Seit 10:05 Uhr Plus Eins
Sonntag, 25.07.2021
 
Seit 10:05 Uhr Plus Eins

Thema / Archiv | Beitrag vom 12.02.2014

Zootiere"Ein Spektakel, das der Diskussion nicht weiterhilft"

Ethikprofessor Peter Kunzmann zur Verfütterung einer Giraffe in Kopenhagen

Moderation: Britta Bürger

Der Zoo in Kopenhagen ließ die anderthalbjährige Giraffe Marius töten und vor Publikum obduzieren. Anschließend wurde sie an die Löwen verfüttert. (dpa picture-alliance/ Kasper Palsnov)
Der Zoo in Kopenhagen ließ die anderthalbjährige Giraffe Marius töten und vor Publikum obduzieren. Anschließend wurde sie an die Löwen verfüttert. (dpa picture-alliance/ Kasper Palsnov)

Dass der Kopenhagener Zoo eine Giraffe wegen ihrer Gene töten ließ, hält Ethikprofessor Peter Kunzmann für ein schlechtes Krisenmanagement. Aber grundsätzlich seien Zoos auch dem Erhalt der genetischen Vielfalt verpflichtet.

Britta Bürger: Darf man eine Giraffe, wie gerade im Kopenhagener Zoo geschehen, töten, weil man bereits genug genau solcher Tiere hat und nicht weiß, wie man ein weiteres Tier unterbringen soll? Der Giraffe Marius fehlten Merkmale, die sie von den anderen Giraffen des Zoos unterschieden hätten. Die Arterhaltung verlangt jedoch Vielfalt, sagen die Naturschützer - doch die Tierschützer finden die Tötung und Verfütterung von Marius brutal und würdelos. Stehen sich hier also zwei unversöhnliche Konzepte gegenüber, Tierschutz versus Naturschutz? Das fragen wir Peter Kunzmann, Ethikprofessor an der Uni Jena und derzeit an der Tiermedizinischen Hochschule Hannover tätig. Dort bildet er angehende Tierärzte zu ethischen Fragen rund ums Tier aus. Schönen guten Tag, Herr Kunzmann!

Peter Kunzmann: Guten Tag!

Bürger: Vermutlich sorgt die Giraffe Marius auch in Ihren Seminaren für Diskussionsstoff. Warum geht dieser Fall vielen Menschen so nah?

Kunzmann: Der Fall geht ganz sicher auch deswegen vielen nah, weil es ein individuelles Tier ist, das einen Namen hat, dann natürlich zu einer Tierart gehört, die ohnehin ein großer Sympathieträger ist, klar, und dann ist es noch ein Jungtier. Also es ist gut verständlich, dass die Menschen das als ein besonders empörenden Akt finden.

Bürger: Viele meinen ja, der Zoo habe mit dem Tier auch eine Verantwortung übernommen, die er aufrechterhalten müsste.

Kunzmann: Das ist richtig, aber ich meine, das gehört zu den von Ihnen erwähnten Bruchkanten, die eben entstehen, weil Zoos selber auch unter den Aufgaben, die sie sich zurechnen, auch diese Artenschutzproramme oder diesen Erhalt von Biodiversität, müsste man allgemeiner sagen, sich auf die Fahnen geschrieben haben. Solche Phänomene, dass es dann sozusagen überzählige Tiere gibt, kommen im Zoo immer wieder vor, gab es auch in Deutschland einige spektakuläre Fälle - ist eine außerordentlich schwierige Entscheidung, zu sagen, wie weit man so ein Tier dann am Leben hält. Also ich möchte ehrlich gesagt nicht in der Haut der Zoodirektoren stecken, die sowas entscheiden müssen.

"So eine Art Wildtierreservoir"

Bürger: Es ist also im Kern ein Konflikt, in dem zwei völlig unterschiedliche Konzepte zum Schutz von Tieren aufeinanderprallen, auf der einen Seite eben der Tierschutz, auf der anderen der Naturschutz, die Arterhaltung durch Vielfalt. Vielleicht können Sie das noch ein bisschen genauer auffächern, worin sich grundlegend diese beiden Konzepte unterscheiden?

