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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.06.2016

Zensur und SelbstzensurDer Mörder ist immer der Raucher

Ein junger Mann mit Zigarette schaut aus einem Zugfenster (imago / UIG)
Ein junger Mann mit Zigarette schaut aus einem Zugfenster (imago / UIG)

Vor 50 Jahren hob der Vatikan seinen Index verbotener Bücher auf. Das Ende der Zensur in der westlichen Welt bedeutete das jedoch nicht, so der Autor Werner Fuld. Heute finde diese aber vor allem als Selbstzensur im Namen der politischen Korrektheit statt.

1559 gab der Vatikan erstmals den "Index librorum prohibitorum" heraus, eine schwarze Liste verbotener Bücher. Der Index wurde regelmäßig aktualisiert, zuletzt 1948, und enthielt unter anderem Schriften von Jean-Paul Sartre, Andre Gide und Alberto Moravia. Vor 50 Jahren wurde der Index abgeschafft.

"Aber das war natürlich nicht das Ende der Zensur", sagt der Publizist und Literaturkritiker Werner Fuld. "Sowohl in Europa als auch in den USA bestand Zensur weiter und besteht Zensur weiterhin."

Warum darf man nicht mehr "Neger" sagen?

Allerdings findet diese Zensur nach Ansicht Fulds inzwischen häufig ohne obrigkeitliche Institutionen statt, sondern vielmehr als Selbstzensur im Namen der politischen Korrektheit.

"Ich habe vor einer Woche erst gelesen, dass der Direktor des Kopenhagener Kunstmuseums bei 13 Kunstwerken das Wort 'Neger' in den alten Titeln durch das Wort Afrikaner ersetzt hat. Ein Gemälde heißt jetzt also nicht mehr 'Negerkopf', sondern Kopf eines Afrikaners, obwohl in diesem Fall die Nationalität gar nicht feststeht."

Sogar Sartre wird zum Nichtraucher

Auch im Namen des Gesundheits- und Jugendschutzes werde zensiert: Beispielsweise wenn bei einem Foto von Jean-Paul Sartre für eine Ausstellung die Zigarette wegretuschiert worden sei.

"Und das Album von John Lennons größten Hits – ich glaube, es war 2010 – kam erst mal nicht in den Handel, bis auf dem Cover die Zigarette in der rechten Hand wegretuschiert war."

Das führe dazu, dass Autoren sich heute überlegten, ob sie ihre Helden überhaupt noch rauchen ließen oder ob nur noch "pathologische Typen zur Zigarette greifen", so Fuld.

"Da sieht man eben, wie zeitbedingt derartige Tabus sind. Ein homosexueller Tatortkommissar ist inzwischen toleriert. Aber rauchen darf er nicht. Aber irgendwann werden wir auch darüber lachen können. Hoffentlich."


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Vielleicht erinnern Sie sich an das Buch oder den Film "Im Namen der Rose" von Umberto Eco und an den Plot. Es geht ja um ein verbotenes Buch über das Lachen und die verzweifelten Versuche, es zu verbergen. Das hat auch der Vatikan jahrhundertelang versucht und ich bemühe jetzt mal einen lateinischen Begriff, nämlich Index librorum prohibitorum, also ein Index der verbotenen Bücher.

Den gab es lange im Vatikan, vor 50 Jahren hat der Vatikan dann seine schwarze Liste ad acta gelegt. Sie bestand übrigens seit 1559 und war in regelmäßigen Abständen aktualisiert worden, zuletzt übrigens 1948 erst. Und auf der Liste der katholischen Kirche der verbotenen Bücher standen Werke von Jean-Paul Sartre, aber auch von Alberto Moravia und bis 1827 auch Immanuel Kant und seine "Kritik der reinen Vernunft".

Heute gibt es die Giftliste nicht mehr, aber jede Menge Formen von Zensur natürlich, übrigens nicht nur in autoritären Staaten. Werner Fuld hat die erste deutsche Universalgeschichte verbotener Bücher geschrieben, kennt sich also bestens aus. Schönen guten Morgen!

Werner Fuld: Guten Morgen!

Früher wurden Bücher verbrannt und die Autoren gleich mit...

Brink: Bleiben wir doch mal einen Moment in der Vergangenheit: Warum hat der Vatikan seine erste schwarze Liste herausgegeben?

Fuld: Nun, die katholische Kirche hat die Erfindung des Buchdrucks vollkommen unterschätzt. Bislang war es ja leicht gewesen, einzelne Texte zu verbrennen und die Autoren gleich mit. Damit war die Sache meist erledigt. Aber jetzt nutzten die Protestanten den Buchdruck, um zehntausendfach Broschüren mit den neuen Glaubensinhalten zu verbreiten und Flugblätter unters Volk zu bringen, auf denen der Papst verhöhnt wurde.

Diese Unzahl von Schriften von Rom aus zu verfolgen, war natürlich unmöglich. Also kam man auf die Idee, eine Liste – den sogenannten Index – zusammenzustellen, auf der alle Autoren und alle Schriften erfasst wurden, die der katholischen Lehre widersprachen. Und dieser Index ging an die Bischöfe in ganz Europa und die Strafverfolgung überließ die Kirche dann den weltlichen Behörden.

Brink: In Umberto Ecos Buch – ich habe es schon mal zitiert –, dem "Namen der Rose", kommt ja der, der in verbotenen Büchern verbotenermaßen blättert, ganz schwarze Finger und dann stirbt er. Was passierte denn in Wirklichkeit, also, was passierte mit denen, die das Verbotene lasen, also Bücher, die auf diesem Index standen?

