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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 22.03.2016

Zu wenig WasserDas stille Sterben des Toten Meers

Von Philipp Eins

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Salzformationen im Toten Meer in der Nähe von Boquek, Istrael im November 2011.  (picture alliance / dpa / Abir Sultan)
Salzformationen im Toten Meer (picture alliance / dpa / Abir Sultan)

Das Tote Meer ist ein weltweit einmaliges Naturphänomen. Der abflusslose See liegt knapp 430 Meter unter dem Meeresspiegel und ist zehnmal so salzig wie der Atlantik. Wie lange es das Tote Meer noch gibt, ist aber unklar. Denn der See trocknet langsam aus.

"Das nennen wir die Perlen vom Toten Meer. Die sind oft perfekt rund! Oder auch hier ..."

Kurz nach Sonnenaufgang hockt Umweltschützerin Gundi Shachal am Ufer des Toten Meers und greift in einen Haufen Salzkörner. Überall liegen die milchfarbigen, glasigen Kiesel verstreut. Ein Strand aus Salz – am Toten Meer, einem türkisblau schimmernden See mitten in der Wüste, gibt es den wirklich. Bei jedem Schritt knirschen die Körner unter den Schuhsohlen, als laufe man auf Styropor.

In den vergangenen 50 Jahren hat der See ein Drittel seiner Fläche verloren, im Jahr 2050 dürfte vom Toten Meer nur noch ein Teich übrig sein. Die Folgen beobachtet Gundi Shachal seit vielen Jahren. Die hagere Frau mit den dunklen, kurz geschnittenen Haaren reiste 1979 erstmals von Deutschland nach Israel, ins Kibbuz Ein Gedi. Heute lebt sie dort.

"Ich weiß noch, wie ich '79 nach Ein Gedi kam, da ging das Meer bis zur Hauptstraße fast. Heute kann man schon einen Kilometer laufen. Und nicht nur, dass man nicht hinlaufen kann oder weit laufen müsste – es ist zu gefährlich hinzulaufen. Die Decke bricht ein und wir haben Senklöcher."

Gleich hinter dem schmalen Salzstrand beginnt eine dunkle Kraterlandschaft, die sich längs des Ufers zieht. Durch den sinkenden Wasserstand im Toten Meer löst sich die stützende Salzschicht im Boden - mit weitreichenden Folgen auch für das Ufergebiet: Dattelplantagen, Campingplätze, Autostraßen brechen zusammen. Auf jordanischer Seite sollen ganze Häuser eingestürzt sein.

4000 Löcher seien allein am westlichen Ufer gesichtet worden, 300 kommen jedes Jahr dazu, sagt Gundi Shachal. Ein falscher Schritt kann verheerend sein. Einmal wurde ein Forscher von der Erde verschluckt. Er wartete 14 Stunden lang in dem Graben auf Hilfe. Die Umweltschützerin weiß, wie man sich durch das fragile Gebiet bewegt. Sie bietet regelmäßig Ökotouren zu den Senklöchern an.

Shachal: "Das hier ist ein gigantisches Loch! Wie groß das ist? Keine Ahnung, ob das 30 Meter sind im Durchmesser? Die verändern sich auch immer, diese Löcher. Das hier wird immer größer!"

Das Kibbuz Ein Gedi liegt auf einem Abhang oberhalb des Toten Meers – eine mit Palmen, Affenbrotbäumen und Akazien bepflanzte Oase in der Wüste. Die Menschen im Kibbuz leben vorwiegend vom Tourismus. Durch die Senklöcher sieht Gundi Shachal die Zukunft des Dorfes gefährdet.

"Für den Tourismus bricht fast alles zusammen"

Selbst der öffentliche Strand musste schließen, weil die Menschen dort nicht mehr sicher hinkommen. Lediglich der Strand eines privaten Wellnesshotels ist übrig geblieben. Dort werden die Gäste in Anhängern von einem Traktor zum inzwischen 1,5 Kilometer entfernten Wasser geschleppt.

"Für den Tourismus hier - das bricht alles fast zusammen, das ist schlimm. Der öffentliche Strand zum Beispiel, der hat an den großen Feiertagen Tausende von israelischen Urlaubern hier runter gebracht, die heute alle ausbleiben. Und für uns als Ort - es fühlt sich so an, als würde so langsam die Lebensgrundlage hier genommen."

