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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 20.09.2005

Zerstörung und Wiederaufbau

Düsseldorf: Das Janusgesicht

Von Adolf Stock

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Düsseldorfer Skyline (AP Archiv)
Düsseldorfer Skyline (AP Archiv)

Als 1960 das Dreischeibenhochhaus zwischen Hofgarten und City stand, war Düsseldorf in der Moderne angekommen. Die Architekten hatten sich in Amerika beraten lassen. Auch die drei Rheinbrücken waren eine technische und ästhetische Meisterleistung. Hier zeigte sich das neue demokratische Deutschland architektonisch von seiner besten Seite.

Doch die Erfinder der neuen Stadt kamen aus dem Grau der Nazizeit, Stadtbaurat Friedrich Tamms hatte schon unter Hitlers Baumeister Speer den Wiederaufbau der zerstörten Städte geplant. Mit einem Wort: Architektonisch hat es die Stunde Null in Düsseldorf nie gegeben.

"Düsseldorf besteht aus zwei Rheinseiten. Wir wohnen hier linksrheinisch, unzerstört gebliebenes Jugendstilviertel, Oberkassel, alles wunderbar. Rechtsrheinisch war alles in weiten Bereichen zerstört. Aber was man hier bewahrt hat, ist im Grundsatz die alte Struktur der Stadt, mit den vielen Parks, mit den durchgehenden Grünzügen und hat natürlich, wie in jeder Stadt auch, einige Fehler gemacht, aber unterm Strich, muss ich sagen, ist das ein sehr gelungener Wiederaufbau mit auch sehr guten Perspektiven. "

Der Architekt Wolfgang Döring zieht Bilanz. Für ihn ist der Düsseldorfer Wiederaufbau eine Erfolgsgeschichte: Die berühmte Königsallee, die Altstadt, die glitzernden Hochhäuser und die neue Rheinpromenade, die die Stadt zum Fluss hin öffnet.

1945 bot die Stadt ein trauriges Bild. Die Brücken über den Rhein gab es nicht mehr, und rechtsrheinisch lag Düsseldorf in Trümmern. 60 Prozent der Häuser waren zerbombt, das bedeutete 10 Millionen Kubikmeter Schutt. Aber merkwürdigerweise war der Stadt die Zuversicht nicht abhanden gekommen. Im Gegenteil: Unter den neuen geopolitischen Bedingungen witterte Düsseldorf seine historische Chance und setzte alles daran, diese Chance auch zu nutzen. Die Stadt wurde zum Sitz der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen, und mit dem Marshallplan, der die westdeutsche Wirtschaft wieder in den Verbund der westlichen Welt aufnahm, erwartete der "Schreibtisch des Ruhrgebietes" einen neuen großen Aufschwung, erklärt der Architekturhistoriker Werner Durth.

" Es war klar, dass diese Stadt als wirklich Kapitale des Westens sich ganz früh, heute würde man sagen, neu aufstellen konnte. Und so kam es denn, dass man sich sehr genau anschaute, wen man sich dort etwa als Stadtbaurat oder als Direktor des Hochbauamtes hinholte. "

In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde Düsseldorf zur heimlichen Hauptstadt der Bonner Republik. Die geballte Macht von Industrie, Banken und Börse zog an den Rhein, und Ende der 50er Jahre hatten über 200 Verbände und Organisationen ihre Zentralbüros in der Stadt. Die Symbiose zwischen Großindustrie und der bauenden Eliten, die schon im Dritten Reich den architektonischen Wiederaufbau geplant hatten, funktionierte in Düsseldorf perfekt.

Wer vom Düsseldorfer Wiederaufbau spricht, muss auch von Personen sprechen, vor allem von Friedrich Tamms, der im Dritten Reich Karriere unter Albert Speer gemacht hatte und später mit Elitenbewusstsein und Durchsetzungskraft die Stadtplanung Düsseldorfs bestimmte.

