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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.03.2009

Zerbrochene Identität

Nicolas Born: "Die Fälschung" (Hörbuch), Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2009, fünf CDs

Soldaten in der libanesischen Hauptstadt Beirut - Nicolas Born war als Reporter in dem krisengeschüttelten Land. (AP)
Soldaten in der libanesischen Hauptstadt Beirut - Nicolas Born war als Reporter in dem krisengeschüttelten Land. (AP)

Sein letzter Roman war auch sein wichtigster: "Die Fälschung". Das Werk über die Arbeit eines deutschen Reporters im Libanonkrieg erschien 1979, im selben Jahr starb Nicolas Born. Angesichts der Ereignisse im Nahen Osten hat die jetzt herausgekommene Hörspielfassung nichts von ihrer Aktualität verloren.

Auszug "Die Fälschung": "Er glaubte doch wohl nicht, dass sein Bericht den Leser ermahnen würde. Glaubte er nicht viel mehr, dass er für Geld ein Entsetzen lieferte, für das es eine Nachfrage gab, eine unersättliche. Immer mehr Menschen wollen immer mehr wissen über ihren eigenen Stellvertreterkrieg. Das war die Wahrheit, die ihn antrieb und die sich gleichzeitig als dicke Betrachterwand aus Glas vor sein Sehen schob, so dass sein Sehen verödete.

Es war fortan ein bezugloses Sehen. Er hätte auch sagen können ein reines Sehen. Und wo waren die Gefühle, die Wahrheiten des eigenen Körpers geblieben, wo die Schmerzen, das heillose und untrügliche Mitgefühl, die wenn schon ohnmächtige Wut, wütende Trauer um das Leben der Welt, um das Leben von dir selbst, Laschen, die dich niederwerfen müsste in den Staub."

Sein Name: Gregor Laschen, Journalist, Reporter im Libanon 1979. Er ist der Hauptprotagonist des Romans "Die Fälschung" von Nicolas Born, der vor 30 Jahren erschien. Es herrscht Bürgerkrieg, Reporter Laschen recherchiert und berichtet, aber er sieht sich zunehmend nur noch als Lieferant für die Sensationsgier der Medien. Laschens Identität zerbricht, das Leben erscheint ihm wie eine Fälschung seiner selbst, im Libanon, wie auch zuvor im heimischen Hamburg, als Laschens Ehe scheiterte:

"Wir hatten ein paar wirklich schöne Jahre. Danach wollten wir das Kind haben. Das war die Hauptsache. Nicht irgendein Kind. Da waren wir beide ganz sicher. Es würde das Kind sein. Und warum willst du es immer noch, jetzt wo du allein bist? Ich weiß nicht, ob ich das erklären kann. Vielleicht will ich es nur noch deshalb, um nicht allein zu sein."

Nicolas Borns Roman liest sich wie eine Adaption von Joseph Conrads "Herz der Finsternis" - die Hörspielproduktion klingt konsequenterweise wie die Fahrt auf dem Mekong-Fluss hinauf in Coppolas Film "Apocalypse Now".

"Menschenknochen am Strand, schrieb er. Er schrieb: Haufen Menschenknochen am Strand. Er schrieb: es waren Menschen, die von anderen Menschen ermordet wurden, mit Benzin übergossen und verbrannt worden sind. Er schrieb: Dutzende Menschen verschwinden täglich. Er schrieb: ein Menschenleben ist nur noch etwas wert als Tauschobjekt. Und etwas sei es auch wert als Mordopfer der Revanche für andere Mordopfer."

"Die Fälschung", Sprache … "in einer einzigen geschlossenen Erzählbewegung", wie es die "Süddeutsche Zeitung" exakt beschrieb, - ein permanenter "flow of consciousness", also ein unversiegbarer Strom des Unterbewusstseins.

Tief verborgen fließt Nicolas Borns alias Gregor Laschens Fluss des Lebens oder eben nur dessen Chimäre. Nicolas Born starb 1979, kurz nach Erscheinen der "Fälschung" mit 41 Jahren.

Was ist wahr, was ist Fälschung: interessiert sich Laschen wirklich für die bei lebendigem Leibe abgeschnittenen Penisse, von denen die Botschaftsangestellte Ariane zu berichten weiß, oder interessiert sich Laschen mehr für Ariane selbst?

"Ariane kam langsam die Treppe hinab. Sie lächelte ihm zu und schien sich nicht zu wundern, dass er da war. Sie war auch immer so ruhig, schien sich nie der Gräuel bewusst zu sein, die hier in der Stadt passierten und jederzeit passierten. Sie hatte ihm doch erzählt, wie man Männer an Autos gebunden und zu Tode geschleift hatte."

In Prag hatte er Menschen sterben sehen, aber ihre Gesichter erst wahrnehmen können, als sie schon tot waren.

"Schön, dass du gekommen bist. Hast du Lust, mit mir nach Bar Abdar zu fahren?"

"Die Fälschung" erschien vor 30 Jahren. Angesichts der gegenwärtigen Ereignisse im Nahen Osten eigentlich überflüssig, zu fragen, ob der Roman auch heute noch aktuell ist.

Konsequent kryptisch setzt der Bayerische Rundfunk die monologisierende Innensicht der Hauptfigur Laschen aus der Romanvorlage auch in der Hörbuchfassung um, kongenial durchlitten von der Stimme Florian von Manteuffels, und weiter instrumentiert mit Apocalypse-Now-E-Gitarren und Frauenstimmen wie aus einem Navigationsgerät.

Die Regie hat sich für bewusstes Wegsprechen statt für Autohupen in Beirut entschieden. Kann das fünf CDs lang Faszination bieten? Wie schrieb der Kritiker Ulrich Greiner 1980 über "Die Fälschung": "Vielleicht besteht die Bedeutung des Romans gerade darin, dass man ihm widersprechen muss, um überleben zu können."

"Er selbst hatte aufgehört, wahr zu sein, wollte doch offensichtlich nicht mehr jemand sein. Dann schon lieber ein Abgeschickter, ein ferngesteuerter Beobachter, ein reines Sehen, ein Werkzeug der Leser. Aber würde er dann noch so schöne Leidenssätze schreiben können für das Organ. Kaum. So musste er weiter sein Berufsbild erfüllen, und sich unter Aufbietung von Kräften an Gefühle erinnern und sie simulieren."

Rezensiert von Lutz Bunk

Nicolas Born: Die Fälschung
Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2009
Hörspielproduktion BR, Regie: Michael Farin, Sprecher Florian von Manteuffel, Axel Milberg, Christiane Rossbach, Juliane Köhler, Jens Harzer
Fünf CDs, 35,00 Euro

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