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Frühkritik | Beitrag vom 10.07.2020

Zoë Beck: „Paradise City“Das Kontrollvirus

Von Sonja Hartl

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Buchcover zu Zoë Beck "Paradise City" (Suhrkamp / Deutschlandradio)
Zoë Beck zeichnet ein wirklichkeitsnahes Zukunftsszenario und stellt die Frage nach dem Preis der Bequemlichkeit. (Suhrkamp / Deutschlandradio)

Von der Pandemie zur Gesundheitsdiktatur: Zoë Becks Thriller "Paradise City" entwirft eine schöne neue Welt mit sehr gesunden Menschen und hässlichen Wahrheiten.

Eigentlich hält das Leben in Deutschland in dieser nahen Zukunft all das bereit, was sich Menschen schon immer gewünscht haben: Vollbeschäftigung bei einer 20-Stunden-Woche, saubere Straßen, Zeit, Geld – und ein perfekt funktionierendes Gesundheitssystem, in dem selbst Abtreibungen reibungslos durchgeführt werden.

Statt Fake News gibt es staatliche Nachrichten, die das System stabil halten sollen. Doch dann hat der Chef einer der letzten nichtstaatlichen Nachrichtenagenturen einen verdächtigen Unfall. Seine Kollegin und Geliebte Liina weiß, dass er gerade an einer brisanten Geschichte gearbeitet hat. Sie forscht nach – und kommt einem hochgefährlichen Systemfehler auf die Spur.

Die Menschen glauben, dass ihnen nichts fehlt

Die aktuellen Bezüge in Zoë Becks Thriller "Paradise City" sind unübersehbar: eine Masernpandemie hat die Bevölkerung dezimiert, statt eine Warn-App aufzulegen wurde den Menschen gleich ein Chip transplantiert, der die Gesundheitsversorgung steuert:

"Mit dem Smartcase bezahlt man, es dient als Personalausweis, sämtliche Zugangsberechtigungen – ebenso wie die Bereiche, für die man gesperrt ist – sind darauf gespeichert, die Gesundheitsdaten sind darüber im Notfall abrufbar, einfach alles." Jeder hat einen Eintrag im "Gemeinschaftsnetz", dadurch "kontrolliert sich das ganze Land gegenseitig". Die Menschen sind zufrieden, es "fehlt ihnen an nichts, weil sie glauben, dass es ihnen an nichts fehlt".

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Die Spannung dieses Romans besteht insbesondere in der Spekulation über eine mögliche Zukunft, die derzeit so ungemein nah erscheint. Wie schon in ihrem vorherigen Roman "Die Lieferantin" hat Zoë Beck hierfür bestehende Entwicklungen konsequent zu Ende gedacht, stets aus einer dezidiert feministischen Perspektive.

Der Preis der Anpassung: Freiheit und Wahrheit

Bereits heute gibt es Überlegungen, dass Menschen, die per App nachweisen, dass sie gesund leben, Vorteile bei Krankenkassen bekommen – und angesichts der Überforderung durch eine immer komplexere Welt scheint es nur folgerichtig, dass sich Menschen mit einfachen Narrativen und Erklärungen zufriedengeben und sich von Deep-Fake-Videos beruhigen lassen.

In diesem wirklichkeitsnahen Zukunftsszenario sind Freiheit, Wahrheit und Selbstbestimmung der Preis, den Menschen für bequeme Versorgung und ihren bequemen Glauben an ein funktionierendes System zu zahlen haben. Und die erschreckende Erkenntnis ist, dass manchen dieser Preis offenbar nicht zu hoch ist. 

Zoë Beck: "Paradise City"
Suhrkamp, Berlin 2020
282 Seiten, 16 Euro

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