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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.03.2018

Zoologe über Wald und Natur "Wollen wir unseren Kindern eine Wüste hinterlassen oder ein Paradies?"

Wolfgang Wägele im Gespräch mit Ute Welty

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Rothirsche auf einer Waldwiese im Rauhreif, aufgenommmen im Erzgebirge (imago / Blickwinkel / S. Meyers)
Unberührte Natur als Mythos: Rotwildrudel auf einer Waldwiese im Erzgebirge (imago / Blickwinkel / S. Meyers)

Die Vielfalt der Arten zu erhalten, müsse oberstes Ziel sein, sagte der Zoologe Wolfgang Wägele. Diskussionen um Wölfe in den Wäldern oder das Insektensterben spiegelten die Sorge der Menschen wider, dass unsere Natur in großer Gefahr sei. Ein Industrieland wie Deutschland könne sich mehr Umweltschutz leisten.

Angesichts der aktuellen Diskussion über die Wölfe in deutschen Wäldern, hat der Zoologe Wolfgang Wägele daran erinnert, dass er für viele Menschen zum Bild der Wildnis gehöre. "Der Wald, in dem auch Gefahren lauern, der Wald, in dem große Tiere leben – die Menschen lieben das", sagte der Leiter des in Bonn ansässigen Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig im Deutschlandfunk Kultur. "Es ist auch tatsächlich so, dass der Wolf ökologisch ein regulierender Faktor ist in der Wildnis." Insofern verstehe er, wenn viele Menschen es spannend fänden, wenn noch Wölfe da seien. Allerdings müsse es reguliert werden, wenn sich die Wölfe zu stark vermehrten. "Wenn hungrige Horden aus den Wäldern herauskommen, dann muss man eingreifen." Der Zoologe warb auch für Verständnis bei der Jagd nach einem Mischhund in Thüringen, denn im Wald sei es wichtig, reine Arten zu erhalten.

Bedrohtes Leben

Die emotionale Diskussion dieser Themen zeige, dass die Menschen sich dessen bewusst seien, dass auch "lästige" Arten zur Natur dazu gehörten. Auch bei der Debatte um das Insektensterben habe sich gezeigt, dass die Menschen aus gutem Grund bemerkten, dass etwas grundlegend nicht stimme, wenn in der Natur Arten verschwänden. "Da wird das Leben als Ganzes bedroht", sagte Wägele. "Unsere biologische Umwelt geht zugrunde und wir wollen eigentlich unseren Kindern eine möglichst reiche, interessante biologische Umwelt, die wirklich lebenswert ist vererben." Der Zoologe brachte es so auf den Punkt: "Wollen wir unseren Kindern eine Wüste hinterlassen oder eher ein Paradies?" Dieser Planet könne ein Paradies sein.  


Ein Rudel Wölfe streift im Februar 2017 im Wildpark in Poing (Bayern) durch ein Gehege. (dpa-Bildfunk / Alexander Heinl)Ein Rudel Wölfe - das Leben des Wildtieres in freier Natur wird von Debatten begleitet (dpa-Bildfunk / Alexander Heinl)

Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Bis zum vergangenen Jahr war eigentlich alles gut: Die Wölfin auf dem Thüringer Truppenübungsplatz der Bundeswehr machte keine Probleme und verhielt sich artgerecht. Dann aber warf die Wölfin sechs Welpen, nachdem sie von einem freilaufenden Hund gedeckt worden war, und diese sogenannte Wolfshybriden sollen jetzt eingefangen werden. Umweltschützer und Umweltministerium sind sich da einig, denn die Wolfsgene sollen so bleiben, wie sie sind. Deswegen ist jetzt eine Falle aufgestellt worden.

Der Bericht aus Thüringen von Henry Bernhard, dort wird versucht, sogenannte Wolfshybriden einzufangen, die Mutter ein Wolf, der Vater ein Hund. Warum solche Tiere ein Problem darstellen, kann jetzt Wolfgang Wägele erklären, Direktor des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig in Bonn und Leiter des Lehrstuhls spezielle Zoologie. Guten Morgen, Herr Wägele!

Wolfgang Wägele: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Sind nur reinrassige Wölfe gute Wölfe?

