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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.03.2019

Zehn Jahre nach WinnendenWie Amoktaten verhindert werden können

Britta Bannenberg im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Gedenkfeier für die Opfer des Amoklaufs an einer Realschule in Winnenden vor zehn Jahren: Im Vordergrund sind weiße Rosen zu sehen, im Hintergrund Teilnehmer der Gedenkveranstaltung. (dpa Sebastian Gollnow)
Gedenken an die Opfer des Amoklaufs in Winnenden. (dpa Sebastian Gollnow)

Lassen sich Gewalttaten wie in Winnenden schon im Vorfeld stoppen? Davon ist die Kriminologin Britta Bannenberg überzeugt. Denn fast alle Amokläufer haben die gleiche Persönlichkeitsstörung - und weisen lange vor der Tat ähnliche Verhaltensmuster auf.

Mit einer Gedenkfeier und Gottesdiensten ist an diesem Montag an die 15 Opfer des Amoklaufs von Winnenden vor zehn Jahren erinnert worden. Um 9.33 Uhr - dem Zeitpunkt, als am 11. März 2009 der Amoklauf an der Albertville-Realschule begann - läuteten die Kirchenglocken der Stadt.

Die Kriminologin Britta Bannenberg ist davon überzeugt, dass sich solche Taten verhindern lassen. Bereits Monate vor ihrer Tat sendeten Amokläufer gewisse, typische Zeichen aus, sagte sie im Deutschlandfunk Kultur. "Das heißt, man kann erkennen, dass sie sich mit der Vorbereitung, mit der Planung einer solchen schrecklichen Mordtat beschäftigen."

"Das sind sehr stille Charaktere"

Amokläufer kann man ihr zufolge zumeist im Vorfeld stoppen: "Wenn man diese Zeichen erkennt und zusammenführt, interveniert mit Polizei, Psychiatrie und dem sozialen Umfeld."

Denn in ihrer Persönlichkeit ähnelten sich alle Amoktäter. Erstaunlich: Gewalt und Aggressionen zeigten sie nicht. Im Gegenteil: "Das sind sehr stille Charaktere mit wenig oder gar keiner Emotionalität, die keine Empathie haben."

Dafür, dass sie sich selbst "beeinträchtigt, gedemütigt, schlecht behandelt fühlen", machten sie andere verantwortlich, sagte Bannenberg. Daraus wachse dann der Hass: "Das ist eine bestimmte Form der Persönlichkeitsstörung, die bei fast allen vorliegt: eine narzisstische Persönlichkeitsstörung mit paranoiden Elementen, mit emotionaler Kälte."

Sympathien für spektakuläre Tötungsdelikte

Dies zu erkennen, mag Mitschülern, Lehrern, Kollegen oder Bekannten nicht gerade leichtfallen. Doch ein anderes Verhaltensmuster sollte aufhorchen lassen, meint Bannenberg: "Sie fangen dann jahrelang an, sich mit anderen Tätern zu identifizieren. Sie lassen Sympathien für spektakuläre Tötungsdelikte erkennen." In einem solchen Fall sei es gut, die Polizei einzuschalten oder auch eine psychiatrische Abklärungen zu veranlassen.

Ein vorschneller Ausschluss von der Schule oder eine Kündigung am Arbeitsplatz sei hingegen nicht geraten. "Manchmal ist es viel besser, im Kontakt zu bleiben und Perspektiven zu bieten."

Mobbing sei nicht die Ursache für Amoktaten, auch Computerspiele nicht, sagte die Kriminologin: Vielmehr sei es umgekehrt: "Die Charaktere, die daran denken, Menschen töten zu wollen und sich dann intensiv mit Egoshootern beschäftigen, die nehmen im virtuellen Spiel die Realität vorweg. Und das betrifft nur sehr wenige Menschen."

(lkn)

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