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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.08.2018

Zerschlagung des Prager FrühlingsEine literarische Leerstelle

Eva Profousová im Gespräch mit Andrea Gerk

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Ein Panzer der Sowjetunion vor dem Rundfunkgebäude in Prag am 21.08.1968 (picture alliance/dpa/)
Ein Panzer der Sowjetunion vor dem Rundfunkgebäude in Prag am 21. August 1968 (picture alliance/dpa/)

Vor 50 Jahren wurde mit russischen Panzern die Reformbewegung in Prag niedergeschlagen. Bis heute sei es ein "Trauma" der Tschechen, sich nahezu widerstandslos ergeben zu haben, sagt die Übersetzerin Eva Profousová. Literatur über die Zeit habe sie nicht gefunden.

Andrea Gerk: Morgen ist es genau 50 Jahre her, dass Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei einmarschierten und der Prager Frühling auf brutale Weise zerschlagen wurde. In der Literatur ist dieses historische Ereignis verarbeitet worden, zum Beispiel in Milan Kunderas Weltbestseller "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins".

Bei mir im Studio ist jetzt Eva Profousová. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Übersetzerin aus dem Tschechischen. Vaclav Havel hat sie ins Deutsche übertragen, Jáchym Topol, aber auch Jaroslaw Rudis, der in diesem Jahr mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet wurde. Hallo, guten Tag, Frau Profousová!

"Die einzige nette Lehrerin war strafversetzt worden"

Eva Profousová: Hallo, guten Tag!

Gerk: Sie sind ja 1963 in Prag geboren, das heißt, Sie waren eigentlich noch ein kleines Mädchen, als dieses historische Ereignis stattfand. Was haben Sie denn überhaupt davon mitbekommen?

Profousová: Das war nicht so schön. Ich weiß nur, wir hatten Sommerferien, und meine Mutter war wahnsinnig aufgeregt, und ich wusste nie, warum sie so aufgeregt war. Sie hat immer gesagt, dass das alles nicht gut ausgehen würde. Man kann als Kind mit solchen Gefühlsausbrüchen sehr schlecht umgehen, aber das ist die einzige Erinnerung. Ich weiß es eher so später, da wurde es mir dann klar. Ich bin 1969 eingeschult worden, und ich empfand die Schule immer so als sehr restriktiv. Und erst später wurde mir erzählt, dass die einzige Lehrerin, die gut war, die war in der ersten Klasse, die war strafversetzt worden, und dass die anderen Lehrer dann wirklich regimekonform waren. Ich glaube, an das Ereignis erinnere ich mich nicht, aber an die Folgen bis heute.

Gerk: Das heißt, es hat sich ja offenbar unmittelbar auf den Alltag, auf das Leben der Menschen in der Tschechoslowakei ausgewirkt. Wie haben denn die Schriftsteller reagiert? Welche Spuren hat es in der Literatur hinterlassen?

Profousová: Ich glaube, unmittelbar hat man eher versucht, einen neuen Modus Vivendi zu finden, und Literatur kam, wie immer, so ein bisschen später. Und als ich jetzt versucht habe, mir zu überlegen, was eigentlich passiert ist literarisch, finde ich es interessant, dass es immer nur der Hintergrund, oder es ist häufig nur der Hintergrund, um die Lebensgeschichten zu erklären, weiterzuerzählen. Aber ein Buch, das sich wirklich nur …, also ein literarisches Buch, das sich nur mit der Zerschlagung des Prager Frühlings beschäftigt, habe ich nicht gefunden.

Aber tatsächlich, das interessanteste ist "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", was vielleicht auch am besten das ganze Problem darstellt, weil wir haben da einen Menschen, der versucht, zu emigrieren, der Tomas, ein Chirurg, und merkt in der Schweiz, dass es ihm doch in der Fremde nicht gefällt, dass seine Frau darunter leidet. Er geht dann zurück nach Prag und wird zum Fensterputzer. Und das ist eine Erfahrung aus meinem Leben, als ich so 16, 17 war, da kannte ich sehr viele Menschen, die promovierte Historiker waren, Literaturwissenschaftler, und die haben Fenster geputzt, was manchmal auch irgendwie ganz schön war.

"Normalisierungszeit, wie wir das nennen"

Gerk: Dieser Alltag dann in der Tschechoslowakei, also das, was die Leute, die Schriftsteller und Intellektuellen, wie sie gelebt haben, die nicht weggehen konnten, also die nicht ins Exil gingen, gibt es denn da auch Bücher darüber, Romane, die das tatsächlich einfangen, außer jetzt Kunderas ja sehr, sehr bekannten Roman?