Kunzmann: Der Zoo als ein, wenn man so will, ein Brocken Natur in der menschlichen Kultur, als Ort, an dem Wildtiere gehalten werden, die eben dazu gedacht sind, auch die Population der Natur zu schützen, unterliegen den Populationsgesetzen, wie sie in der Natur vorkommen auf der einen Seite. Also man hat so eine Art Wildtierreservoir. Auf der anderen Seite - und das macht den Fall eben so schwierig zu beantworten und auch so scharf in der Öffentlichkeit -, auf der anderen Seite handelt es sich ja um Tiere in menschlicher Obhut. Also es sind ja tierliche Individuen, für deren Wohlergehen Menschen zu sorgen haben. Dass man aus dem Erhalt von Biodiversität Prinzipien folgt und welche Ziele man damit erreicht, kollidiert ganz massiv mit unserer moralischen Intuition, aber eben auch mit unserem Anspruch im Tierschutz, der das tierliche Individuum zum Schutzgut erhebt - und das ist wiederum etwas, was in der Natur so auch gar nicht vorgesehen ist. Also man überträgt sozusagen in diesem Spannungsfeld zwischen Naturwesen und Tieren in menschlicher Obhut hin und her die Kategorien der Wertung.

Bürger: Das heißt konkret auf die Giraffe Marius im Kopenhagener Zoo angewandt: Für die Tierschützer hat diese Giraffe generell ein Recht auf Leben, während die Naturschützer sagen, man müsse das Gesamtsystem im Blick behalten, nicht das einzelne Tier. Aber ist der Genpool von Zootieren nicht ohnehin ziemlich klein, also spielen zoologische Gärten tatsächlich so eine große Rolle bei der Arterhaltung?

Kunzmann: Also die Zoos weisen da, glaube ich, schon zu Recht drauf hin, dass ihnen da einiges geglückt ist. Das Zweite ist: Das macht man natürlich nicht zufällig, sondern mit Erkenntnissen der modernen Populationsgenetik. Sie können da einiges auch in Zoos züchten und nachzüchten oder parallel züchten, das funktioniert im Großen schon. Und es gibt eine ganze Liste von Tierarten, auf die die Zoos verweisen, und sagen: Die gibt es entweder in Zoos oder es gibt sie - da sind sie noch stolzer drauf - wieder in freier Wildbahn eben nur, weil man sie in Zoos entsprechend gezüchtet und nachgezüchtet hat.

Bürger: Tierschutz kontra Naturschutz - im Zoo kollidieren zwei grundverschiedene Konzepte. Jüngstes Beispiel ist die Tötung einer Giraffe im Kopenhagener Zoo, und darüber sprechen wir hier im Deutschlandradio Kultur mit dem Jenaer Ethikprofessor Peter Kunzmann. Sie haben schon gesagt, Sie möchten nicht in der Haut eines Zoodirektors stecken. Was für ethische Abwägungen muss der denn treffen? Hat die Arterhaltung für ihn da nicht immer Priorität und schlägt per se alle anderen Argumente?

Kunzmann: Nein, das würde ich auch dem Zoodirektor nicht unterstellen. Also es gibt ja eine ganze Reihe von Möglichkeiten, wie man aus solchen Konfliktsituationen rauskommt, eben indem man die Tiere zu anderen Zoos verschickt oder indem man - das ist das Allerbeste -, wenn man es weiß, vorher schon im Populationsmanagement darauf achtet. Und da würde ich den Zoos zunächst mal unterstellen, dass sie das üblicherweise so gut machen, dass das Problem nicht immer permanent auftritt und auch nicht willkürlich auftritt. Die zweite Frage ist, ob der Schutz des Individuums immer hinten ansteht. Auch das ist natürlich nicht der Fall. Es gibt natürlich selbstverständlich für die Zootiere wie alle anderen Tiere in menschlicher Obhut zunächst einmal den moralischen Anspruch, auch den ethischen Anspruch, gesunde Tiere am Leben zu erhalten und ihnen diese Fürsorge angedeihen zu lassen, die ihnen der Zoo als tierhaltende Instanz eben auch schuldet.

"Ich glaube nicht, dass es besonders didaktisch war"

Bürger: Die zoologischen Gärten argumentieren ja auch immer mit ihrem Bildungsauftrag. Immer mehr Menschen - das haben Sie auch angedeutet - würden den Kontakt zur Natur, eben insbesondere zu lebendigen Tieren, verlieren. Gehört denn aber zu diesem Bildungsauftrag auch so was wie diese öffentliche Obduktion und Verfütterung des Tieres, wie das jetzt mit dieser Giraffe vor Schulklassen geschehen ist?

