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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.01.2009

"Zeiten des Aufruhrs"

Hans-Ulrich Pönack über das Psychogramm einer amerikanischen Mittelklasse-Ehe

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Zuerst empfindet das junge Paar, das mit seinen Kindern in einem New Yorker Vorort lebt, sein Leben als "ironisches Abenteuer". Doch dann erliegt es den Alltagszwängen und legt die Träume ad acta. Kate Winslet, die hier wieder einmal an der Seite von Leonardo DiCaprio spielt, wurde für ihre Rolle als "Beste Schauspielerin" mit dem Golden Globe ausgezeichnet.

USA, GB 2008, Regie: Sam Mendes, Darsteller: Kate Winslet, Leonardo DiCaprio, Kathy Bates, 119 Minuten, ab 12 Jahre

Der 43-jährige Engländer Sam Mendes ist ein anerkannter Bühnenregisseur, der seit 1999 "aufsehenerregende" Kinofilme dreht. Sein Debüt "American Beauty" wurde mit gleich vier "Oscar"-Trophäen prämiert (darunter in der Königskategorie als "Bester Film"), danach folgten "Road To Perdition" (2002, mit Tom Hanks und Paul Newman; siebenfach "Oscar"-nominiert) sowie "Jarhead – Willkommen im Dreck" (2005) mit Jake Gyllenhaal und Jamie Foxx.

"Revolutionary Road", so der Originaltitel von "Zeiten des Aufruhrs", basiert auf dem gleichnamigen Roman von Richard Yates (1926 – 1992), der jetzt (weltweit) "wiederentdeckt" und literarisch gefeiert wird (Erstveröffentlichung 1961, in Deutschland 2002). Der Film ist das Psychogramm einer amerikanischen Mittelklasse-Ehe und ist in einem "schnieken Vorort" von New York im Jahre 1955 angesiedelt. Hier leben April und Frank Wheeler.

Sie wollte eigentlich Schauspielerin werden, doch nach einem miserablen ersten Theaterauftritt hat sie resigniert ihre diesbezüglichen Ambitionen zurückgestellt. Er arbeitet im Büro derselben Firma, die schon aus seinem Vater einen Anzug-Zombie im Großraumbüro werden ließ. Das Ehepaar hat zwei Kinder, hält sich – im Gegensatz zur prüden, spießigen Amerika-Allgemeinstimmung – für "progressiv", für Intellektuelle, für "Jemand-Anders" als die Spießer drumherum. April und Frank empfinden ihr Leben stets als "ironisches Abenteuer", doch nach sieben Jahren Gleichförmigkeit und "schleichender Anpassung" ist die vermeintliche "private Rebellion" gegen diese prüden Gesellschaftskonventionen jener Jahre einer Art "gemütlichen Verzweiflung" gewichen. Unveränderbar, "mitschwimmend", voller eigenem Lebenslügen-Ekel.

Paris wird zur Hoffnung für Ausbruch, Neuanfang, Identitäts(ver)änderung. Sie könnte dort als UNO-Sekretärin jobben, er könnte dort, von ihr akzeptiert, "unbekümmert" herausfinden, was er wirklich vom Leben erwartet bzw. was er nicht will. Doch beide kommen aus ihren "banalen Alltagszwängen" einfach nicht heraus. Paris soll ein Wunschtraum bleiben. April wird erneut schwanger, Frank winkt eine Beförderung. Das hübsche, ländliche Familienhaus wird mehr und mehr zum privaten Gefängnis. Agonie, Leere, Entsetzen machen sich bei April und Frank Wheeler breit. Der tägliche Streitfaktor entwickelt sich bedrohlich.

Da hängen zwei fest. Halten sich für "was Besseres", wollen nicht so denken, fühlen, leben wie die Masse allgemein und gleich nebenan. Und finden doch nur Pläne anstatt Schritte. Finden doch nur dieselben Normen anstatt propagierten Individualismus und Mut. Bleiben hängen in ihrem Durchschnitt, ihrem Mittelmaß, ihrer Feigheit. Soziale Sicherheit, Geborgenheit für den Rest des Lebens, dafür auf ewig "genormt", "grau", "normal". Nur ist ihnen im Gegensatz zu den Anderen in ihrer Umgebung das alles bewusst! Und deshalb "zerfleischen" sie sich auch verbal, ersticken an ihrem eigenen Mief, bewegen sich in ihrem humorfreien Dauer-Alltagstrott von Büro, Hausfrau, kleinen Affären.

Ein universelles Thema: Der ewige Versuch der Selbstverwirklichung. Und die damit zusammenhängenden inneren Konflikte. Motto: Ist es, auch lange nach Start in das erwachsene Leben, möglich, sich dennoch neu zu definieren, zu orientieren? Das erforscht Sam Mendes nicht (mehr) mit dieser tragikomischen Leichtigkeit á la "American Beauty", sondern er seziert hier bereits die wuchernde Wut von Unzufriedenen, die in ihrer eigenen Haut "angekettet" sind und sich nicht zu befreien vermögen. Emanzipation unmöglich oder: April und Frank Wheeler sind seelische Gefangene ihrer eigenen Ängste und Projektionen, spüren ihre "Banalität" und "Bedeutungslosigkeit", müssen das als ihr Leben entsetzt, traurig, wütend akzeptieren - mit der sozialen Sicherheit als Falle.

"Zeiten des Aufruhrs" bleibt natürlich nicht auf die amerikanischen 50er Jahre beschränkt, sondern bietet universellen wie aktuellen Denk-Stoff. Wir kennen das alle: Wenn es um die Entscheidung(en) geht, entweder "so" weiterzumachen oder möglicherweise risikobehaftete, aber erwünschte Lebenslauf-"Korrekturen" vorzunehmen. Wobei ausgerechnet noch der "bekloppte" Sohn der Vermieterin aus der Nachbarschaft der Wheelers den "verrückt-klaren" wie analytischen Narren gibt und die mühsam unterdrückten Gedanken und Gefühle offenlegt.

Spannendes Gedanken-Kino mit explosiven, faszinierend-überzeugenden Schauspielern. Leonardo DiCaprio (34) und Kate Winslet (33), die Ehefrau von Sam Mendes, treffen zehn Jahre nach "Titanic" wieder zusammen. Nunmehr gereift, mit voller Charakterstärke und ausgestattet mit ausdrucksstarkem Dampf. Kate Winslet wurde soeben für ihre "Zwinger-Rolle" mit dem "Golden Globe" als "Beste Schauspielerin" ausgezeichnet. Als gnadenlos-ehrlicher Störenfried hat zudem MICHAEL SHANNON hier "fein-üble" darstellerische Glanzmomente. Ein packender erwachsener amerikanischer Film als brillantes Kopf-Kino.

Filmhomepage "Zeiten des Aufruhrs"

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