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Länderreport | Beitrag vom 07.05.2020

Zeitzeuge der Kesselschlacht von Halbe"Hier lagen überall Tote"

Von Nana Brink

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Willi Lehmann mit einer Brille in der Hand an einem Tisch sitzend und in die Kamera lächelnd (Nana Brink)
Willi Lehmann will seine Geschichte erzählen (Nana Brink)

Willi Lehmann war acht Jahre alt, als im April 1945 der Krieg in sein Dorf kam. Von seinem Schulfenster aus sah er die Leute sterben. Heute mahnt er junge Menschen vor den Folgen von Krieg und Vertreibung.

Willi Lehmann steht vor seiner alten Schule, einem gelb-roten Klinkerbau, wie er typisch ist für die brandenburgischen Dörfer hier und entschuldigt sich erst einmal für seine heisere Stimme. Die sei im Laufe seines 83-jährigen Lebens kaputt gegangen.

Willi Lehmann ist ein schmaler, drahtiger Mann, voller Elan. Ach ja, die schönen Erinnerungen, sagt er, und deutet auf ein kleines schmuckloses Haus gegenüber der Schule.

"Das graue hier und da hinten das Stallgebäude. Und ich habe Bilder vor dieser Garagentür, wo mein Bruder mit dem Akkordeon, ich mit meiner Harmonika sitze." 

Die Harmonika spielt im Leben des jungen Willi eine wichtige Rolle, wie er noch erzählen wird. Seit 1941 lebt die Familie Lehmann in Halbe, ein 1000-Seelen-Dorf, 60 Kilometer südlich von Berlin. Die Mutter arbeitet in der Landwirtschaft, der Vater ist Bauarbeiter.

Das Leben ist mühsam, geprägt von harter Arbeit, die Mutter oft krank. In Willi Lehmanns feinem Gesicht bilden sich Furchen. Die bösen Erinnerungen kommen zurück.

"Ich denke mal, dass wir bis Mitte April mit Sicherheit in der Schule waren, und danach auch gleich wieder. Man musste mit uns nicht sprechen, weil alle das erlebt haben. Hier lagen überall Tote." 

Das erste große "Kracherlebnis"

Ende April 1945 rollt die Front über Halbe hinweg. Was sich auf den Straßen des kleinen märkischen Dorfes abspielt, wird später als eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges in die Geschichtsbücher eingehen. Für den achtjährigen Willi kündigt sich das Grauen aus der Luft an. 

"Mein Bruder und ich, wir spielten im Garten, etwa 200 Meter gegenüber dem Bahnhof, und es kamen Flugzeuge, die in den nachmittags eingefahrenen Arbeiterzug schossen, und wir einfach nur hinter die Hauswand geflüchtet sind, das war dieses erste große Kracherlebnis durch Tiefflieger und Geschosse."

Er will, dass man ihm zuhört

Willi Lehmann sitzt, konzentriert und in sich gekehrt, auf einer alten Schulbank, die jetzt ein Ausstellungsstück ist. Rings um ihn Bilder aus den letzten Kriegstagen 1945. Die Dorfstraßen von Halbe, nicht wieder zu erkennen: Überall ausgebrannte Militärfahrzeuge, zerstörte Häuser, Tierkadaver, tote Soldaten und Zivilisten. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge richtet in der Schule seiner Kindheit gerade eine neue Ausstellung ein. 

Die Kriegstoten, die der Volksbund bis heute in den Gärten und Wäldern in und um Halbe birgt, sind die Menschen, die der kleine Willi vor seinem Schulfenster sterben sieht. Lehmann ist oft in seiner alten Schule. Er will, dass man ihm zuhört. Viele Kriegskinder, sagt er, hätten Jahrzehnte gebraucht, um zu sprechen. 

"Wir sind ja gar nicht psychologisch behandelt worden"

"Prägt sich ein, vergessen Sie nicht! Wenn die ersten Raketen gezündet werden zu Silvester, und das ist ja meistens bei unbelehrbaren Personen schon vorher, da erschrecken Sie sich einfach! Sie haben solche Bilder im Kopf, dass Sie des öfteren auch davon träumen. Wir sind ja gar nicht psychologisch behandelt worden, deshalb sitzt das alles bei uns noch so fest!"

Als der kleine Willi das letzte Mal zur Schule geht, ist das "Kracherlebnis" ohrenbetäubend. Tiefflieger, Stalinorgeln und die ersten MG-Salven in den Straßen. Mehrfach wechselt die Front. Familie Lehmann flüchtet in den Keller. 

