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Länderreport | Beitrag vom 06.07.2020

Zittau nach dem LockdownCorona-Blues im Dreiländereck

Von Michael Frantzen

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Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus der Stadt Zittau sind keine Menschen zusehen. (picture alliance/Daniel Schäfer/dpa-Zentralbild/dpa)
Leerer Marktplatz vor dem Rathaus von Zittau. Obwohl die Grenzen zu den Nachbarländern wieder geöffnet sind, kommt das Leben im Dreiländereck nicht so schnell wieder in Schwung. (picture alliance/Daniel Schäfer/dpa-Zentralbild/dpa)

Offene Grenzen gehören im sächsichen Zittau zur Normalität. Bis Corona kam und alles dicht gemacht wurde. In Krankenhäusern, Handwerk und Gastronomie fehlten plötzlich die tschechischen und polnischen Pendler. Jetzt sind die Grenzen wieder offen.

Die große, weite Kinowelt: Sie macht wieder Station im hintersten Zipfel Sachsens. Nach drei Monaten Corona-Zwangspause. "Guten Abend. Herzlich Willkommen im Kunstbauer-Kino Großhennersdorf. Heute, mit Abstandsregeln natürlich", schalt es aus den Kinoboxen. Gezeigt wird: "Knives out - Mord ist Familiensache."

Es ist Sonntagabend und die Laune von Filmvorführer Thomas Fuchs ist den Umständen entsprechend. Der Mann mit dem langen, grauen Haar hat sich in den hauseigenen Biergarten gesetzt. Den Film mit Daniel Craig kennt er schon. Ergo: Der 52-Jährige hat Zeit zu reden - darüber, wie das war, als im März von einen Tag auf den anderen die Grenzen im Dreiländereck dicht waren.

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"Die Grenzschließung selbst ist meiner Meinung nach ein Riesenfehler gewesen. Weil: Es gab weder auf polnischer noch auf tschechischer Seite noch hier im Landkreis Görlitz eine massive Corona-Infektionsdichte. Die war eine der niedrigsten im Land", merkt er ironisch lachend an. "Und es gab überhaupt kein Grund sich so resolut abzuschotten."

Lange genug improvisiert

Das mit dem Kino macht Fuchs ehrenamtlich, sein Geld verdient er mit Anlagenbau. Ein Drittel seiner Angestellten kommt aus Tschechien zur Arbeit, ein weiteres Drittel aus Polen. Seit rund drei Wochen geht das wieder. Es wurde auch höchste Zeit, meckert der Unternehmer, ehe er ein Schluck Bier nimmt. Improvisiert hat er schließlich lange genug.

"Wir haben die Arbeitsplätze verlegt. Wir haben versucht die Leute auszustatten mit Maschinen und Werkzeugen und in irgendwelchen Garagen fertigen lassen. Auf der polnischen und auf der tschechischen Seite. Weil der Warenverkehr nicht unterbrochen war. Es war zumindest so, wie wir das hier auch im Filmfestival und im Kino gemacht haben. In der Not wird der Mensch erfinderisch."

Filmfestival verschoben

"Das Unplanbare planen wir gerade", ergänzt Ruth Lorenz. Die Frau im weiß-gepunkteten Sweatshirt kümmert sich um das Neiße Filmfestival des Alternativkinos. Letztes Jahr liefen über hundert Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme in 20 Spielstätten in Polen, Tschechien und Deutschland. Und dieses Jahr? Der Termin Mitte Mai konnte wegen Corona nicht stattfinden. Abgesagt wurde er aber nicht, erklärt die Oberlausitzerin, sondern auf Ende Septemberverschoben - in abgespeckter Form zwar, dafür live und nicht online.

Ruth Lorenz und Thomas Fuchs stehen vor einer Wand mit Filmplakaten. (Michael Frantzen)Ruth Lorenz und Thomas Fuchs von Kunstbauerkino und Neiße Filmfestival Großhennersdorf: Sie freuen sich auf die nächsten Kinovorstellungen. (Michael Frantzen)

"Wir haben uns dagegen entschieden, Filme online zu zeigen. Denn bei unserem Festival hier in so einer Dreiländerregion, ist das, wovon wir leben, die familiäre Atmosphäre. Und die Begegnung vor Ort zwischen Filmemachern und Publikum. Das kann nicht in eine digitale Welt übertragen werden, vor allem nicht bei einem Festival."

"Kommen Sie rein, herzlich willkommen. Sie befinden sich im Schkola-Kindergarten in Lückendorf: im Zwergenhäusl. Wir haben ein bilinguales Konzept hier im Haus. Das bedeutet, wir haben tschechische Kinder und tschechische Mitarbeiter sowie deutsche Mitarbeiter und deutsche Kinder."

