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Buchkritik | Beitrag vom 16.04.2019

Zinzi Clemmons: "Was verloren geht"Vom Schmerz vor dem großen Beileid

Von Anne Kohlick

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Eine Montage zeigt das Buchcover des Romans "Was verloren geht" von Zinzi Clemmons, im Hintergrund ein stimmungsvoller Himmel (Ullstein Verlag / Unsplash / Jason Wong)
"Was verloren geht" ist ein außergewöhnlicher Debütroman von Zinzi Clemmons. (Ullstein Verlag / Unsplash / Jason Wong)

Am Sterbebett ihrer Mutter spürt Zinzi Clemmons täglich den Schmerz des Verlustes. Ihre Erfahrungen hat sie in ihrem Roman "Was verloren geht" verarbeitet. Der 34-Jährigen ist mit diesem Roman ein von vielen Kritikern hoch gelobtes Debüt gelungen.

Thandi ist übel. Das Sesamhühnchen vom Chinesen um die Ecke, das ihr Vater bestellt hat, rumort in ihrem Bauch. Nichts schmeckt mehr nach zu Hause, seit ihre Mutter an Krebs gestorben ist, seitdem die Küche nicht mehr nach ihren Currys duftet. Zum Glück sind es nur ein paar Schritte bis zur Toilette.

Mit Erbrochenem beginnt "Was verloren geht": Ein außergewöhnlicher Debütroman, der vom Sterben der Mutter handelt und vom Leben der Ich-Erzählerin, die das Gefühl hat, nirgendwo dazuzugehören. Denn Thandi ist weder weiß, noch "richtig schwarz" – das haben ihre Mitschüler sie schon als Kind wissen lassen.

Bruchstückhaft und in kurzen Episoden erzählt

Wie ihre Hauptfigur ist die 34-jährige Autorin Zinzi Clemmons Tochter einer Südafrikanerin und eines Afro-Amerikaners. In dem privilegierten, von Weißen bewohnten Vorort Philadelphias, in dem sie aufwächst, fallen ihre karamellfarbene Haut und die krausen Haare auf. Im Roman zwingt die Mutter Thandi dazu, sich die Locken chemisch glätten zu lassen – eine Tortur, die der Tochter das Gefühl gibt, von Natur aus hässlich zu sein.

Bruchstückhaft, in kurzen Episoden ohne chronologische Ordnung erzählt Zinzi Clemmons die bewegende Geschichte von Thandis Verlust, die stark von eigenen Erfahrungen inspiriert ist. 2012 unterbricht die Autorin ihr Studium im Fach "Fiktionales Schreiben" an der Columbia University in New York, um ihre schwer krebskranke Mutter zu pflegen. In dieser Zeit führt sie Tagebuch – die Basis ihres späteren Romans, der 2017 in den USA erscheint und von der englischsprachigen Presse hochgelobt wird, von der "Vogue" sogar als "Debüt des Jahres".

Schonungslose Erzählung über die Leere

Trauer, Einsamkeit, Liebe: Über diese großen Emotionen schreibt Zinzi Clemmons in einer klaren, kühlen Sprache. Der Gestank im Krankenzimmer der Mutter – nicht mehr "als Moleküle, die meine Nasenöffnungen hinein- und hinausschwebten, die Szenerie nichts weiter als Licht, das von belebten und unbelebten Objekten reflektiert wurde, einige davon sterbend." Gnadenlos offen beschreibt sie, wie Thandi in den Wochen nach dem Tod der Mutter ein unstillbares Verlangen nach Sex überkommt: Masturbierend liegt sie in ihrem alten Kinderzimmer, während nebenan Familienfreunde dem Vater ihr Beileid aussprechen.

Zwischen den Szenen streut die Autorin Elemente, die man sonst aus Sachbüchern kennt: Fotos, Grafiken, Zitate aus Blogs. Sie spiegeln, worauf Thandi im Internet stößt – Bilder von Frauen, die sich in Serienmörder verlieben, News zur Sicherheitslage in Südafrika, wo sie früher mit ihrer Mutter oft die Sommer verbrachte. Manche dieser Nebenstränge führen ins Leere, andere weiten den Blick auf die politische Dimension des scheinbar Privaten: Laut einer Statistik, die Zinzi Clemmons anführt, lag die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu sterben, 2012 – im Todesjahr ihrer Mutter – für eine afroamerikanische Frau um 42 Prozent höher als für eine weiße Frau.

Auf vielen Seiten von "Was verloren geht" füllt die Schrift nur die Hälfte des Blattes oder weniger. Das weiße Papier macht die Leere, die Abwesenheit greifbar, von der Zinzi Clemmons schonungslos und überzeugend erzählt. Ein Debüt, das zu Recht Aufsehen erregt.

Zinzi Clemmons: "Was verloren geht"
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Clara Drechsler & Harald Hellmann
Ullstein, Berlin 2019
240 Seiten, 20 Euro

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