Profousová: Nach der Wende ist ein Roman erschienen von Michal Viewegh, der ist ungefähr Jahrgang '62, der auf eine sehr lustige Weise eine Familie darstellt, die in Prag keine Lust hatte, sich mit dieser Normalisierungszeit, wie wir das nennen, auseinanderzusetzen, also mit den Folgen des Prager Frühlings. Und ist aufs Land gezogen, wo der Vater Probleme bekommt, dass er nicht in der Partei ist und sich sehr lange überlegen muss, was er macht, bis er dann doch der Partei beitritt und versucht, eine Karriere zu machen. Das gelingt ihm, und dann trifft er dummerweise den Schriftsteller Pavel Kohout, der ein Dissident ist, und das wird ihm dann zum Verhängnis, und er verliert dann wieder all das, was er sich errungen hat. Das, finde ich, ist eigentlich so ein sehr, sehr typisches Schicksal einer tschechischen Familie, die immer so lavieren musste zwischen dem, was ist jetzt konform, was ist nicht mehr konform, wo kann ich irgendwie normal leben, ohne jetzt zu große Abstriche oder Zugeständnisse zu machen.

Gerk: Das heißt, es ist erst viel später eigentlich literarisch verarbeitet worden von einer späteren Generation.

Profousová: Genau.

Gerk: Es ist ja auch so ein Trauma eigentlich in der tschechischen Gesellschaft, dass es zwar diesen friedlichen Widerstand gab, der ja auch ganz bekannt wurde, dass Studenten Schilder umgedreht haben und sich den Panzern quasi friedlich entgegengestellt haben. Aber es gab ja eben keinen bewaffneten Widerstand, auch 1938 schon nicht, dann '68 noch mal. Ist das auch ein Thema in der Literatur, dieses Unaufgearbeitete?

Massenproteste gegen Panzer auf Prager Straßen (imago/CTK Photo)Protest gegen die Sowjetruppen in Prag (imago/CTK Photo)
Profousová: Das ist vor allem ein Thema in den Herzen der Tschechen. Also, es ist tatsächlich etwas, woran wir zu knabbern haben. Und es gibt ein Buch von Jáchym Topol, "Die Zirkuszone" heißt es, ein Versuch zumindest, auf eine literarische Art und Weise den Widerstand zu verkörpern. Da ist tatsächlich eine russische Division, die irregeführt wird von einem kleinen Jungen. Dubcek versucht den Widerstand in der ganzen Tschechoslowakei zu organisieren, und es kommt fast zum Dritten Weltkrieg. Und das ist sozusagen ein Versuch, dann dieses Trauma aufzuarbeiten auf eine ein bisschen andere Art und Weise.

"Zur Arbeit gehen und die Okkupanten machen lassen"

Gerk: Aber Widerstand gab es ja. Der taucht auch irgendwo auf, oder?

Profousová: Es gab Widerstand auf der Straße. Es gab ja den Kampf um das Gebäude des Prager Rundfunks, das schon. Aber ich habe mir gerade heute noch die Aufnahmen angehört, was vom Prager Rundfunk gesendet wurde. Man wollte nicht, dass man kämpft. Die Regierung hat die Menschen aufgefordert nichts zu tun, zur Arbeit zu gehen und einfach die Okkupanten oder Besetzer machen zu lassen. Und das ist natürlich dann im Nachhinein so eine seltsame Situation. Der Widerstand war schon im konkreten Kampf eben um das Prager Rundfunkgebäude, aber so drumherum eigentlich eher machtloses Zuschauen und Diskussionen, die nicht sehr viel gebracht haben, weil die Okkupanten nur Russisch konnten oder häufig. Also die, die in Prag waren, das waren russische Divisionen.

Gerk: Wie ist denn das jetzt in Tschechien, wie wird denn an diesen Jahrestag erinnert, mit welchen Gefühlen auch?

Profousová: Er wird schon groß geschrieben, das ist schon ein großer Jahrestag. Es gibt überall Panel-Diskussionen, es gibt Museumsausstellungen, was ich sehr hübsch finde. Da wird dann sogar ein Zimmer nachgebaut, wie das damals ausgeschaut hat, mit so einem schwarzen Telefon. Im Rundfunk wird tatsächlich interaktiv die Nacht und der Kampf dargestellt. Das war am 20. um 23 Uhr, da sind die Panzer über die Grenze gekommen. Und das wird dann sozusagen gesendet mit allen Nachrichten, und man kann offensichtlich auch interaktiv mitmachen. Und abends wird es ein Konzert geben. Aber das sind alles so offizielle Feierlichkeiten.

Gerk: Aber ist das noch ein Ereignis, was die Menschen tatsächlich noch bewegt, also auch jüngere Leute?

Profousová: Ich glaube schon, das glaube ich tatsächlich, dass es immer noch Menschen bewegt. Aber es fängt jetzt auch eine Diskussion darüber an, ob das tatsächlich eine freiheitliche Äußerung war, ob es nicht eher ein Putsch war. Man fängt jetzt darüber zu diskutieren an, inwieweit der Einmarsch auch tatsächlich legitim war. Und man merkt, weil wir jetzt eine Regierung haben, die sich schon auf die Kommunisten stützt und die auch die Medien so ein bisschen mehr in der Hand hat, dass man anfängt, so ein bisschen die Geschichte umzuschreiben. Es ist immer noch ein großer Tag, aber die Hintergründe werden so ein bisschen …, das Narrativ wird ein bisschen verändert. Ich glaube, das wird uns noch sehr lange weiter beschäftigen.

Gerk: Eva Profousová, vielen Dank für dieses Gespräch, Danke, dass Sie hier waren!

Profousová: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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