Kein Besuch bei der Partnerkita

Das "Unplanbare" planen– einmal quer durch das wildromantische Zittauer Gebirge, Deutschlands kleinstes Mittelgebirge: Darin hat auch Kitaleiterin Maria Zimmer langsam Übung.

"Es war schon eine schwierige Zeit, einen Kindergarten zu haben, wo kein Lachen ist. Kein Toben und keine Lautstärke. Irgendwie is eine Kindertagesstätte wirklich nur eine Kindertagesstätte mit Kindern. Da brauchen wa uns nüscht vormachen."

Diese Zeiten sind vorbei, alle 36 Kinder wieder da: 28 deutsche und acht tschechische Kinder, plus zwei tschechische Erzieherinnen von jenseits der Grenze. Und ansonsten gilt: Hände waschen, Abstand halten, Gesichtsmaske tragen. Allerdings nur für die Eltern, nicht für die Kinder. Die 28-Jährige nickt, während zwei Knirpse an ihr vorbeiflitzen. Vermummte Kitakinder sind schwer vorstellbar. Sie hat schon so genug damit zu tun, dafür zu sorgen, dass sich die zwei festen Gruppen im Haus nicht in die Quere kommen, wie es der Freistaat vorschreibt. Die Teamleiterin lächelt: Es klappt schon irgendwie. Nur das mit dem Kontakt zur Partnerkita im tschechischen Jablonné klappt nicht so richtig. Vor Corona besuchten sie sich gegenseitig jeden Donnerstag, immer Reihum.

"Momentan ist unser Kontakt komplett eingeschränkt. Wir haben jetzt auch lange darüber gesprochen, was wir machen wollen. Ob wir im September mit dem neuen Schuljahr wieder starten wollen. Und haben uns jetzt dazu entschieden, weil die Kita in Jablonné halt relativ strenge Auflagen hat und wir ja auch, durch die Kontaktketten, die man ja unterbrechen soll. Dass wir gesagt haben, wir peilen jetzt erst Mal Januar an."

Kleiner Grenzverkehr klappte immer gut

Tschechische Töne hört man in der Kita trotzdem: "Ich bin Carolina Svantova. Ich arbeite in Lückendorf als Erzieherin." Seit sechs Jahren arbeitet die gelernte Lehrerin jetzt schon im Zwergenhäusl. Und bislang, meint die quirlige Rothaarige, habe der kleine Grenzverkehr prima geklappt. Bis Corona kam, dann der Lockdown. "Eigentlich habe ich das nicht erwartet. Und dass das so lange dauern wird", erzählt sie.

Drei Monate saß die 43-Jährige zu Hause im Homeoffice, kochte, wusch Wäsche, versorgte ihre zwei Kinder - bis sie genug hatte vom Multitasking. Mitte Juni dann die erlösende Nachricht: Die Grenzen sind wieder offen. Doch so ganz traut sie dem Braten nicht.

"Auch bei uns: Die Ärzte, die Epidemiologen - jeder sagt etwas anderes. Jemand sagt, es kommt nichts mehr. Jemand sagt, es kann die zweite Welle kommen. Ich kann das nicht einschätzen. Ich hoffe, dass das wieder alles normal wird. Aber bei uns steigt ja wieder die Zahl" der Corona-Infizierten im tschechischen Kreis Liberec.

Tschechische Soldaten statt Gäste

Knut Popken dürfte das ziemlich ungelegen kommen. "Gartenzaun ist bei mir Grenze. Und die Einfahrt in mein Grundstück führt übers Tschechische."

Luftlinie sind es keine fünf Kilometer von der Kita bis zu Knut Popken uriger Gaststätte im Nachbardorf Hain. Es dauert zehn Minuten mit dem Auto oder über Stock und Stein, durch die bizarre Felslandschaft des Zittauer Gebirges gut eine Stunde zu Fuß. In der "Kammbaude" gibt es deftige Hausmannskost. "Stopperle", eine Oberlausitzer Spezialität, für 7,80 Euro - und die eine oder andere Hygienemaßnahme.

"Abwischbare Tischdecken. Keine Salzstreuer auf dem Tisch. Besteck erst, wenn der Gast kommt. Mundschutz tragen", erklärt der Wirt.

Knut Popken steht am Eingang seiner Gaststätte. Neben ihm wirbt eine Tafel für Schaschlik mit Pommes. (Michael Frantzen)Knut Popken gehört die Gaststätte Kammbaude in Hain. Er vermisst den Stammtisch und das gemeinsame Bier mit Nachbarn. (Michael Frantzen)

Seit 20 Jahren gehört dem Mann, dem man seine Liebe für gutes Essen ansieht, das Restaurant. Er hat Gäste kommen und gehen sehen, doch so etwas wie Corona hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, sinniert Popken draußen auf seiner Holzbank. Die steht schon mit einem halben Bein in Tschechien.