Sollte der Tourismus wegen der anhaltenden Austrocknung weiter zurückgehen, sind Tausende Arbeitsplätze in der Region gefährdet. Wie aber kommt es zu dem dramatischen Absinken des Toten Meers? Und wie lässt es sich aufhalten?

Tel Aviv, etwa zweieinhalb Autostunden von Ein Gedi entfernt. Von der Wasserarmut im Jordantal ist hier nichts zu spüren: Auf dem Dizengoff Square in der Innenstadt plätschert ein Springbrunnen. Die Straßen sind belebt, die Geschäfte im nahegelegenen Dizengoff Shoppingcenter haben bis in die Nacht geöffnet.

Nur wenige Blocks entfernt ist das Büro von Gidon Bromberg, Direktor des Umweltschutzverbandes EcoPeace Middle East in Israel. Die intensive Wassernutzung, ohne die Israels Wohlstand kaum denkbar wäre, ist zu einem ernsthaften Problem geworden.

"Der Niedergang des Toten Meers ist vom Menschen selbst verschuldet. Der hohe Wasserverbrauch der Anrainerstaaten hat dazu geführt, dass der einzige Zufluss, der Jordan, beinahe zum Stillstand gekommen ist. Die Hälfte des Wassers wird von Israel abgezogen, die andere Hälfte von Jordanien und Syrien."

Die intensive Landwirtschaft in dem wasserarmen Jordantal hat aus dem historisch bedeutenden Fluss, in dem der Bibel nach Jesus getauft wurde, ein trübes Rinnsal gemacht. Schon 1959 entstand auf jordanischer Seite der etwa 100 Kilometer lange East Ghor Canal, ein vom Nebenfluss Jarmuk gespeistes Wassersystem, das seither den zunehmenden Anbau von Getreide, Gemüse und Obst erlaubt.

Durch das Bevölkerungswachstum in der Region hat der Wasserverbrauch stetig zugenommen. Doch auch die Mineralindustrie am Toten Meer trage einen Teil zu dessen Austrocknung bei, meint Gidon Bromberg.

"Mit Lizenz der israelischen und jordanischen Regierung werden Pottasche für Düngung in der Landwirtschaft, Brom für die Chemieindustrie und Magnesium zur Aluminiumproduktion hergestellt. Dafür wird Wasser aus dem nördlichen Becken des Toten Meers in künstliche Verdunstungsbecken im Süden gepumpt, um die Ausbeute zu maximieren.

Mit dieser Methode wird das Tote Meer jedoch immer mehr ausgetrocknet. Sie sehen, der Niedergang des Toten Meers hat nichts mit dem Klimawandel zu tun. Die Ursachen liegen in den politischen  Fehlentscheidungen, die es erlauben, Flusswasser in großen Mengen abzuschöpfen und Mineralien ohne Rücksicht auf die Umwelt abzubauen."

Die ökologischen Folgen sind gravierend. Die Landschaft rund ums Tote Meer verändert sich. In der Bibel wurde die Fruchtbarkeit des subtropischen Gebiets gepriesen. Davon ist am israelischen Ufer als eines der wenigen das Naturschutzgebiet Ein Gedi mit seinen Palmen und Balsamsträuchern übrig geblieben.

Der Weg dorthin aber führt von Jerusalem aus über eine staubige Wüstenstraße, vorbei an khakifarbenen, zerklüfteten Felslandschaften. An den Flussmündungen verschwindet die Pflanzen- und Tierwelt, der Grundwasserspiegel sinkt, die Ufer werden immer breiter und schwerer nutzbar.

Gidon Bromberg glaubt nicht, dass das Tote Meer noch einmal sein früheres Volumen erreichen kann. Doch der Wasserstand könne stabilisiert werden.

"Wir brauchen bis zu 800 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr, um das Tote Meer zu stabilisieren. 400 Millionen Kubikmeter könnten aus dem Jordan kommen, ein Mix aus Frischwasser und gereinigtem Abwasser aus allen Anrainerstaaten. Die andere Hälfte muss aus Einsparungen der Industrie stammen.