" Dieses Talent Friedrich Tamms kriegte schon sehr früh große Aufgaben, hatte beste Kontakte, und insofern wurde ihm der Brückenbau regelrecht zur Obsession, und nachdem er dann auch noch im Krieg für den Bunkerbau zuständig war, sich darüber hinaus dann auch mit Stadtplanung beschäftigte, konnte er – man kann sagen mit ungebremstem Elan – dann durch die Kriegs- und die Nachkriegsjahre hinübergehen und eigentlich ohne tieferen Bruch durch das Kriegsende ab 1948/49 in Düsseldorf dann diese gesammelten Kompetenzen auch anwenden und sich auf all die Verbindungen weiter stützen, die ja auch durch den Krieg nicht zerrissen waren. "

An Friedrich Tamms scheiden sich die Geister, die einen bewundern seine fachlichen Fähigkeiten und sehen über seine Nazivergangenheit generös hinweg, anderen ist Tamms dann doch zu technokratisch, opportunistisch und letztlich unmoralisch. Kurt Schmidt gehört zu den Bewunderern. Er ist 1965 nach Düsseldorf gekommen und war bis zu seiner Pensionierung Mitte der 90er Jahre Leiter des Stadtplanungsamts. Er erinnert sich noch gut an Friedrich Tamms und seine städtebaulichen Grundsätze.

" Er hat ganz konsequent gesagt, der Stadtgrundriss ist praktisch die Seele der Stadt und den müssen wir nach Möglichkeit erhalten, aber dort wo es nötig ist, müssen wir, wie Haussmann damals in Paris – und heute findet das auch jeder prima – müssen wir Schneisen schlagen, um gerade den Stadtgrundriss zu schützen. Er war ein außerordentlich hoher Ästhet, und darum sind auch die Brückenfamilie in Düsseldorf, die drei Brücken, die aufeinander bezogen sind, sind ja märchenhaft schön und weit berühmt und sind sogar in der MOMA in New York ausgestellt. "

Der Stratege Tamms plante den Individualverkehr, denn für die vielen Autos, die nun bald kommen würden, war ein gut ausgebautes Straßennetz nötig. Als Entlastung zur Königsallee wurden Parallelstraßen geplant, die Altstadt sollte wieder erkennbar werden und das Viertel zwischen Königsallee und Hauptbahnhof wurde zur City erklärt. Rund um den Hofgarten sollte die Kultur eine Heimstatt finden, mit Oper, Theater und Museen. Die ersten Pläne für den Wiederaufbau waren im Herbst 1949 in einer Ausstellung zur Neuordnung Düsseldorfs zu sehen.

Doch noch spukten die Architekturvorstellungen aus dem Dritten Reich in den Köpfen der Architekten und Planer: Großen Achsen und monumentale Bauten wurden für Düsseldorf noch einmal wiederbelebt. Nur die Verkehrsplanung war völlig modern. Auf den Skizzen und Plänen werden die Straßen als beschwingte Linien über den Stadtkörper gelegt. Und viele dieser Vorstellungen, sagt Werner Durth, wurden dann später auch realisiert.

" Wenn man sich die Fotos ansieht, hat man auf der einen Seite beispielsweise ein Fassadenmodell einer Bank, die noch ganz dem Muster und bis ins Detail dem Oberkommando der Wehrmacht entsprach, das 1938 unter Speer für die große Achse in Berlin entworfen worden war. Und dieser Bau wurde auch 1950/51 noch genau so realisiert, dass die jungen Architekten sagten, das ist ja der so genannte Reichskanzleistil, der auf einmal hier in Düsseldorf präsent ist. "

Eine Bank im Stil der Reichskanzlei! Absurderweise sind die wichtigsten Bauten im Nazistil hier erst nach dem Krieg entstanden. Auch der Architekt Julius Schulte-Frohlinde brachte mehr Altes als Neues nach Düsseldorf. Sein Rathaus-Neubau wurde zum handfesten Skandal, weil er kritische Zeitgenossen dann doch zu deutlich an die Architektur der NS-Ordensburgen erinnerte, die Schulte-Frohlinde ein paar Jahre zuvor für die Nazis entworfen hatte.

