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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.08.2013

Zerstörung als Chance

Stadtplanung in Zeiten des Bombenkriegs

Moderation: Frank Meyer

Das zerstörte Hamburg im Zweiten Weltkrieg (picture alliance / dpa)
Das zerstörte Hamburg im Zweiten Weltkrieg (picture alliance / dpa)

Erst zerstört, dann neu aufgebaut: Die Vernichtung der Städte im Zweiten Weltkrieg hat bei vielen Architekten und Stadtplanern eine regelrechte Euphorie ausgelöst. Das ist die pikante These einer Ausstellung, die heute in Hamburg eröffnet wird. Ein Gespräch mit dem Kurator Jörn Düwel.

Frank Meyer: Die Zerstörung der Städte im Zweiten Weltkrieg war ein "versteckter Segen". So haben es viele Stadtplanungsexperten in dieser Zeit gesehen. Der amerikanische Stadtsoziologe Lewis Mumford hat damals gesagt, die Kriegs-Zerstörungen seien noch "nicht weit genug gegangen", man müsse "überlegt und rationell das zufällige Werk der Bomben fortsetzen". Mit solchen Ideen für einen radikalen Stadtumbau setzt sich ab heute eine Ausstellung in Hamburg auseinander, die Ausstellung "Die erwartete Katastrophe – Luftkrieg und Städtebau in Europa, 1940-1945". Jörn Düwel – Professor für Architektur an der HafenCity-Universität in Hamburg – hat diese Ausstellung kuratiert, er ist jetzt für uns in Hamburg im Studio. Grüße Sie, Herr Düwel!

Jörn Düwel: Guten Tag nach Berlin!

Meyer: Herr Düwel, wenn man die Texte zu Ihrer Ausstellung liest, dann hat man den Eindruck, es habe unter den Stadtplanern in der Kriegszeit fast so was wie eine klammheimliche Freude gegeben über die Zerstörungen durch den Luftkrieg. War das denn so?

Düwel: Eine Freude war es sicher nicht. Aber es war gleichwohl eine Erwartung, die sich erfüllte. Denn die Zerstörung kam nicht aus der Luft, obwohl das ein Luftkrieg war, sondern bereits seit spätestens den 20er-Jahren war von einem Zukunftskrieg die Rede. Und dieser Zukunftskrieg sollte eben die Städte in Mitleidenschaft ziehen, und das trat dann ja auch tatsächlich ein.

Meyer: Das heißt, die Stadtplaner haben so eine Art Luftkrieg, wie er dann eintrat, tatsächlich erwartet, schon 20 Jahre vorher?

Düwel: Ja, seit Mitte der 20er-Jahre fanden in ganz Europa nicht nur Forschungen statt in den jeweiligen Ländern, sondern man traf sich international zum Gedankenaustausch und erwartete als Prophezeiung eine Vernichtung der Städte. Deshalb waren die Stadtplaner wiederum der Auffassung und damit an die Politik herangetreten: Lasst uns die Städte schnellstmöglich luftschutzgerecht umbauen, denn so viel ist sicher: Der Zukunftskrieg wird den Tod der Großstadt in der jetzigen Form mit sich bringen.

Meyer: Aber diese Projekte, die an die Politik, wie Sie sagen, herangetragen wurden, die wurden vor dem Krieg nirgends umgesetzt?

Düwel: Nein. Dafür reichte die Zeit nicht, und vor allem, dafür reichte der Zugriff an rechtlichem Instrumentarium nicht, denn sie hätten ja über Grund und Boden verfügen müssen, und es gehört nun mal zum kleinen Einmaleins des Kapitalismus, dass Grund und Boden in Privateigentum sich überwiegend befinden.

Meyer: Man lernt aus Ihrer Ausstellungsankündigung, dass die Stadtplaner in dieser Zeit vor und während des Zweiten Weltkrieges die Städte, wie sie bestanden, am liebsten tatsächlich abräumen wollten. Dass sie eine ganz andere Stadt haben wollten. Woher kam diese tiefe Ablehnung der bestehenden Städte?

Düwel: Die tiefe Ablehnung, geradezu der Hass, und wir nennen es Hass, weil Hass ist etwas Irrationales, auf die Stadt gründete einerseits auf der Industrialisierung, vielmehr den Folgen der Industrialisierung, damit dem massiven Zustrom von Einwohnern in die Städte, dem explosionsartigen Wachsen und damit einer Reihe von Problemen. In hygienischer Hinsicht, in sittlicher, in moralischer, aber auch in verkehrlicher und anderem mehr. All das brodelte, und spätestens seit dem Ende des Ersten Weltkriegs, gab es einerseits eine österliche Stimmung – so hat Robert Musil das genannt –, dass nun die Mängel an der Stadt sich allmählich werden lösen lassen. Aber diese Lösung kam nicht.

Meyer: Jetzt haben Sie einen Österreicher angesprochen, das heißt, das war nicht nur ein deutscher Spezialweg, das war auch in anderen Ländern Europas so?

Düwel: Ja. Vor allem in Großbritannien gab es ganz massiv Überlegungen, die ja wiederum auf die Geschichte der Sozialreformer zurückgingen. Also eine ganze Reihe von Ansätzen, die die Stadt zum Besseren gesunden sollten. Was voraussetzte, dass Stadt als krank diagnostiziert wurde. Und das ist in allen europäischen Ländern anzutreffen.

Meyer: Und sagen Sie uns noch mal genauer, was wurde da als krank angesehen in den Großstädten?

Düwel: Denken Sie nur an die Mietskaserne, ein Begriff, der geradezu zur Chiffre, zur Anklage geworden war. Mit der Mietskaserne war die Vermassung verbunden, waren Klassenkämpfe verbunden, die sich in der Stadt artikulierten. Und Sozialreformer und Städtebauer trafen sich darin, Stadt zu gesunden. Und zur Gesundung von Stadt gehörte als erste Forderung ein Auseinanderzerren der in vielfacher Überlagerung befindlichen Funktionen. Wohnen, arbeiten, erholen, Verkehr – all das passierte auf engstem Raum und sollte unbedingt entzerrt werden.

Meyer: Das heißt, die Stadtplaner haben sich – ja, was für eine Stadt vorgestellt? Eine breit auseinandergezogene Stadt aus lauter Einfamilienhäuschen, wie man sie von Los Angeles vielleicht kennt?

Düwel: Ja, in der Konsequenz tatsächlich. 1910 fand die große internationale Städtebauausstellung statt. Und seinerzeit war die Weichenstellung erfolgt, zumindest innerhalb der Zunft, wo wollen wir hin? Wollen wir die europäische Stadt in der Konzentration auf ein Zentrum? Oder nehmen wir lieber die anglo-saxonische Stadt, wie sie damals genannt wurde, also die amerikanische, mit der Zersiedlung, mit Suburbia uns zum Vorbild? Und Letzteres war das erklärte Ziel.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit Jörn Düwel, Professor für Architektur, über den Traum der Stadtplaner von einem radikalen Stadtumbau in den 40er-Jahren. Wie war das im Zweiten Weltkrieg, als tatsächlich die Städte zerstört waren durch die Luftangriffe? Wie war das bei den Architekten, bei den Stadtplanern? War dann tatsächlich eine Planungseuphorie da auch angesichts dieses riesigen Leides, was sie dann vor sich gesehen haben?