"Den haben sie vor unseren Augen erschossen"

"Meine Mutter, die hat immer die weißen Fahnen rausgehangen, so dass die kämpfenden Truppen wussten, dort sind Zivilisten, aber es kamen auch ständig verwundete Soldaten in den Keller, die mussten natürlich alle nach Behandlung wieder raus. Mein letzter Eindruck war, dass noch ein Soldat mit im Keller war, und den haben sie vor unseren Augen auf dem Hof dort erschossen." 

Ende April endlich hofft die Familie, der Front zu entkommen. Der Keller, in dem sie ausgeharrt hat, ist schon von sowjetischen Soldaten besetzt, bald auch das Haus. 

"Überall Soldaten, flüchtende Familien, brennende Häuser"

"Wir hatten alles schon vorher gepackt, ich hatte in meiner Schultasche nur die Wolle, aus der meine Mutter uns irgendwas gestrickt hat. Wir konnten ja gar nicht sehr viel mitnehmen auf dem Fahrrad. Wir hatten Musikinstrumente, mein Bruder ein kleines Akkordeon, ich ein kleines Harmonium, eine Knopf-Harmonika, das ist alles zuhause geblieben und als wir zurückkamen, war es alles weg." 

Willi Lehmann weiß noch genau, wie sein Harmonium ausgesehen hat. Rot war es, mit weißen Knöpfen. Er macht eine längere Pause. "Das Chaos", sagt er dann plötzlich, war unbeschreiblich. "Überall Soldaten, flüchtende Familien, brennende Häuser, verkohlte Fahrzeuge, tote Menschen." Der achtjährige Willi klammert sich an sein Fahrrad und verzweifelt fast.

"Ich kam mit meinem Fahrrad nicht über diese Leichenberge"

"Und ich kam mit meinem Fahrrad nicht über diese Leichenberge rüber, mein Vater musste dann wieder zurückkommen und mich da rüberholen. In dem Moment prägt sich einem das ein, dass man das nie vergisst, Sie treten da in einen Haufen von verstorbenen Menschen hinein."

Willi Lehmann zeigt aus dem Schulfenster. Dort ist es passiert. Noch heute sieht man den Bahndamm von hier. Familie Lehmann kann sich schließlich zu Verwandten auf einen Hof in der Nähe retten. Dort warten sie auf das Kriegsende. 

Wen interessieren seine Erlebnisse heute noch?

Seine Mutter stirbt 1948 in einem Krankenhaus an Tuberkulose. Da ist Willi elf Jahre alt. "Wir haben sie nur immer in ihrem Bett bzw. in ihrem Zimmer gesehen und nur durch die Fensterscheibe." An dieses Bild muss Willi Lehmann gerade heute oft denken. Er setzt seine goldene Brille ab. Und wiegt nachdenklich den Kopf. 

 "Heute ist das doch ein Wohlstand, wo doch alles da ist, die jungen Leute verstehen das manchmal gar nicht, die müssen erst einmal darauf gebracht werden!" Und die Frage, die sich Willi Lehmann da stellt, ist: Wen interessieren seine Erlebnisse heute noch?

Willi Lehmann vor einer Schulklasse stehend (Nana Brink)Willi Lehmann gibt sein Wissen an Schüler weiter (Nana Brink)

Willi Lehmann braucht keine Notizen

Einer, den Willi Lehmanns Erfahrungen interessieren, ist Geschichtslehrer Holger Wedekind. Er ist etwas angespannt an diesem Morgen an dem seine Klasse den besonderen Gast erwartet.

Auch Willi Lehmann ist heute ein wenig aufgeregt. Der schmale, drahtige 83-Jährige will den Schülerinnen und Schülern erzählen, was er als Kind in Halbe erlebt hat. Er hat sich keine Notizen gemacht. Das ist alles da drin, sagt er und tippt sich an die Stirn.

Plötzlich ist es still in der Klasse

"Ich war damals acht Jahre alt. Mein Bruder und ich, wir waren in unserem Garten, Sie kennen das, wenn Sie am Bahnhof stehen, 200 Meter von uns, da erleben Sie einen Tiefflieger, der in den eingefahrenen Zug mit den Arbeitern da plötzlich rein schießt. Das ist unvorstellbar, solch ein Fluglärm. Sind so Erlebnisse, die sich richtig festbrennen in einem, ich wünsche das keinem von Ihnen." 