Plötzlich tauchen am Gartenzaun keine Gäste mehr von drüben auf, sondern tschechische Soldaten - wie nach dem Prager Frühling 1968. Und er musste mit 9000 Euro Soforthilfe vom Freistaat Sachsen über die Runden kommen. Aber es wird schon. Am 15. Juni jedenfalls standen seine Stammkunden Schlange - am Tag Eins nach Corona.

Kein gemeinsames Bier mit dem Nachbarn

"Das war schon heftig vom Arbeitsumfang. Die Leute wollten ja wieder unter die Menschen kommen. Es war schönes Wetter draußen. Der Biergarten war sofort voll. Das war schon ganz schön heftig", so Popkens.

Heftig waren auch seine Entzugserscheinungen in der Coronazeit nach seinem deutsch-tschechischen Stammtisch. Freitagabend treffen sie sich immer bei ihm in der Baude, darunter auch Jirka, sein tschechischer Nachbar. Der Mittfünfziger läuft ein paar Schritte zum Gartenzaun. Da drüben, rechts hinter dem Fichtenwald, da wohnt er, keine dreihundert Meter entfernt im Böhmischen.

"Das fehlte ja eben: Diese Nachbarschaft. Und die Freundschaft. Das Bier zusammen trinken abends. Oder mal zu ihm in den Garten und ein Bier trinken."

Anstrengender Abend auf tschechischer Seite

Das eine oder andere Bier gönnt sich auch Thomas Zenker, Oberbürgermeister von Zittau, dem mittelalterlichen Stadtjuwel. Neuerdings auch wieder böhmisches Bier.

"Wann war das? Am 15. Juni war das, denke ich, als Tschechien öffnete. Nee, 12. Juni. Das war die Bekanntgabe: Wir werden öffnen. Und dann ging es Knall auf Fall. Da war mittags schon offen. Ich hatte um 12:15 Uhr die Einbestellung: 'Thomas, wir haben ein Bier zu trinken. Oder drei.' Das heißt, am Abend hatte ich dann einen etwas anstrengenden Abend auf der tschechischen Seite" - zusammen mit Josef Horinka, dem Amtskollegen aus der Nachbargemeinde Hradek. Wobei das "anstrengend" in Anführungszeichen zu setzen ist, wirft der 44-Jährige lachend ein. Seinen Humor: Zenker hat ihn trotz allem nicht verloren. 

Offene Grenze gehört zur Normalität

"Dass es so schnell möglich war, eine Grenze zu schließen, ohne eigentlich mit der Wimper zu zucken. Ohne darauf zu hören, was die Regionalen dazu sagen, dass hat uns alle extrem erschreckt", sagt Zenker. Und das sei etwas, was Normalität sehr in Frage stelle. "Das war ganz explizit die tschechische und die polnische Seite."

Auf einer Straße durch einen Wald steht ein blauer See-Container. Daneben ein Schild mit der Aufschrift "Tschechische Republik". (Michael Frantzen)Deutsch-tschechischer Grenzübergang in Lückendorf. Eine offene Grenze gehört zur Normalität. (Michael Frantzen)

Prag und Warschau haben dem Parteilosen schlaflose Nächte bereitet: allein die Sache mit dem Klinikum Zittau. 60 Mitarbeiter stammen aus Tschechien, darunter diverse Oberärzte. Und bis die während der Grenzschließung die Ausnahmeerlaubnis bekamen, die Grenze zu überqueren, hat gedauert. Gesundheit, Handwerk, Schulen: Ohne die tschechischen und polnischen Pendler läuft in Zittau wenig. Eine zweite Coronawelle möchte sich Zenker nicht ausmalen. Schon jetzt ist der Haushalt seiner 30.000-Einwohnerstadt Makulatur.

Haushaltssperre seit Juni

"Wir können die Zahlen nicht ermessen. Das heißt beispielsweise jetzt: In Gewerbesteuern haben wir im Moment einen Außenstand von noch nicht einmal zehn Prozent. Das heißt, das macht mir jetzt keine Angst. Auf der anderen Seite: Die Auswirkungen dessen, was in den Monaten passiert ist, könnten sich ja auch viel später abzeichnen." Anfang Juni hat Zenker eine Haushaltssperre verhängt.

Er hofft jetzt darauf, dass Bund und Land seiner sowieso schon klammen Gemeinde finanziell unter die Arme greifen. Und er hofft darauf, dass sich hinter den Bergen, in Prag, Warschau und Berlin die Erkenntnis durchsetzt, dass das mit der grenzenlosen Kooperation im Dreiländereck wichtiger ist denn je.

"Dass man sagen kann: Hier lebt Europa. Wenn es an dieser Grenze nicht funktioniert, wie zum Beispiel durch einen Lockdown, dann muss sich Europa fragen, wie es dann im Großen und Ganzen funktionieren soll."

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