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Themenabend 1949 / Archiv | Beitrag vom 04.05.2009

Zeitzeuge Erich Rinnert

Erich Rinnert, Jahrgang 1929, wurde später Schulleiter an einem Gymnasium in Berlin-Schönberg. Er wuchs zu jener Zeit im Ostsektor auf.

Schule nach dem Krieg

Das Schulleben normalisierte sich, der Unterricht war gut geregelt. Wir haben wenig Vertretungsstunden gehabt. Sicher war der Unterricht an Wochenstunden nicht so groß. In allen vier Sektoren war Geschichtsunterricht verboten und Sportunterricht, den hatten wir nicht. Offenbar hat diese merkwürdige Propaganda über die Werwölfe auch bei der amerikanischen Besatzungsmacht nachgewirkt. Man glaubte, wenn wir bei deutschen Turnlehrern oder Sportlehrern Sportunterricht haben würden, würden sie uns zu Wehrwölfen ausbilden, 1947. Wir lachten darüber und den Sportunterricht haben dann die Offiziere übernommen. Ein großer Teil von uns hat zu diesem Baseball kein rechtes Verhältnis gehabt, wir spielten lieber Fußball oder Handball.

Wir kamen mit unterschiedlich gefüllten Mägen in die Schule. Und da unsere Schule im amerikanischen Sektor lag, hat es Schulspeisung gegeben, aber nur für Schülerinnen und Schüler. Und dann hat aber eine Klassenkameradin einen zweiten Topf gehabt und jeder Schüler hat dann in den Topf einen Löffel oder zwei Löffel hinein getan, damit der Lehrer, der auch sehr dürre war, etwas von der Schulspeisung abbekam. Die Schulspeisung wurde ausgeteilt von dem Schulleiter persönlich, damit keine Schiebungen stattfanden.

Re-Education

Dafür war eben der Deutschunterricht ausgezeichnet, er war so eine Art Umerziehung. Sie müssen ja wissen, wir kamen oder ich persönlich kam verblendet aus dem Krieg zurück. Die Stunde Null war der innerliche Zusammenbruch bei denjenigen, und das muss ich von mir bekennen, die doch dem Nationalsozialismus angehängt hatten, denn ich hatte mich sogar freiwillig gemeldet. Und da saßen wir dann den Lehrern gegenüber und unsere Lehrer haben uns an die deutsche Klassik heran geführt, an Ideen der Weimarer Zeit. Kunstgeschichte spielte eine große Rolle für mich in den verschiednen Formen der Kunstentwicklung, von der Romanik bis hin zur Moderne. Das wirkte auch in unser Privatleben hinein. Denn in den Ferien haben wir dann Wanderungen unternommen, 1947.

Wiederaufleben des Kulturlebens

Die Volkshochschulbewegung, die blühte auf. Neben der Schule dann abends bin ich zu den Philosophie-Vorlesungen gegangen. Oder, ich erinnere mich sehr deutlich, weil ich mich im Sprechen ausbilden wollte, da gab es einen ausgezeichneten Sprachlehrer, der also Reden und Sprechen lehrte in der Volkshochschule, Gedicht aufsagen. Und wir haben uns dann dazu getroffen, von Baudelaire oder von anderen romantische Gedichte vorzutragen. Hunger nach Bildung und Kultur war sehr, sehr groß.

Der Faust war eine ganz ausgezeichnete Aufführung im Deutschen Theater. Das Deutsche Theater hatte da sehr viel Anteil an unserer Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse. Die Preise waren niedrig. Nur an einen Preis erinnere ich mich, der war sehr hoch. Friedrich Luft, einer der berühmtesten Kritiker, Theaterkritiker, berichtete über "Die Fliegen" von Jean-Paul Sartre ganz begeistert. Und er sagte aber, die Eintrittskarte kostet auf dem Schwarzen Markt 80 Mark. Man muss wissen, dass zu der Zeit auch ein Brot 90 Mark gekostet hat auf dem Schwarzen Markt. Ich konnte die Aufführung später sehen, als die Preise abgeebbt waren und man nicht mehr soviel Geld zu bezahlen hatte.

Politische Entwicklung

Wir haben viel mit Freunden im privaten und aber auch im großen Kreis über die neue politische Richtung in Deutschland diskutiert. Man hat dann häufig vom kleineren Übel gesprochen. Es war keiner mehr so sehr begeistert. Die einen sagten, das kleinere Übel ist für mich die Sowjetunion mit mehr Gerechtigkeit, mit mehr Garantie zum Frieden. Und die anderen sagten, mein kleineres Übel ist Amerika oder ist die amerikanische Auffassung mit mehr Freiheit und Großzügigkeit und Nähe zum Menschen.

Man ging am 1. Mai dort hin, sowohl vor den Reichstag als auch zum Ost-Berliner Lustgarten, wo sich merkwürdige Szenen abspielten. Und da war für mich die große Enttäuschung, dass zwei Jahre nach dem Kriegsende wieder deutsche Menschen in schwarze Uniformen gekleidet waren, mit Bridgeshosen, Stiefeln und Gewehr - Unter den Linden. Das war so eine Art ostdeutsche Bahnpolizei. Und Freunde zogen uniformiert durch die Straßen, uniformiert, damals noch weißes Hemd und blaue Hose, später dann mit blauem Hemd und rotem Halstuch. Das war für mich schwer zu verstehen nach diesem Krieg und nach der Diktatur, in denen wir ja Uniformen gern getragen haben.

