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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 02.07.2021

Zivile Tugenden Lob des Wegsehens

Ein Plädoyer von Martin Ahrends

Illustration eines Mannes, der nachdenklich schaut und aus dessen Kopf viele Menschen kommen. (imago images / Luciano Lozano)
Wann ist Zivilcourage und Verantwortung gefordert und wann müssen wir die Dinge auch mal laufen lassen? (imago images / Luciano Lozano)

Nicht wegsehen, sich einmischen, aufpassen: Es fällt uns verdammt schwer, etwas sich selbst zu überlassen, meint Martin Ahrends. Doch der Grat zwischen Kümmern und Übergriff ist schmal und mitunter gebietet der Respekt vor dem anderen, nicht hinzusehen.

Wir dürfen nicht wegsehen! Das ist ein Leitsatz unserer Zeit, für den es viele gute Gründe gibt: Wenn sie konkret sind, auf den Gegenstand des Hinsehens bezogen. Als allgemeine Maxime taugt der Satz aber nicht. Nein, man muss sich nicht alles reinziehen, was man täglich an Nachrichten geboten kriegt. Ja, man darf auch umschalten, abschalten. Es gibt den journalistischen Leitsatz: Bad news are good news, und es gibt so etwas wie eine seelische Überforderung mit dem Elend dieser Welt.

Aber wenn die eigenen Kinder auf dem Kletterbaum sind? Auf dem Balken balancieren? Immer hatte ich dieses flaue Gefühl, wenn ich sie in Gefahr sah, wollte sofort eingreifen, sie halten, stützen, auffangen. Sie außer Gefahr bringen.

"Guck einfach nicht hin, Papa"

Guck einfach nicht hin, Papa, haben sie gesagt. Und sie hatten recht. Ganz ohne Gefahr lässt sich kein Baum erklettern. Ich habe weggesehen und sie konnten lernen, sich selbst zu verantworten. Wir neigen zum transitiven Gebrauch des Verbs "entwickeln", das eigentlich reflexiv gemeint ist: Wir wollen etwas entwickeln, das sich doch nur selbst entwickeln kann. Es fällt uns verdammt schwer, etwas sich selbst zu überlassen, nicht nur Eltern, auch Waldbesitzer und NGOs haben da eine aktuelle Lernaufgabe.

Etwas in mir wollte die Kinder überwachen, wollte allzu genau wissen, was in ihnen vorgeht, etwas in mir wollte ein Übervater sein. Aber ich musste es aushalten, wenn sie vom Baum fielen. Ebenso, wie ich es heute aushalten muss, wenn die greise Mutter stürzt, und ich bin nicht in der Nähe. Sie will nicht ins Heim, und ich kann sie nicht anbinden. Auch meine nächsten Angehörigen haben natürlich ihr eigenes Leben. Wie viel sie mir davon – im Doppelsinne – anvertrauen wollen, wie viel sie mir mitteilen, auch an Verantwortung mit mir teilen wollen, das liegt bei ihnen. Jeder Mensch hat einen Schutzraum der Diskretion, dort unerlaubt einzudringen nennt man Übergriff und Voyeurismus. Und wenn mir jemand mehr von sich zumutet, als uns guttut, dann ist es an mir, wegzusehen.

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Ein Teenagermädchen ist in der U-Bahn eingeschlafen, nach vorn gesackt, mit dem Gesicht an einer Haltestange abgerutscht, die Nase aufgebogen, der Mund weit geöffnet. Ich empfände es für uns beide als entwürdigend, sie länger anzusehen. Und wer bin ich, sie aufzuwecken? Ich sehe also weg. Nur sehr Vertraute dürfen ein Gesicht im Schlaf betrachten, in der Entstellung oder im Tod.

Wegsehen wahrt Würde

Es gibt einen Schutzraum um das Offene, das wir unser Antlitz nennen. Das Gesicht zu verlieren, hat nicht mit Kosmetik zu tun, ein "Schlag ins Gesicht" ist die Verletzung nicht nur eines Körperteils. Das Gesicht ist ja nichts, worauf man stolz sein könnte, man hat es nicht durch Leistung erworben. Egal ob ebenmäßig oder nicht: Es ist das eigene, das man nackt durch die Welt trägt. Man kann nicht anders, als sich darin zu zeigen. Lebensprägung und Tageslaune stehen im Gesicht geschrieben, man ist unweigerlich erkennbar. Man sendet und empfängt seelisch direkt von Angesicht zu Angesicht.

Eine Schamgrenze gestattet oder gebietet es, in bestimmten, kaum vorhersehbaren Situationen wegzusehen. So kann man sein Gesicht und das der anderen wahren, ihre und die eigene Würde. Wenn jemand schwerverletzt aus dem Unfallwagen geborgen wird. Wenn jemand auf dem Fußballrasen kollabiert. Oder in der ersten frühen U-Bahn eingeschlafen ist.

Martin Ahrends (privat)Martin Ahrends (privat)Martin Ahrends, geboren 1951 in Berlin. Studium der Musik, Philosophie und Theaterregie. Anfang der 80er-Jahre politisch motiviertes Arbeitsverbot in der DDR. 1984 Ausreise aus der DDR. Redakteur bei der Wochenzeitung "Die Zeit" und seit 1996 freier Autor und Publizist.                                                         
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