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Studio 9 | Beitrag vom 13.08.2018

Zehn Jahre FinanzkriseDie fatalen Folgen der Lehman-Pleite

Von Mischa Ehrhardt

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Geschäftssitz der Bank "Lehman Brothers" im Jahr 2008 - die Insolvenz brachte die weltweiten Finanzmärkte an ihre Grenzen. (dpa / picture alliance / Justin Lane)
Geschäftssitz der Bank "Lehman Brothers" im Jahr 2008 - die Insolvenz brachte die weltweiten Finanzmärkte an ihre Grenzen. (dpa / picture alliance / Justin Lane)

Im September 2008 ging die Investmentbank Lehman Brothers Pleite und löste eine fatale Kettenreaktion an den Finanzmärkten aus. Und trotz milliardenschwerer Hilfsprogramme wirkt sich die Finanzkrise bis heute auf die Weltwirtschaft aus.

"Breaking News: Lehman Brothers is going bankrupt …"

Schwarzer Montag für die Aktienmärkte weltweit: Der US-Leitindex Dow Jones verzeichnete den stärksten Tagesverlust seit den Terrorattacken am 11. September 2001, weltweit gingen Aktienkurse in die Knie, alleine an den Börsen wurden in wenigen Stunden Börsenwerte in Billionenhöhe vernichtet. Holger Bahr, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Deka Bank:

"Ganz offenkundig kann man das an der Börse auch ablesen, was Unternehmen dann wert sind beziehungsweise weniger wert sind, wenn Kurse um 20 bis 30 Prozent oder mehr zurückgehen; und natürlich auch eine Reihe von Unternehmen komplett Pleite gegangen und quasi dann auch mehr oder weniger vom Kurszettel verschwinden können."

Sorgen um die Ersparnisse

Betroffen sind aber auch andere Anleger: Gutgläubige, oft ältere Menschen hatten auf Anraten ihrer Bank und Sparkassenberater ihr Erspartes in vermeintlich sichere Lehman-Zertifikate gesteckt. In Deutschland mussten quasi über Nacht rund eine halbe Millionen Menschen plötzlich um ihr Erspartes sorgen. Doch trifft es vor allem die, die es am besten hätten wissen müssen: Banken. Nun zeigten die gepriesenen globalen Verflechtungen der Finanzindustrie ihre hässliche Seite. Denn auf den Zusammenbruch von Lehman folgte die Kettenreaktion: Weitere Banken gingen pleite oder drohten unter zu gehen.

Die unglaublichen Dimensionen der Kosten wurden wenige Tage nach der Lehman-Pleite ansatzweise klar: Die US-Regierung kündigte ein Rettungspaket für die Finanzbranche an, Volumen: fast 800 Milliarden Dollar. Einige Wochen später zieht die Bundesregierung nach und verkündet ein Bankenrettungspaket in Höhe von 500 Milliarden Euro. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds mussten Banken alleine in Amerika und Europa 3000 Milliarden, also drei Billionen Dollar an Krediten abschreiben – existenzbedrohend. Das Vertrauen war zerstört – Banken liehen sich untereinander kein Geld mehr und gaben auch kaum mehr Kredite an Unternehmen aus. Die Welt stürzte in eine Rezession, wie sie sie seit Jahrzehnten nicht erlebt hatte.

In Folge haben Staaten weltweit billionenschwere Konjunkturprogramme aufgelegt. Beides, Bankenrettung und Konjunkturprogramme, haben die Staatsverschuldung ansteigen lassen; es war dies einer der wesentlichen Gründe für die Staatsschuldenkrise, die später über Europa ausbrach und dazu beitrug, dass Griechenland am Rande des Bankrotts stand.

"Auch zehn Jahre nach der Lehman-Pleite haben wir immer noch Belastungen, Dinge, die uns übrig geblieben sind. Und das ist in sehr, sehr vielen Ländern eine höhere Staatsverschuldung. Und damit natürlich auch perspektivisch, wenn die Zinsen mittelfristig mal steigen, auch wieder eine höhere Belastung für die öffentlichen Haushalte. Also: Die Finanzkrise, auch zehn Jahre nach dem Ausbruch, ist nicht vollends abgearbeitet. Insbesondere, wenn man auch an Teile des Finanzsektors denkt, und wir haben eben noch mit der Nullzinswelt ein definitives Ungleichgewicht, was auch noch nicht normal ist."

Altersvorsorgen werfen kaum Rendite ab

Denn um ihre jeweiligen Wirtschaftsräume konjunkturell wieder anzuschieben, hatten Notenbanken in vielen Regionen der Welt reagiert und die Zinsen auf Null gesenkt. Auch hier kann man aus Sicht der Sparer von Kosten sprechen – in Form nämlich entgangener Rendite für Anlegergelder. Möglicherweise ein Problem für die Zukunft, meint der Chefvolkswirt der Allianz-Gruppe, Michael Heise:

"Dass der Anleger kaum noch eine Verzinsung seiner Vermögen bekommt. Und vor allem mit Blick auf die Zukunft davon ausgehen muss, dass Altersvorsorgevermögen kaum Rendite abwerfen und damit noch mehr getan werden muss, um eben den Ruhestand, in den ja viele Babyboomer demnächst gehen werden, dann auch finanziell abzusichern. Also das sind Rückwirkungen der Finanzkrise, die in den sozialpolitischen Bereich massiv hinein gehen und die ich für mit die gravierendsten halte."

Bislang gibt es nur grobe Schätzungen, was die Pleite von Lehman-Brothers und die darauf folgenden Krisen gekostet haben – und sie gehen weit auseinander. Sicher ist: Es sind etliche Billionen, also zigtausende Milliarden. Und selbst wenn es eine Rechnung gäbe, die die Folgen aufrechnet, wäre sie nicht vollständig. Vertrauen, einmal zerstört, lässt sich nur mühsam und über lange Zeit wieder aufbauen. Millionen Lebensläufe sind durch Arbeitslosigkeit gebrochen worden – vielleicht irreparabel.

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