Wägele: Ja, es ist gibt zwei Argumente. Das eine haben wir schon gehört: Wir möchten gerne Arten in der Natur als reine Arten erhalten, aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt, weil die Mischlinge nicht so überlebensfähig sind wie die reinrassigen Formen. Haustiere sind gezüchtet, und da ist meistens die Intelligenz weggezüchtet, die Aggressivität weggezüchtet und auch die Menschenscheu, und das ist bei allen Haustieren so, genauso bei gezüchteten Pflanzen, dass sie ohne menschliche Betreuung in der Natur nicht wirklich klarkommen.

Insofern ist die Aussage, dass der Wolf möglicherweise ausstirbt, wenn sich Hundegene da drin ausbreiten, sicherlich richtig. Aber es gibt noch einen zweiten Aspekt, und das sind die Gefahren, die von Mischlingen ausgehen. Man muss sich vorstellen, dass man nicht als Spaziergänger oder als Jäger dann irgendwann nicht mehr erkennen kann, ist das ein Hund oder ist das ein Wolf. Der Jäger wäre gezwungen, auf jeden Fall auf einen Hund zu schießen, wenn man die Population kontrollieren möchte, und das zweite ist, es verändert das Verhalten. Wölfe sind menschenscheu, Hunde viel weniger. Also wird es häufiger zu Zwischenfällen mit Menschen kommen, und das will man natürlich nicht.

Schäfer nehmen (15.9.17) an einer Wolfswache in Brandenburg teil. Patrick Pleul (dpa / Patrick Pleul)Schäfer bei einer Wolfswache in Brandenburg . (dpa / Patrick Pleul)

Wölfe brauchen Kontrolle

Welty: Nicht nur in Thüringen, sondern auch in Rheinland-Pfalz bemüht man sich ja darum, Wölfe wieder anzusiedeln. Das Stichwort vom Wolferwartungsland macht die Runde – was macht die Faszination dieser Tiere aus?

Wägele: Nun, der Wolf ist eines der größeren Raubtiere, die eigentlich hier in Mitteleuropa zu Hause sind, und speziell hier bei uns in Deutschland gehört der Wolf zu dem Bild der Wildnis, der Wald, in dem auch Gefahren lauern, der Wald, in dem große Tiere leben, die Menschen lieben das. Es ist tatsächlich auch so, dass der Wolf ökologisch ein regulierender Faktor ist in der Wildnis, und insofern kann ich das sehr gut nachvollziehen, dass das sehr viele Menschen spannend finden, wenn noch Wölfe da sind.

Aber wir können davon ausgehen, wenn die sich weiter stark vermehren, muss auch eine Regulation stattfinden. Wenn hungrige Horden aus den Wäldern herauskommen, da muss man eingreifen. Das ist auch klar. Man kann die Wölfe in unserer Kulturlandschaft nicht mehr unkontrolliert sich selbst überlassen.

Welty: Wie viel Romantik schwingt mit, wenn wir über Wölfe reden? Über Spinnen, Würmer und Blutegel wird ja längst nicht so viel und auch nicht so emotional diskutiert wie über Wölfe.

Wägele: Ja, aber es sind doch Journalisten inzwischen überrascht, dass die Menschen eben doch sich dessen bewusst sind, dass auch Arten, die lästig sind oder die nicht schön sind, zur Natur dazugehören. Wir haben jetzt in den letzten Monaten viel von dem Insektensterben gehört, und viele Reporter haben gedacht, die Menschen sind froh, wenn es keine Mücken und Wespen mehr gibt, aber das Gegenteil ist der Fall: Also aus gutem Grund haben die Menschen das Gefühl, dass irgendwas grundlegend nicht stimmt, wenn in der Natur Arten verschwinden.

Da wird das Leben als Ganzes bedroht. Unsere biologische Umwelt geht zugrunde, und wir wollen eigentlich unseren Kindern eine möglichst reiche, interessante biologische Umwelt, die wirklich lebenswert ist, vererben, und man kann das im Grunde auf den Punkt bringen und sagen, wollen wir unseren Kindern eine Wüste hinterlassen oder eher ein Paradies. Also dieser Planet kann ein Paradies sein, und eine Wüste ist eben nicht nur Sand, sondern das ist auch ein Maisfeld, in dem kein Vogel mehr singt und kein Insekt mehr fliegt, oder ein Stangenwald aus Fichten, in dem ebenfalls am Boden kaum noch Pflanzen wachsen und in dem auch kaum Tiere leben.