"Die jungen Architekten, die meinten, sie wären jetzt am Zuge und sie müssten dieser Stadt ihr modernes Gesicht geben, liefen Sturm gegen diesen Entwurf dieses Rathauses, von dem sie meinten, es käme ganz aus dieser Blut- und Bodentradition des Dritten Reiches. Sie sammelten Protestbriefe bis hin zu Gropius aus der Emigration, der aus Amerika zurückschrieb und protestierte. Alles vergebens, weil diese Gruppe von etablierten Architekten in Düsseldorf doch so fest im Sattel saß, dass sie in dieser ersten Phase fast alles machen konnten, was sie wollten. "

Der Architekt Wolfgang Döring gehört zum Umkreis dieser kritischen jungen Architekten. Er ist in den 60er Jahren nach Düsseldorf gekommen, wo er zunächst im Büro von Paul Schneider-Esleben Arbeit fand. Schneider-Esleben gehörte neben Bernhard Pfau zu den jungen Wilden, die gegen Tamms und seine Mannen für die Moderne stritten. Mit dieser Erfahrung im Rücken blickt Wolfgang Döring kritisch auf die Düsseldorfer Nachkriegsjahre.

"Was ja offenkundig ist, dass durch die Vermittlung von Helmut Hentrich eben Leute wie Friedrich Tamms hierher kamen, der Reichsarchitekt der HJ, wie wir halt gesagt haben Scheiße-Frohlocke oder Schulte-Frohlinde, dass die hier als Stadtbaumeister tätig waren. Der Flick hat sich von diesen Leuten hier, er hat den Wiederaufbau hier betrieben für seine Bürohäuser in Düsseldorf. "

Erst eine scharf geführte öffentliche Debatte über architektonischen Nazi- und Heimatstil führte bei Tamms und den Seinen zu einer radikalen Kurskorrektur. Es war ausgerechnet das Büro Hentrich, Petschnigg und Partner, das mit dem Dreischeibenhaus für Düsseldorf und weit darüber hinaus architektonisch neue Maßstäbe setzte. Werner Durth.

"Die Entscheidung für diese ganz andere Bauform wurde getroffen nach einer gemeinsamen Reise in die USA, in der sich damals Friedrich Tamms und andere entscheidende Persönlichkeiten aus Düsseldorf mit den neusten Entwicklungen im Hochhausbau beschäftigten. Da war es gewissermaßen ein Geniestreich, drei Hochhäuser nebeneinander leicht verschoben so zu bauen, und das ist in diesem eleganten Zeichen Düsseldorf einerseits ein richtiger Aufbruchspunkt in die Nachkriegsmoderne geworden. "

Mit dem Dreischeibenhaus waren Hentrich und Tamms in der Moderne gelandet. Kurt Schmidt kann erzählen, dass in den 60er Jahren im Büro von Friedrich Tamms eine Luftaufnahme von Manhattan hing, die von der Decke bis zum Fußboden reichte. Folgt man allerdings Wolfgang Döring, dann hat Helmut Hentrich seinen weltweiten Erfolg mit dem Dreischeibenhaus reichlich pragmatisch kommentiert.

" Dieses wunderbare gläserne Gebäude, das er, wie mir dann erzählt worden ist, damit kommentiert haben soll: Mit der modernen Architektur verdient man noch viel mehr Geld, wir machen jetzt nur noch auf modern. "

Am Ende der Königsallee, dort wo der Hofgarten beginnt, steht das Dreischeibenhaus. Es bildet eine städtebauliche Einheit mit dem Straßengewirr, das in einer verzweigten Hochstraße endet, die den Verkehr in die verschiedenen Straßen der City lenkt. 1958 genehmigte der Düsseldorfer Stadtrat den "Tausendfüßler". Vorbild waren die berühmten Freeways von Los Angeles, und auch Düsseldorf sollte nun ein zweigeschossiges Verkehrkreuz in Gestalt einer ypsilonförmigen Hochstraße bekommen.

Über den Jan-Wellem-Platz verläuft ein Teil des Tausendfüßlers. Neben den Stützen verkaufen Händler Obst. Der Platz erinnert an Kurfürst Johann Wilhelm, der Düsseldorf zur Residenz erhob. Später kamen Napoleon und die Franzosen. Aus dieser Zeit stammen die prächtige Königsallee und der Hofgarten, der dann angeknabbert und in zwei ungleiche Hälften geteilt wurde, als die Schnellstraße kam und das Dreischeibenhaus gebaut wurde. Damals gab es wütende Bürgerproteste, als die Bauarbeiter anfingen, ein Stück Teich im Hofgarten zuzuschütten.

