weiterhin ist er Herausgeber des transform Magazins, einer Printpublikation, welche sich dem Guten Leben und dessen Verteilung zwischen Menschen und Generationen beschäftigt.
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