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Studio 9 | Beitrag vom 02.08.2019

Zilli Reichmann über den Holocaust an Sinti und RomaGegen den Albtraum gibt es kein Mittel

Von Ernst-Ludwig von Aster

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Zilli Reichmann ist heute in Mannheim zu Hause. (Deutschlandradio/ v.Aster)
Zilli Reichmann ist heute in Mannheim zu Hause. (Deutschlandradio/ v.Aster)

Heute ist Europäischer Holocaust-Gedenktag für die Sinti und Roma. Vor 75 Jahren, am 2. August 1944, wurde im Vernichtungslager Auschwitz das sogenannte "Zigeunerlager" liquidiert. Zilli Reichmann, heute 94 Jahre alt, hat überlebt.

Renate will Kaffee kochen. Zilli sitzt in ihrem großen, roten Sessel und gibt Ratschläge. Die kleine 94-jährige Frau mit den großen Perlenohrringen nickt zufrieden, als die Schwiegertochter in der Küche verschwindet. Greift zu einem Gasanzünder, zündet sich eine Zigarette an. Der Ärmel ihres blauen Kleides rutscht etwas nach oben. Gibt eine Tätowierung auf dem Unterarm frei. 

"Die habe ich in Auschwitz gekriegt, von Bogdan, ich weiß, wie er heißt. Guck, das war das 'Z', 'Zigeuner', siehste, habe ich mit der Rasierklinge versucht, ging aber nicht weg, kam aber immer wieder…"

Am 11.März 1943 sticht Bogdan, ein Mithäftling, die Tätowierung "Z1959" in Zillis Unterarm. Im sogenannten Zigeunerlager in Auschwitz. Von da an ist die 19-Jährige nur noch eine Nummer im Vernichtungslager der Nationalsozialisten. In den folgenden Wochen bringen Eisenbahnwaggons tausende Sinti und Roma nach Auschwitz. Auch Zillis Eltern, Zillis vierjährige Tochter Gretel, ihre Schwester mit sieben Kindern, ihre beiden Brüder.

Die ganze Familie nach Auschwitz

Renate deckt den Tisch, Zilli zieht an der Zigarette. Die 94jährige raucht viel.

"Da vergeht keine Woche, wo ich da nicht träume, da laufe ich hier rum, und weine, und rauche Zigarette. Da bin ich in Auschwitz."

Ihre Tochter Gretel, ihre Eltern, ihre Schwester mit sieben Kindern – sie alle werden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in Auschwitz vergast. Vor 75 Jahren. Bei der sogenannten "Liquidation des Zigeunerlagers". Nur Zilli und ihre beiden Brüder überleben. Weil sie Stunden zuvor in ein Arbeitslager verlegt werden. 

"Mein Vater hat immer gesagt: 'Ach, weißt Du was', zu meiner Mutter, 'der Hitler, der bringt doch nur die Verbrecher weg.' Und zuletzt: Mein Vater hat keine Vorstrafe gehabt, so verkehrt Parken oder irgendwas, der war so sauber, so sauber ist heute keiner mehr. Und er ist auch ins Lager gekommen, dann hat er gesehen, was der Hitler gemacht hat, er hat es nicht geglaubt. Er hat gedacht, er bringt nur die Verbrecher weg. Nachher waren wir dran. Wir waren keine Verbrecher."

Eine wohlhabende Sinti-Familie, die mit ihrem Wanderkino zwischen Dresden, Jena und Prag über die Dörfer zieht. Der Bruder handelt nebenbei mit Geigen. "Lalleri" nennen sie sich selber. "Deutsche Zigeuner", sagen andere. Ab 1938 gibt es eine "Reichzentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens". Und einen Himmler-Erlass zur "Bekämpfung der Zigeunerplage". Grundlagen für die Menschenjagd auf Sinti und Roma. Lange hat Zilli über diese Zeit geschwiegen. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen.

In die Gaskammern wie die Juden

"Unsere Menschen sind genau in die Gaskammern gegangen, wie die Juden auch. Und man hört von den Sinti sehr selten… und das hat mich dann geärgert… und deswegen habe ich das gemacht."

Stundenlang hat sie Historikern aus ihrem Leben erzählt.

"Meine zwei Cousinen, die waren versteckt in Straßburg, die waren nicht angemeldet, schwarz, da waren sie versteckt, die zwei." 

Zilli fährt nach Straßburg, soll die Cousinen nach Metz holen, wo die Familie mit dem Wohnwagen wartet. So möchte es ihr Vater. Er glaubt, das sei sicherer. 

"Und so wollten wir vom Bahnhof zurück nach Metz, da wo mein Vater war, und dann sind wir verhaftet worden, alle dreie. Die zwei haben sie gesucht, mich habe sie nicht gesucht, aber ich bin freiwillig mitgegangen…Wenn sie meine Cousinen mitnehmen, gehe ich auch mit, habe doch nicht gewusst, dass ich ins Gefängnis gehe."

Erst Straßburg, dann Karlsruhe, Prag, Lety – am Ende Auschwitz. Die ganze Familie deportiert ins Vernichtungslager. Vater, Mutter, Zilli, ihre Tochter Gretel, eine Schwester, zwei Brüder, sieben Kinder. Die 18-jährige Zilli bringt die Familie durch, so gut es geht.  

"Ich habe geklaut wie ein Rabe, aber nicht von dem Mund von den Menschen, in der Küche, in der Bekleidungskammer, Magazin, alles, wo Du nur denken kannst, hat die Zilli geklaut…"

"Mama, da tun die Menschen rein"

Sie lernt Hermann Dimanski kennen, einen Lagerältesten, Kommunist, Spanienkämpfer. Mit dem Segen ihrer Mutter beginnt sie ein Verhältnis, erzählt sie. Ab jetzt braucht sie nicht mehr zu stehlen. Diamanski hilft, wo er kann. Zweimal streicht er Zilli von der Liste zur Vergasung. "Da hat er wohl eine andere für mich hingestellt", sagt sie.

"Das Zigeunerlager, das war gar nicht weit weg von der Gaskammer. Mein Kind kam immer zu mir: "Mama, Mama, da hinten werden die Menschen verbrannt.' Habe ich gesagt: 'Nein…, da backen sie Brot.' 'Nein, Mama, da tun die Menschen rein", die hat das gewusst. Mit vier, fünf Jahren. 

Zilli schluckt. Schüttelt den Kopf. Wechselt abrupt das Thema. Vor einigen Jahren, sagt sie hing ein NPD-Wahlplakat, an der Laterne vor ihrer Haustür: 'Lieber Geld für die Oma als für Sinti und Roma' stand da.

"Die sind gar nicht ohne, die sind gar nicht ohne, wir kriegen eine böse Zeit noch, die junge Menschen, die tun mit heut' schon leid, weil die Rechten, die sind ganz schön im Kommen, die haben viel Zulauf."

Darüber will sie jetzt aber nicht mehr reden, sagt sie. Sie darf sich nicht aufregen über die Gegenwart. Sie hat schon genug zu tun mit der Vergangenheit. Wenn die Gedanken in der Nacht wiederkommen: 
 
"… und dann bete ich, Herrgott, nimm mir den Gedanken weg, Herrgott, du weißt doch, das tut mir so weh, dass ich weine. Manchmal sage ich zu der Renate: 'Heute Abend war ich wieder....'

Renate: "...heute Abend war ich wieder in Auschwitz. Vom Psychiater habe ich ihr extra was geholt."

Doch gegen den Albtraum von Auschwitz gibt es kein Mittel. 

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