Die Industrie nutzt das Wasser, ohne Gebühren dafür zu bezahlen. Dagegen muss jeder andere Israeli, Palästinenser oder Jordanier das Wasser bezahlen, das er verbraucht. Mit der derzeitigen Politik sieht die Industrie dagegen  keinen Grund, in wassersparende Technologien zu investieren."

Effizientere Technologien in der Industrie, weitere Meerentsalzungsanlagen am Mittelmeer und sparsamerer Umgang mit Trinkwasser - für Gidon Bromberg vom Umweltschutzverband EcoPeace Middle East sind das die Lösungsansätze, um den Niedergang des Toten Meers zu stoppen. Die Regierungen in Israel und Jordanien aber wollen einen anderen Weg gehen.

Amman, Hauptstadt Jordaniens, gelegen etwa eine Stunde östlich des Toten Meers. Auf dem Markt hinter der al-Husseini-Moschee drängen sich Anwohner um die Verkaufsstände. Weintrauben und Passionsfrüchte, abgetragene und neue Schuhe, Kapuzenpullover, Schrauben und Werkzeug - kaufen kann man hier fast alles. Der Andrang ist groß. Viele Bewohner Ammans sind Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Durch den massiven Zuzug werden die Wasserressourcen in dem Wüstenland Jordanien zunehmend knapp.

Die Wasserarmut bereitet auch Saad Abu Hammour große Sorgen. Er ist Generalsekretär der Jordan Valley Authority und für das Jordantal verantwortlich.

"Wir hatten schon mit Wassermangel zu kämpfen, bevor die syrischen Flüchtlinge zu uns kamen. Mit ihnen hat sich unser Defizit aber vervielfacht. Mehr als 20 Prozent der Wassernutzung geht auf sie zurück. Vor allem die lokalen Betreiber in den nördlichen Gouvernements melden massive Probleme - dort werden besonders viele Flüchtlinge aufgenommen."

Von den rund 9 Millionen Einwohnern sind derzeit allein 1,3 Millionen Flüchtlinge aus Syrien. Hinzu kommen Hunderttausende aus dem Irak. Gerade mal 100 Kubikmeter Wasser jährlich stehen jedem Einwohner zur Verfügung - das ist ein Zwanzigstel des Wasserangebots in Deutschland. Eine gigantische, 180 Kilometer lange und bis zu 60 Meter breite Pipeline, die das Rote Meer im Süden mit dem Toten Meer verbindet, und eine Entsalzungsanlage sollen in Zukunft  Abhilfe schaffen.

"Nach der ersten Bauphase wollen wir 85 Millionen Kubikmeter entsalztes Wasser pro Jahr herstellen. Unser Ziel ist es einerseits, Trinkwasser für den Süden Jordaniens zu erzeugen, insbesondere für die Stadt Aqaba, die bereits unter einem Defizit leidet. Andererseits wollen wir einen Teil des Wassers nach Israel verkaufen, in die Stadt Eilat. Das ist unser Plan."

Im Gegenzug zu dem Verkauf von Trinkwasser an den Süden Israels will die Regierung in Amman etwa 50 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr aus dem See Genezareth für die nördlichen Gouvernements aufkaufen und innerhalb der nächsten vier Jahre den Wassermangel dort stoppen. Die von der Entsalzung übrig gebliebene Sole und unbehandeltes Meerwasser sollen dann ins Tote Meer geleitet werden.

"Zunächst wollen wir 235 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr ins Tote Meer leiten, was schon mal ein guter Ertrag ist. Mit diesem Umfang könnten wir 40 Prozent des Wasserverlustes ausgleichen. Mit den Jahren könnten wir aber unsere Kapazitäten ausbauen und bis zu 700 Millionen Kubikmeter liefern. So könnten wir die Austrocknung stoppen."

Der Traum von einem Kanal, der Rotes Meer und Totes Meer verbindet, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Erst der Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien im Jahr 1994 machte seine Umsetzung  möglich. Im Jahr 2013 einigten sich die Anrainerstaaten auf einen Vertrag, der die Wasserverteilung regeln und das Tote Meer retten sollte. Doch zunächst lagen die Pläne auf Eis. Wegen der zunehmenden Wasserknappheit treibt die jordanische Regierung das Projekt nun voran, im Mai 2018 sollen die Bauarbeiten beginnen.