Plötzlich ist es ganz still in der Klasse. Alle blicken Willi Lehmann an. Und er erzählt, t von der Flucht in den Keller, den Toten auf dem Bahndamm und der Angst vor den Granaten. 

Die Schüler sind dankbar

"Wir konnten nur aus dem Kellerfenster sehen und plötzlich eine Granate in einen Raum, den die Frauen als Küche abgeteilt hatten, da war natürlich nichts mehr mit Küche. Und Sie sind ständig unter diesem Beschuss! Ich habe mal vorgeschlagen, dass Ihnen mal solch ein Lärm an die Ohren gesetzt wird, unvorstellbar!" 

Es ist immer noch still. Willi Lehmann steht in der Mitte des Raumes – aufrecht und kein bisschen unsicher – und blickt die Jugendlichen aufmunternd an. Wie bei einem Konzert zwischen den Sätzen räuspern sich einige. Dann meldet sich eine Schülerin: 

"Da ich aus dem Umfeld Halbe komme, und ich jeden Tag an diesen Gebäuden vorbeilaufe – und eigentlich jetzt, wo Sie mir das so noch mal berichtet haben, wenn ich jetzt vorbei gehe, habe ich immer so, wenn ich über die Schranken gehe, dann höre ich Ihre Geschichte dazu und kann mir vorstellen, vor allem wie die Front immer weiter ran rückte, danke!" 

Die Fragen häufen sich

Willi Lehmann lächelt. Viele Arme schnellen auf einmal in die Höhe. Ernst und konzentriert formulieren die Jugendlichen ihre Fragen.  

"Sie hatten ja erzählt, mit vielen Leuten im Gewölbe, wie war denn das Verhältnis untereinander? Angst, eingesperrt zu sein, in solch einem kleinen Keller! Ich wollte nur fragen, ob Sie in Ihrer Klasse auch Flüchtlinge hatten?"

"Ja, in jeder Klasse waren Flüchtlinge aus dem Sudetenland, aus Ostpreußen, wir sind mit denen groß geworden, wir haben uns auch geprügelt!"

"Ihr dürft die Flüchtlinge nicht nur ablehnen"

Jetzt wird Willi Lehmann sehr ernst. Er nimmt seine goldene Brille ab und blickt die Jugendlichen eindringlich an. 

"Ich habe selbst von einem Schüler, der auch im Gymnasium hier ist, der ist vor ungefähr vor zwei Jahren hierher gekommen, aus Damaskus, der zeigt mir auf seinem Handy, wie sein Haus, die Werkstatt seines Vaters vernichtet wurde. Die ganze Familie war versprengt, dieser Junge ist als elternloser Junge aufgegriffen worden. Und deshalb habe ich auch das Gefühl für solche Leute, und für die müsst Ihr auch ein Gefühl bekommen, nicht nur ablehnen!"

"Wir haben damals nicht darüber gesprochen"

Die Jugendlichen nicken still. Dann lächelt Willi Lehmann wieder und geht zwischen die Stuhlreihen. Habt Ihr noch Fragen? Vor allem eines interessiert die Jugendlichen: Was war nach dem Krieg? Haben Sie schlecht geträumt? Wie haben Sie das Schreckliche verarbeitet? 

"Wir waren damals so geschockt von diesen Erlebnissen, dass unsere Eltern auch als Schutz für uns nichts gesprochen gehaben über diese Sache, weder mein Vater noch meine Mutter, und die anderen Leute auch nicht." 

Besser als klassischer Geschichtsunterricht

Geschichtslehrer Holger Wedekind nickt zufrieden. Mehr kann man in zwei Stunden nicht lernen, sagt er. Willi Lehmann ist gerührt, als die Jugendlichen ihn für ein Foto in ihre Mitte nehmen.

"Es ist viel besser als Geschichtsunterricht. Ich finde es gut, dass auch das Gefühl vermittelt wird, was damals vorherrschte, was sie gefühlt haben, als sie im Kellergewölbe waren, oder was sie gefühlt haben, als sie die toten Menschen gesehen haben. Dass Krieg schon´ne schlimme Sache ist, und dass man alles dafür geben sollte, dass so was halt nie mehr passiert. Ich wollte nur sagen, jetzt, wo man die schlimmen Erlebnisse des Mannes hört, dass man wirklich froh sein kann, dass man in dieser Zeit geboren ist."

 Als die Jugendlichen in die Pause gehen, steht Willi Lehmann einen kurzen Moment etwas verloren im Klassenraum. Er ist erschöpft, aber glücklich.

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