Hamsterfahrt

47/48 haben wir ja auch Hamsterfahrten unternommen. Da brauchte man schon eine Fahrkarte, die bekam man nicht ohne Weiteres am Bahnhof. Manchmal haben wir die Bescheinigungen gefälscht, manchmal ging das nicht, dann sind wir bis Nauen mit dem Vorortzug vor gefahren und 8 km bis Paulinenaue gelaufen. Dort gab es Fahrkarten und wir konnten mit dem Zug dann bis Neustadt oder Wittenberge fahren, haben dort unsere Kartoffeln gekauft beim Bauern. Die haben auch Geld genommen. Dann war die Schwierigkeit mit den Säcken zum Bahnhof zurück in den Zug zu kommen. Das Tragen war uns nicht so schwer, einen Zentner haben wir schon weggebracht, aber an den Bahnhöfen warteten Polizisten, die uns manchmal die Kartoffeln wegnehmen wollten, weil das ungesetzlich war. Aber wenn man erst mal auf dem Bahngelände war, war man fast sicher, dass man die Kartoffeln behalten konnte, und dann ist man in Berlin ausgestiegen.

Schwarzmarkt

Also, ich persönlich hatte keine Beziehungen zum Schwarzen Markt. Ich bin -und auch Freunde von mir- waren nicht sehr kaufmännisch geschickt genug. Es gab in den Läden ja auch schon z. B. Kochtöpfe, die umgeschmolzen worden sind aus militärischen Gegenständen, die konnte man kaufen. Mit denen bin ich auf die Dörfer gezogen und hab dann dort bei dem Bauern dann diesen Topf gegeben und hab dann dafür Kartoffeln oder Speck oder Butter bekommen. Das waren meine Geschäfte.

Verhältnis zu den Alliierten

Da mein Vater selbstständig war, aber Sohn eines einfachen Arbeiters und sich also selbst empor gearbeitet hatte, habe ich nicht verstanden, warum von der politisch-sowjetischen Seite diese Menschen, die einfachen Handwerker als Kapitalisten, als Volksfeinde dargestellt worden sind. Da hat sich bei vielen in dieser merkwürdigen Anschauung der Sowjets in Deutschland eine Gegnerschaft eingestellt. Und die Amerikaner, die liefen herum in schicken Anzügen, aber man mochte sich nicht so anbiedern. Die waren uns zu lässig in ihrer Lebensart, eben doch etwas sehr fremd.

Berliner Blockade

Als wir am Wannsee ankamen, sahen wir wie die britischen Wasserflugzeuge auf dem Wannsee landeten und ihre Kohle in die Schleppkähne überführten. Das haben wir erlebt und waren auch froh, das muss man auch sagen, dass Maschinenteile für das Kraftwerk Reuter per Luft transportiert wurden, einschließlich der Energie, der Kohle. Das haben wir mit Begeisterung aufgenommen, ja, mit Sympathie und haben gehofft, dass die das lange durchhalten. Es war ein Freudenfest, als die Blockade aufhörte, es war genau an meinem Geburtstag, im Mai hörte die Blockade auf, da atmeten wir erleichtert auf und haben natürlich durchschaut die Aussagen der Sowjets, dass angeblich da dies und das nicht in Ordnung sei und deshalb man die Schienenverbindung unterbrechen müsse. Da war bei den meisten Leuten in Berlin die Sympathie für die Sowjets zerbrochen. Man hat den Amerikanern schon Sympathie entgegen gebracht wegen ihrer ja vielen Hilfen und Großzügigkeit. Die Überlegenheit der Amerikaner ist da zum Ausdruck gekommen.

Humboldt- und Freie Universität

An der Humboldt Universität gab es diese Möglichkeit für mich, und dann wurde ich angenommen an der pädagogischen Fakultät. Wir hatten exzellente Vorlesungen. Und 49 wurde ja die Freie Universität gegründet, da war ich aber ja schon an der Humboldt Universität immatrikuliert und in meinem Fachbereich waren nicht so viele gute Professoren dort angesiedelt schon, das entwickelte sich erst später. Es war keine Veranlassung vom Fachlichen her rüber zu gehen und schon gar nicht aus politischem Grund. Die Freie Universität war politisch so diffamiert vom Osten aus. Wenn mein Vater selbstständig war im Osten und ich hätte die FU besucht, dann hatte ich gefürchtet, würde sein Betrieb geschlossen werden. Also blieb ich im Osten auch. Das schloss nicht aus, dass ich zu manchen Zeiten zur FU ging, um (den Philosophen) Nikolai Hartmann zu hören oder besondere Vorlesungen philosophischer Art. Das haben wir natürlich gerne gemacht. Dieses Hin und Her, diesen Austausch gab es.

Die Teilung

Abitur war noch einheitlich, aber kurz nach dem Abitur war mein Leben geteilt und wir haben wütend den Auszug der Stadtverordneten-Versammlung aus dem Stadthaus in Berlin am Alexanderplatz miterlebt am Radio, haben eben erkannt, wohin der Ostsektor also tendieren wird und wie sich die politische Lage entwickeln wird. Das hat uns alle sehr betroffen gemacht, so dass wir da keine Hoffnung mehr hatten. Und die Termine, die also zum Grundgesetz führten, der Termin im Mai 49, waren uns sehr fern, Berlinern. Aber an den Oktober-Termin hier in Berlin zur Gründung der DDR das hat uns einen tiefen Schnitt gegeben. Na ja, wir erlebten einen Fackelzug hier Unter den Linden und dachten, nun ist es vorbei, nun ist vorbei mit einer Vereinigung.

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