Jordanien leidet unter IS-Terrorismus

Offen ist jedoch, wie sich die Pipeline finanzieren lässt. Allein die erste Bauphase könnte 820 Millionen Euro kosten. Die jordanische Regierung setzt auf private Investoren. Bis Ende März können sich Unternehmen und Konsortien um Aufträge bewerben. Auch Fördergelder aus den USA und Europa werden akquiriert. Insgesamt dürfte das Projekt aber bis zu neun Milliarden Euro verschlingen. Gidon Bromberg vom Umweltschutzverband EcoPeace Middle East in Tel Aviv hat zudem ökologische Bedenken:

"Wir sind der Überzeugung, dass die Sole vor Ort im Golf von Aqaba oder in der jordanischen Wüste entsorgt werden sollte. Welche Lösung nachhaltiger ist, müssen weitere Forschungen ergeben. Auf keinen Fall sollte die Sole über eine Pipeline ins Tote Meer geleitet werden, so wie die jordanische Regierung das vorhat! Wir glauben, dass die Vermischung von der Sole aus dem Roten Meer mit dem Wasser aus dem Toten Meer, das eine ganz andere chemische Zusammensetzung hat, zu gravierenden Umweltschäden führt."

Für Gidon Bromberg ist die Sole nichts weiter als ein giftiges Abfallprodukt der Entsalzung, die im Toten Meer entsorgt werden soll. Er befürchtet, dass sich die beiden Wasserqualitäten nicht vermischen, sondern übereinanderschichten.

In der Folge könnten sich Braunalgen und sogar eine Gipsschicht bilden. Saad Abu Hammour von der Jordan Valley Authority sieht hingegen keinen Grund zur Beunruhigung. Er bekräftigt, das Tote Meer werde regelmäßigen Umweltinspektionen unterzogen.

"In der Nähe des Sees werden moderne Labore errichtet, in denen bestens ausgebildete Techniker die Wasserqualität laufend untersuchen können. Wir werden das Tote Meer nicht sich selbst überlassen."

Auf der jordanischen Uferseite, die von Israel aus nur über große Umwege zu erreichen ist, bietet sich zunächst ein überraschendes Bild. Luxushotels internationaler Ketten reihen sich aneinander, werben mit Sandstränden und direktem Zugang zum Wasser. Doch der Schein trügt. Das Ufer ist nur steiler als in Israel, der Rückgang des Wasserspiegels fällt nicht so schnell auf.

Der jordanische Betriebswirt Nader Amr hat in Saarbrücken studiert und leitet heute das Dead Sea Spa Hotel, eine weitläufige Anlage mit 265 Zimmern, Swimmingpools und Bars. Das Ressort gibt es bereits seit über 25 Jahren. In der Zeit hat sich viel getan, sagt Amr.

"Als wir unser Hotel gebaut haben, wir waren vom Wasserbereich drei Meter entfernt. Wir sind heute fast 110 Meter! Okay, dadurch haben wir Land gewonnen. Unser Strand ist so schön geworden, so groß. Aber wenn man an die Zukunft denkt und an die kommenden Generationen - das ist peinlich."

An die Zukunft möchte Nader Amr besser gar nicht denken. Seit Beginn des IS-Terrors im Nahen Osten 2011 ist der Tourismus in Jordanien um 60 bis 80 Prozent eingebrochen. Auch im Dead Sea Spa Hotel sind die Buchungen drastisch zurückgegangen. Wenn sich Politiker, Fachleute und Investoren nicht einig werden und das Tote Meer weiter sinkt, befürchtet er langfristig ernste Folgen für sein Hotel.

"Leider bedeutet es, dass das Geschäft zu Ende kommt. Ganz einfach. Wir werden immer auch ohne Wasser ein Bisschen Geschäft haben, weil es im Winter hier sehr warm ist. Da kann man künstliche Pools machen, künstliche Seen machen und so. Aber das ist nicht das Tote Meer!"

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