Kunzmann: Also darüber kann man streiten. Ich meine, dass es in der Lage tatsächlich auch eine Art von Provokation ist. Ich glaube nicht, dass es besonders klug war, und ich glaube auch nicht, dass es besonders didaktisch war, aber das ist nicht meine Aufgabe. Was den Bildungsauftrag von Zoos angeht, denke ich mir: Wenn es sie nicht mehr gäbe, also wenn es keine Möglichkeit mehr gäbe, fremde Tiere, wilde Tiere, exotische Tiere als wirklich Tiere zu erleben, also wenn man sie nur noch aus dem Fernsehen kennen würde, würden sie sehr schnell auch in Bewusstsein der Menschen zu so etwas wie virtuellen Größen. Also man würde sie eher für Kunstfiguren halten. Und insofern, glaube ich, ist es gar nicht verkehrt, dass es Institutionen gibt, wo man diese Tiere eben auch angucken kann, sie beobachten kann, sehen kann, dass die von sich aus ihr Leben leben und dass man die riechen kann, kurzum, dass sie Teil der Wirklichkeit sind und eben nicht nur Teil einer medialen Erscheinung.

Bürger: Ein Zoo hat also enorm viele Aufgaben: den Bildungsauftrag, Forschung, Programme zur Arterhaltung, manchmal auch die Auswilderung von Tieren - und gleichzeitig soll es diesen Tieren dabei ja immer gut gehen, sie sollen artgerecht gehalten werden, sich artgerecht beschäftigen können und das alles auf teils recht kleinem Raum. Sind das vielleicht zu viele Ansprüche, ist das Teil des Problems?

Kunzmann: Also es gibt sicher Kollisionen zwischen diesen Ansprüchen, das Bestreben der Zoos, aber auch die zu rechtfertigen Ansprüche gegen Zoos, zu sagen: Wenn ihr Tiere haltet, dann haltet sie eben tiergerecht. Zentrale Perspektive ist das Wohlergehen dieser Tiere. Da sind die Zoos natürlich auch dabei, diesen Ansprüchen mehr und mehr gerecht zu werden, was dann zum Beispiel dazu führt, dass in manchen Zoos man eben damit rechnen muss, dass man nicht alle Tiere zu jeder Zeit als Zuschauer zu Gesicht kriegt. Dann kann halt nicht jeder zu jeder Zeit den Mähnenwolf angucken, wenn der Mähnenwolf sich gerade zurückzieht. Also man muss natürlich in diesen verschiedenen Ansprüchen versuchen, auch Kollisionen fair zu lösen. Ganz selbstverständlich: Jeder Mensch, der Tiere hält, ist für ihr Wohlergehen in erster Linie verantwortlich, und den Anspruch macht natürlich bei Zoos nicht halt, auch, wenn sie, wie gesagt, Perspektiven haben, die über die Zurschaustellung von Tieren weit, weit hinausgehen.

Bürger: Tierschutz versus Naturschutz, unter dem Strich - würden Sie sagen, dieses Dilemma ist lösbar oder ist es einfach so, wie es ist, dass da zwei völlig verschiedene Konzepte gegeneinander stehen?

Kunzmann: Also man kann mit geschicktem Management schon versuchen, auszugleichen und die ganz harten Fälle zu vermeiden. Eine ganz andere Frage ist, wenn es zu solchen Kollisionen kommt, wie man damit umgeht. Da, meine ich, war die Aktion jetzt in Kopenhagen wirklich nicht besonders hilfreich, weil sie einfach zusätzlich, aus meiner Warte zusätzlich Öl ins Feuer gegossen hat und eine rational vielleicht sogar plausible Entscheidung dieses Zoodirektors zu einer Art Spektakel gemacht hat, was der Diskussion darüber nicht weiterhilft.

Bürger: Tierschutz versus Naturschutz, in den zoologischen Gärten prallen zwei Konzepte aufeinander, aufgezeigt hat uns das der Ethikprofessor Peter Kunzmann. Herzlichen Dank fürs Gespräch, Herr Kunzmann!

Kunzmann: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur