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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.06.2008

Zerstörerische Kraft der Gefühle

Constance de Salm: "24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau", Hoffmann und Campe-Verlag, Hamburg 2008, 128 Seiten

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Einen Briefroman präsentiert Constance de Salm mit ihrem Werk "24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau". (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Einen Briefroman präsentiert Constance de Salm mit ihrem Werk "24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau". (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Die Qualen der Eifersucht beschreibt Constance de Salm in ihrem Roman "24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau". Einen Brief nach dem anderen schreibt die Protagonistin an den mit einer anderen entschwundenen Geliebten. Das Werk von 1824 steht mit der jetzt herausgekommenen Neuausgabe vor der Wiederentdeckung.

Sie durchlebt die Hölle der Eifersucht. Eben noch waren sie ein liebendes Paar - im Glücksgefühl, füreinander bestimmt zu sein. Da sieht sie, wie er nach dem Konzert mit einer anderen spricht und, ohne ein Zeichen der Verständigung, mit dieser in die Nacht davonfährt.

Für sein Verhalten scheint es nur einen einzigen Grund zu geben: Er ist ihrer überdrüssig, er hat sie verlassen. Warum nur? Schock, Panik und ein heilloses Wirrwarr der Gefühle ergreifen von ihr Besitz. Im Verlauf von 24 Stunden schreibt sie einen Brief nach dem anderen an den abwesenden Geliebten, der hartnäckig schweigt.

Das ist umso verstörender, als er bis dahin an jeder Regung ihres Herzens teil hatte. Alle nur denkbaren Wahnvorstellungen, die die Eifersucht hervorbringt, werden durchdekliniert. Sie schwankt zwischen Zuversicht und Verzweiflung, zwischen der Angst, den Geliebten verloren zu haben und der Hoffnung, er möge jeden hässlichen Verdacht zerstreuen und zu ihr zurückkehren.

In rasanter Abfolge wechseln Anklagen, Selbstzweifel, Vorwürfe und Beschwörungsformeln, die wie ein stets wiederkehrendes Mantra den Monolog bestimmen. In allem entdeckt sie Zeichen des Betrugs und des Verrats. Es gibt nichts, was sich dem Wahn der Selbsterniedrigung nicht unterordnen würde - bis am Ende ein verspäteter Brief, der durch widrige Umstände aufgehalten wurde, Aufklärung verschafft und den Geliebten in Gänze rehabilitiert.

Constance de Salm (1767-1845) hat dieses Chaos der Gefühle höchst kunstvoll inszeniert. Durch die monologische Grundsituation des Briefromans schafft sie eine Atmosphäre von großer Dichte. Das eigentliche Drama verlegt sie ins Innere ihrer Hauptfigur, die sie ebenso als Opfer der Leistung ihrer Phantasie zeigt wie als bewusst handelnde Akteurin, wenn sie deren fiebrige Sehnsuchtsanfälle zum Instrument der Selbsterkundung werden lässt.

Wie Karlheinz Ott in seinem gescheiten Nachwort darlegt, folgte Constance de Salm mit der Gattung des Briefromans nicht nur einer Mode der Zeit, sie machte ihn nutzbar, um die gleichermaßen verhängnisvolle wie aufklärerische Kraft der Imagination zum Sprechen zu bringen.

Denn das ist das Faszinierende an Constance de Salms Roman: dem inneren Chaos, dem unbeherrschbaren Gefühl begegnet sie mit einer wunderbar klaren, poetischen Sprache. Für sie war das Zeitalter der Empfindsamkeit auch eines der Vernunft und der Erkenntnis, die erst dank der Literatur die Herzen ergreift, genau so, wie es ihr mit dem Buch "24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau" auf äußerst spannende und verstörende Weise gelingt.

Sie schrieb diesen Roman, der nach seinem Erscheinen in Frankreich 1824 ein Bestseller wurde, nach einem bewegten Leben, schon beinahe 50-jährig. Damals eine bekannte Literatin, schön und hoch gebildet, hatte sie sich nicht nur als Lyrikerin einen Namen gemacht, sondern auch mit dem Versdrama "Sappho" und der Kampfschrift "Über die Lage der Frauen in der Republik", in der sie die revolutionären Rechte der Egalité, Fraternité und Liberté auch für die Frauen einforderte.

Nach einer ersten, missglückten Ehe heiratete sie den sechs Jahre jüngeren deutschen Botaniker Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck. Zuvor soll sie zwei Monate "zur Probe" auf dessen Schloss am Rhein verbracht haben, um zu testen, ob sie für das Leben auf dem Lande geeignet sei. Das Paar pendelte dann zwischen Dyck und Paris, wo Constance einen bedeutenden literarischen Salon unterhielt, in dem unter anderem Alexander von Humboldt, Stendhal und Alexandre Dumas regelmäßig zu Gast waren.

Ihr Roman ist kein bisschen gealtert. Diese Warnung vor den zerstörerischen Folgen der Eifersucht ist vielmehr so aktuell wie eh und je.

Rezensiert von Edelgard Abenstein

Constance de Salm: 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau
Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz
Roman, Hoffmann und Campe-Verlag, Hamburg 2008
128 Seiten, 14,95 Euro

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