Fuld: Die Strafen für die verbotenen Autoren waren je nach Land verschieden. Entweder wurden sie zusammen mit ihren Werken auf einem öffentlichen Platz verbrannt oder ihnen wurde zuerst die Schreibhand abgehackt und mit ihnen verbrannt. Sie konnten auch auf Galeeren verbannt werden für den Rest ihres Lebens oder einfach nur im Gefängnis verfaulen.

... heute reicht die Schere im eigenen Kopf

Brink: Vor 50 Jahren – wir haben es erwähnt – wurde dieser Bücherindex aufgehoben. War das das Ende der Zensur? Zumindest in Europa oder in den USA?

Fuld: Als kirchliches Drohmittel hat sich der Index allein schon durch die Fülle der aufgeführten Titel überlebt. Aber das war natürlich nicht das Ende der Zensur. Sowohl in Europa als auch in den USA bestand Zensur weiter und besteht Zensur weiterhin. Die kirchliche Art der Zensur war relativ leicht zu umgehen, aber wir haben heute natürlich eine ganz andere Art von Zensur.

Brink: Wo sehen Sie denn die schlimmsten Formen von Zensur?

Fuld: Wir haben heute eine ganz gefährliche Art von Zensur, nämlich eine Selbstzensur, ohne obrigkeitliche Institution. Das heißt, zum Beispiel im Namen der politischen Correctness. Ich habe vor einer Woche erst gelesen, dass der Direktor des Kopenhagener Kunstmuseums bei 13 Kunstwerken das Wort Neger in den alten Titeln durch das Wort Afrikaner ersetzt hat. Ein Gemälde heißt jetzt also nicht mehr "Negerkopf", sondern "Kopf eines Afrikaners". Obwohl in diesem Fall die Nationalität gar nicht feststeht. Korrekt wäre natürlich "Kopf eines schwarzen Mannes".

Und jeder erinnert sich, dass in Astrid Lindgrens Roman "Pippi Langstrumpf" schon 2014 in Schweden das Wort Negerkönig, wie Pippi Langstrumpf ihren Vater bezeichnet, durch König ersetzt wurde. Aber das ist natürlich was ganz anderes, es ist ein Unterschied, ob jemand König von Dänemark ist oder ein Negerkönig.

"Warum ist Neger ein abwertender Begriff?"

Brink: Aber warum bezeichnen Sie das als Zensur? Ist das nicht der Versuch, auch Sprache anzupassen? Was ist daran Zensur in Ihrer Vorstellung?

Fuld: Es ist mir nicht verständlich, warum Neger aus dem Sprachgebrauch entfernt werden muss.

Brink: Wie begründen Sie das? Ich meine, das ist ja ein abwertender Begriff.

Fuld: Genau das ist mir nicht verständlich. Warum ist Neger ein abwertender Begriff? Das Wort ist seit dem 17. Jahrhundert in Deutschland eingebürgert und ist die wörtliche Übersetzung für das lateinische Wort niger, nämlich schwarz.

Brink: Aber es wurde mit abwertenden Begriffen immer konnotiert, also, das sieht man in Amerika, da war Negro ein Schimpfname, ein Schimpfbegriff, ganz klar natürlich während der Sklavenbewegung. Und deshalb ist es natürlich so auch übernommen worden und man muss sich ja die Frage stellen, ob das noch zeitgemäß ist oder ob man das nicht sprachlich anpasst.

Fuld: Ja, diese sprachliche Anpassung funktioniert ja wunderbar. Ich halte das für eine Art von Selbstzensur. Aber es gibt natürlich heute auch andere Formen von Selbstzensur, zum Beispiel, sagen wir mal, Jugendschutz aus Gesundheitsvorsorge. Es darf zum Beispiel nicht mehr geraucht werden. Bei einem Foto von Sartre wurde für eine Ausstellung seine typische Gauloise wegretuschiert. Und das Album von John Lennons größten Hits – ich glaube, es war 2010 – kam erst mal nicht in den Handel, bis auf dem Cover die Zigarette in der rechten Hand wegretuschiert war.

Der "Tatort"-Kommissar darf gern homosexuell sein - Hauptsache, er ist Nichtraucher

Das ist ein Trend, der natürlich dazu führt, dass Autoren sich überlegen, ob sie ihre Helden überhaupt noch rauchen lassen dürfen, oder eben dass nur noch pathologische Typen zur Zigarette greifen. Und da sieht man eben, wie zeitbedingt derartige Tabus sind. Ein homosexueller "Tatort"-Kommissar ist inzwischen toleriert, aber rauchen darf er nicht. Aber irgendwann werden wir auch darüber lachen können, hoffentlich.

Brink: Vielleicht dauert es ja vielleicht nicht so lange wie das Verbot oder die Aufhebung der schwarzen Liste im Vatikan. Mal ganz andersherum gefragt: Gibt es nicht vielleicht auch gute Gründe, ein Buch zu verbieten? Ich denke da zum Beispiel mal an die unendlichen Diskussionen um die Neuauflage von Hitlers "Mein Kampf" zum Beispiel.

Fuld: Es ist heute vollkommen unsinnig, ein Buch zu verbieten. Sie können Hitlers "Mein Kampf" im Internet kaufen. Da nutzt ein Verbot überhaupt nichts. Das kommt aus irgendeinem Land wie Holland, in dem es gedruckt wird, und Sie können es problemlos bestellen und per Post zugeschickt bekommen. Das ist die technische Seite. Es wäre aber auch gut, wenn – und das hat die Praxis ja auch gezeigt –, wenn "Mein Kampf" wieder verfügbar ist in einer kommentierten Ausgabe, und die Öffentlichkeit hat auch ein berechtigtes Interesse daran, dieses Buch zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Brink: Der Publizist Werner Fuld, vielen Dank für das Gespräch!

Fuld: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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