Und so waren die Verwerfungen der Nachkriegsgesellschaft schon früh in Düsseldorf spürbar. Schon in den 60er Jahren galt die Stadt als neureich, und nicht allen gefiel der Vergleich mit Los Angeles oder Chicago. Für die Kritiker hielt Düsseldorf die historische Altstadt bereit. Hier durften sich all jene austoben, die die Zukunft in der Vergangenheit suchten. Hinter dem schiefen Turm der Lambertuskirche entstand ein Viertel im Heimatstil-Ambiente. Die Düsseldorfer Altstadt wurde schon früh zur längsten Theke der Welt, und die funktioniert noch immer.

Düsseldorf liegt nicht am Rhein, sondern an der Königsallee, witzelten frührer die Spötter. Seit der Verkehr der Rheinuferstraße durch einen Tunnel führt, werden sie eines Besseren belehrt. 1993 wurde der Tunnel eröffnet, eine Doppelröhre für 55000 Fahrzeuge täglich. Das Ufer entlang der Altstadt bis zum Rheinhafen hat sich der Flaneur zurückerobert. Die Rheinpromenade ist ein Geniestreich der Stadtplanung. Und auch die Altstadt bekam durch die Promenade neuen Schwung, sagt Kurt Schmidt, der das neue Stück Stadt damals mitgeplant hat.

" Jede Stadt hat ihre eigene Melodie, und in Düsseldorf ist die eine Melodie der Fluss, und das andere ist die Großzügigkeit der Alleen, und ich habe bei allen Projekten und Erweiterungen immer versucht, diese Idee der Allee weiterzuentwickeln. "

Die vollständige Melodie ist dann doch eher Patchwork. Düsseldorf ist eine Stadt, die sich ständig pragmatisch erneuert, ohne auf die rheinische Gemütlichkeit zu verzichten. Es ist eine Gemütlichkeit, die nicht nostalgisch, sondern handfest und lebensfroh ist. Ja in Düsseldorf, sagt Wolfgang Döring, kann es doch gar kein ausgeprägtes historisches Bewusstsein geben.

" Die Gemarkung Oberkassel gehörte mal zum Erzbischof von Köln, das darf man nicht vergessen. Rechtsrheinisch gab es das Dorf, das später durch einen Zufall eine Residenzstadt wurde und dann eine Zitadelle, eine Militäreinrichtung wurde. Im 19. Jahrhundert besaß Düsseldorf die größte Anhäufung von Kasernen im gesamten Preußen, das weiß man gar nicht. Es gibt auch keine alteingesessenen Bürger, die hier seit 200 Jahren sitzen. Die Stadt ist jung, guckt nach vorne. Wir haben 540.000 Einwohner und 450.000 Arbeitsplätze, dass heißt, unter der Woche ist Düsseldorf eine Millionenstadt. "

Düsseldorf ist heute eine lebensfrohe Metropole, und der Wiederaufbau ist eine Erfolgsgeschichte. Viele jüngere Leute haben den Namen Tamms noch nie gehört, und sie können sich kaum vorstellen, dass die alten Häuser in der historischen Karlstadt Neubauten sind, sagt der Düsseldorfer Kunsthistoriker Jürgen Wiener.

" Wenn man sich jetzt überlegt, wie zum Beispiel das Rheinstadion abgerissen wurde, das hat nirgendwo auch nur den kleinsten Widerstand hervorgerufen. Also da war die Ikone Tamms schon überhaupt nicht mehr lebendig, dass man das noch mal hätte in die Waagschale werfen können. "

Die Bausünden aus den ersten Nachkriegsjahren, etwa die Hochhäuser an der Königsallee sind aus dem Stadtbild schon wieder verschwunden. Und vielleicht geht es auch der Hochstraße an den Kragen. Und damit die Stadt nicht vollends im Kommerz erstickt, sind seit jeher die Künstler da. Josef Beuys oder Jörg Immendorf und wie sie alle heißen. Künstler, die eine kritische Symbiose mit ihrer Stadt eingegangen sind.

Ein bisschen Größenwahn ist auch immer mit im Spiel, denn Düsseldorf möchte gern vieles sein: Gartenstadt und Kunststadt, Tochter Europas und Stadt der Mode, Klein-Paris, New York oder Chicago, Schreibtisch des Ruhrgebiets, Messestadt und eine Heimat für Japaner. Und ein wenig ist es ja auch so. Düsseldorf hat einen ganz bestimmten Sound. Wer ihn zu hören versteht, lebt in einer ganz besonderen Stadt, die Jürgen Wiener so beschreibt.

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