Solch eine Welt ist, ehrlich gesagt, deprimierend, und die Lebensfreude, die viele Menschen empfinden, wenn sie in den Alpen wandern oder wenn sie in der Eifel wandern und dort blumenreiche Wiesen finden, wo auch Schmetterlinge sind oder ein Frühling, wo viele Vögel singen, das ist doch etwas, was wir unseren Kindern erhalten wollen, und dafür setzen wir uns ein, dass alle Tiere und Pflanzen auch, die bei uns in der Landschaft, in der Wildnis vorkommen sollten, dass diese erhalten bleiben.

Blick vom Grenzübergang Stadtbrücke in Frankfurt (Oder) (Brandenburg) am 12.09.2016 auf eine große Sandbank die im Niedrigwasser der Oder zu sehen ist.  (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)Durch den Klimawandelt ändert sich die Natur ständig, wie hier durch Trockenheit an der Oder (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Die Welt verändert sich immer

Welty: Aber ist es nicht natürlich für die Natur, dass sie sich verändert, dass Arten aussterben und andere dazukommen?

Wägele: Ja, selbstverständlich, das ist ein wichtiger Punkt. Die Welt verändert sich immer. Die ist nie konservativ, aber wenn wir Wildnislandschaften haben, haben die Arten die Möglichkeit, sich anzupassen durch Evolution. Das ist im Moment enorm wichtig. Durch den Klimawandel müssen Pflanzen und Tiere in der Lage sein, sich allmählich so zu entwickeln, dass sie auch bei verändertem Klima weiter existieren können, und dafür brauchen sie Platz.

Es gibt in Deutschland über 60.000 Arten von Pflanzen und Tieren, die können nicht gezüchtet werden. Also brauchen wir sowas wie eine natürliche Zucht, und die findet in unseren Nationalparks statt, ohne, dass wir da etwas tun müssen, und diese Räume müssen wir erhalten, damit Evolution draußen stattfindet, so, dass die Arten weiter überleben.

Welty: Inwieweit ist der Traum von unberührter Natur im 21. Jahrhundert überhaupt eine Illusion, weil wir längst überwiegend von Kulturlandschaften und nicht eben mehr von Naturlandschaften umgeben sind?

Wir müssen der Natur Raum lassen

Wägele: Das ist völlig richtig. Also es gibt eigentlich kaum noch Flecken auf der Welt, wo wir sagen können, da hat der Mensch gar keinen Einfluss mehr. Aber unser oberstes Ziel muss es sein, die Arten zu erhalten, und das kann auf verschiedenem Wege passieren, das passiert bei uns ja in großem Maße in der Kulturlandschaft.

Auch in der Agrarlandschaft, wenn man nicht zu viel Pestizide versprüht, haben sehr viele Arten die Möglichkeit, auch in der Agrarlandschaft zu überleben, und das muss unser Ziel sein: zu verhindern, dass Arten aussterben, denn ich glaube nicht, dass wir das Recht haben, unseren Nachkommen diese Arten zu entziehen.

Welty: Was müsste das Menschen-Natur-Verhältnis bestimmen, um ein überzeugendes Konzept zu entwickeln, das für alle zuträglich ist?

Wägele: Wir müssen der Natur Raum lassen, wir müssen auch an vielen Stellen schlichtweg auf Einkommen verzichten. Also die Natur zu erhalten, kostet Geld. Wir brauchen diejenigen, die die Natur pflegen. Wir müssen auch unseren Landwirten Einkommenseinbußen kompensieren, denn wir erwarten von den Landwirten, dass sie Flächen freihalten, damit Natur sich entwickeln kann, damit Arten überleben können, und das muss auch finanziell kompensiert werden. Also es kostet, aber ein Industriestaat kann sich das leisten. Das ist Aufgabe der Politik, dafür die Rahmenbedingungen bereitzustellen.

Welty: Der Mensch, die Natur und der Wolf – eine etwas komplexe Dreiecksbeziehung. Dazu der Zoologe Wolfgang Wägele im "Studio 9"-Gespräch. Haben Sie herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

     

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