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Echtzeit | Beitrag vom 21.12.2019

Zimmerpflanzen Süchtig nach dem Indoor-Dschungel

Von Katharina Kühn

In einem Wohnraum stehen zahlreiche Topfpflanzen auf mehreren Ebenen im Fenster. (unsplash / Nasim Keshmiri)
Zimmerpflanzen liegen im Trend, und statt im Baumarkt kauft man sie heute in der Pflanzenboutique. (unsplash / Nasim Keshmiri)

Die Natur in die eigenen vier Wände holen: Waren Zimmerpflanzen früher eher was für menschliche Mauerblümchen, werden sie heute von "Plantfluencern" auf Instagram beworben. Aber machen Zimmerpflanzen auch die Luft reiner?

Für ein Wochenende hat sich ein leerstehendes Geschäft in Berlin-Mitte in einen Pop-up-Store verwandelt. Hier stellt der Online-Shop Bergamotte allerdings keine neuen Essenstrends oder Modekollektionen vor, sondern Palmen, Kakteen und Farne. Zimmerpflanzen.

Zwischen den vielen Regalen steht Jasmin, 37:

"Also, ich bin so ein bisschen süchtig auch und anstatt Klamotten gehe ich eher Pflanzen shoppen", sagt sie. "So die letzten Jahre hat das angefangen. Ich hatte eine Katze ganz viele lange Jahre und mit einer Katze kann man natürlich nicht so viele Pflanzen haben, weil die die immer anfressen und seitdem der Kater nicht mehr ist, shoppe ich Pflanzen."

Süchtig nach Pflanzen! Shoppen. Waren früher Zimmerpflanzen etwas für menschliche Mauerblümchen, prahlen jetzt Männer und Frauen auf Instagram mit neuen Trieben und ausladenden Blättern. "Plantfluencer" heißen die Influencer für den Wildwuchs. Die Natur in die eigenen vier Wände holen, ist das Versprechen, aber auch frische Luft für die Großstadt durch reinigende Pflanzen.

Mit der Industrialisierung kamen die Zimmerpflanzen

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass wir Pflanzen rein zur Zierde zum ersten Mal in unsere Wohnungen gestellt haben. Schließlich mussten die Wohnungen zunächst zimmerpflanzenfreundlich werden – mit Glasfenstern und wärmeren Temperaturen. Das ging mit der Industrialisierung los, erzählt Patricia Rahemipour, die bis vor kurzem das Botanische Museum in Berlin geleitet hat:

"So die erste große Mode, die man fassen kann, ist in England mit den Farnen. Die sind auch tatsächlich relativ kompliziert zu halten. Also, es ist wirklich auch so, man musste auch erst mal das Wissen um die Zimmerpflanzen herstellen. Und es war Teil des Selbstbewusstseins eines Hausherrn, der gesagt hat 'okay, ich habe eine Hausfrau, die es sich leisten kann, sich mit diesen Zimmerpflanzen zu beschäftigen'."

Ein bisschen Angeben gehörte also auch dazu. Wer konnte schon das Geld aufbringen, Pflanzen aus anderen Teilen der Welt nach Europa bringen zu lassen? Eine Ananas-Pflanze war damals ungefähr genauso teuer wie eine Kutsche, erzählt Patricia Rahemipour.

Es wurde dann zum Glück ein bisschen günstiger. Und so entwickelte sich eine grüne Mode nach der anderen – erst die Farne, dann Alpenveilchen im Schlafzimmer, Hortensien, üppige Blumenprachten im Biedermeier und Flower Power in der Hippie-Zeit. In der Weimarer Republik und um die Jahrtausendwende verschwanden die Pflanzen aus den Wohnungen, es sollte etwas nüchterner zugehen.

Heute kauft man in der "Pflanzenboutique"

Jetzt sind auf den Instagram-Bildern und in den Online-Shops tiefgrüne Pflanzen beliebt. Keine Blumen, sondern große, wuchtige Blätter mit Punkten, Linien, Sprenkeln. Ein Urban Jungle. Aber einer, der in die Wohnung passt, bitteschön.

"Die Pflanzen sind zu Designobjekten geworden. Mir ist das aufgefallen, als es zum ersten Mal Blumentöpfe gab, die umgekehrt von der Decke hängen und die Pflanzen wachsen nach unten raus, wo ich dachte: Welchen Sinn macht es eigentlich, dass eine Pflanze nach unten raus wächst? Aber wie das arrangiert war, in diesem Laden, war einfach so klar: Das ergänzt jetzt die Lampe, die da hängt, die auch sehr hübsch ist, und es ergänzt auch den Tisch und die Stühle, die dazugehören und so, und da ist es wirklich, das reine Designobjekt."

Und weil die Pflanzen nicht einfach wild wachsen sollen, kauft man sie jetzt auch nicht mehr einfach im Gartencenter am Stadtrand, sondern in Pflanzenboutiquen, fast schon wie eine Kunstgalerie mit Kurator, der die Pflanzen sorgsam auswählt.

Ein solcher Laden ist "The Botanical Room" in Kreuzberg. Hanni Schermaul wacht über die Pflanzenauswahl. Auch hier gibt es in designten Tontöpfen Sukkuleten, Calatheas mit ihren großen, strukturierten Blättern und natürlich den Star der aktuellen Pflanzenliebhaber – die Monstera.

Als Luftreiniger taugen sie allerdings kaum

Hanni Schermaul bietet auch Pflanzen explizit zur Luftreinigung an. Nun also die Frage – reinigt die eine Grünlilie wirklich meine Wohnzimmerluft?

"Danach wird oft gefragt, und ich finde es auch eine sehr niedliche Frage. Also, da braucht man schon mehr als eine Pflanze, dass das einen Effekt hat."

Auch wenn Bogenhanf, Grüntaler und Philodendron nun wohl mehr machen als andere Arten – bis sich ein Effekt zeigt, müsste man wohl seine ganze Wohnung mit etlichen Pflanzen ausstatten. Allerdings hat das ja auch positive Aspekte, sagt Patricia Rahemipour. Denn die Warnung, man solle keine Pflanzen ins Schlafzimmer stellen, ist damit auch hinfällig:

"Das ist so minimal, da müssten Sie eine Stunde lang die Luft anhalten, bevor Sie genauso wenig verbrauchen und ausstoßen wie die Zimmerpflanze."

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