Düwel: Ja, tatsächlich. Die Architekten haben in Europa die Zerstörung sofort als Chance begriffen, und ohne nennenswerte Verzögerungen begannen die Städtebauer, sich der Aufgabe zuzuwenden, neue räumliche Ordnungssysteme zu entwerfen. Während beispielsweise in Rotterdam, in Coventry, in London noch im Krieg detailliert ausgearbeitete Planungswerke vorgestellt worden waren, war ausgerechnet in Deutschland die Zerstörung mit einer Schockstarre beantwortet worden. In Berlin etwa passierte überhaupt nichts, obwohl die meisten Planer und Architekten in Berlin versammelt waren. Aber in Hamburg war es der Architekt Konstanty Gutschow, der in seinem Büro nach nur zwei Monaten, muss man sagen, die Zerstörung ebenfalls als Chance begriff und systematisch zu entwerfen begann. Man kann in Hamburg sogar von einem wissenschaftlich begründeten Städtebau sprechen.

Meyer: Sie haben das Beispiel England angesprochen. In England wurden ja mehrere Städte zerstört durch die deutschen Luftangriffe – wie hat man das genutzt für einen Stadtumbau?

Düwel: Wenn wir das exemplarische Beispiel Coventry uns in Erinnerung rufen, Coventry, von Deutschland früh mit einem Luftbombardement stark zerstört – es dauerte nur wenige Wochen, bis die Planer in einer Euphorie geradezu sich der Zukunft zuwandten. Nicht mehr die hoch konzentrierte Stadt, sondern eine, die in Deutschland mit dem Begriff Stadtlandschaft in Verbindung gebracht, neue Perspektive entwarf.

Meyer: Man spricht ja oft auch von einer zweiten Zerstörung im Blick auf die Planungen in der Nachkriegszeit und den Umbau der Städte in der Nachkriegszeit. Diese zweite Zerstörung, geht die auch zurück auf diese Planungen, die, wie Sie gesagt haben, schon in den 20er-Jahren vorlagen, im Kern?

Düwel: In der Konsequenz ja, weil, es wurde eine Stadt der Zukunft als Versprechen angestrebt, aber insbesondere in Deutschland hatten die Planer bereits Mitte der 50er-Jahre Schaum vorm Mund, wenn sie an ihre eigene Profession und ihre Handlungsmöglichkeiten dachten, und sprachen nur verächtlich von der verpassten Chance oder, noch dramatischer, von der restaurativen Republik. Gemeint war damit eine Anklage an den Staat, weil er eben nicht das Handlungsinstrumentarium zur Verfügung stellte, den Zugriff auf den Boden zu ermöglichen.

Meyer: Heute haben wir ja eher den Zug bei der Stadtplanung, bei der Stadtgestaltung, dass wir historische Kulissen wieder aufbauen. Das Stadtschloss in Berlin vielleicht, die Kopie des Stadtschlosses als bekanntestes Beispiel. Sehen Sie diesen Zug heute vielleicht auch als eine verspätete Reaktion auf diesen Zerstörungsfuror der Stadtplanung vor 70 Jahren?

Düwel: Nein, ich glaube nicht, dass es eine Reaktion darauf im unmittelbaren Sinne ist, sondern die Koordinaten haben sich insgesamt völlig verschoben. Und sie haben sich bereits vor mehr als einer Generation verschoben. Um 1975 passierte etwas schlagartig, wiederum in ganz Europa, was wie eine kopernikanische Wende begriffen werden kann. Es war die Rückwendung, die Rückbesinnung auf etwas, was nun fast überhaupt nicht mehr existierte. Aber die Stadt, die Mitte der 70er-Jahre vorhanden war, war natürlich nicht mehr die der Gründerzeit, nicht mehr die vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Inzwischen lebten kaum noch Menschen in den Städten, zumindest nicht mehr in jener Dichte, wie es mit der Kritik in Verbindung gestanden hatte, sodass jetzt das Bild der Stadt als eine Attraktion erschien, und daran halten wir bis heute fest, das ist in der Tat zutreffend.

Meyer: Ein Rückblick auf die Ideen, die Träume von einem radikalen Stadtumbau in den 40er-Jahren, den gibt es jetzt zu sehen in der Ausstellung "Die erwartete Katastrophe – Luftkrieg und Städtebau in Europa, 1940–1945". Jörn Düwel, Architekturprofessor an der HafenCity-Universität hat diese Ausstellung kuratiert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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