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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.09.2016

Zehn Jahre Deutsche Islamkonferenz"Zentralrat der Muslime verbreitet salafistisches Gedankengut"

Sineb El Masrar im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Die Autorin und Journalistin Sineb El Masrar (Deutschlandradio Kultur / Stefan Ruwoldt)
Die Autorin und Journalistin Sineb El Masrar (Deutschlandradio Kultur / Stefan Ruwoldt)

Die deutsch-marokkanische Publizistin Sineb El Masrar wirft dem Zentralrat der Muslime Nähe zum Salafismus vor. Der Verband sei maßgeblich daran beteiligt gewesen, entsprechende Inhalte unter jungen Menschen zu verbreiten.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland präsentiert sich gern als Sprachrohr aller in Deutschland lebenden Muslime. Dabei seien die Positionen, die der Zentralrat vertritt, alles andere als zentral, meint die deutsch-marokkanische Publizistin Sineb El Masrar. Denn der Zentralrat der Muslime verbreite sehr stark salafistische Inhalte. Vor allem angesichts terroristischer Aktivitäten müsse man sich die Frage stellen, wo die jungen Menschen in Deutschland ihr Islamverständnis herhätten. "Und da muss man dann tatsächlich sehr schnell auf den Zentralrat der Muslime blicken, weil er maßgeblich daran beteiligt war, genau dieses salafistische Gedankengut zu verbreiten und jungen Menschen zugänglich zu machen", so die Publizistin. Und wenn es dann immer heiße, der Terror habe mit dem Islam nichts zu tun, "dann ist das irgendwie nett formuliert, aber das bringt uns in der Debatte und in unserer Gesellschaft auch nicht weiter".

Seit der Gründung der Deutschen Islamkonferenz 2006 habe sich viel getan in der muslimischen Community, betont El Masrar. "Wir haben junge Muslime, die debattieren heute über ganz andere Dinge als vielleicht vor zehn oder fünfzehn oder dreißig Jahren." Das müsse in so einem Gremium auch einen Widerhall finden. (uko)


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Vor zehn Jahren hat sie das erste Mal getagt, die Deutsche Islam-Konferenz, ein Gremium, das den Dialog zwischen Regierung und Islamverbänden verbessern sollte. Schließlich leben immerhin vier Millionen Muslime in der Bundesrepublik und bekanntlich ist es immer besser, mit- als übereinander zu reden. Das wurde in den vergangenen zehn Jahren ausgiebig getan, wenn auch nicht jeder und jede mit den Ergebnissen dieser Gespräche zufrieden ist.

Die Deutsch-Marokkanerin Sineb El Masrar, geboren 1981, hat in dem Jahr, in dem die Islam Konferenz zum ersten Mal tagte, das multikulturelle Frauenmagazin "Gazelle" gegründet, hat das Buch "Muslim Girls. Wer wir sind, wie wir leben" geschrieben und sie hat selbst drei Jahre von 2010 bis 2013 an der Islam-Konferenz teilgenommen. Und heute ist sie beim Festakt dabei, vorher war sie bei mir im Studio, schön, dass Sie da sind!

Sineb El Masrar: Guten Tag!

Die Islamkonferenz hat viele Impulse gegeben

von Billerbeck: Sie waren ja nun Teilnehmerin der Islam Konferenz. Wie blicken Sie heute, am Jahrestag, zurück auf diese Einrichtung?

El Masrar: Ich glaube, sie hat auf jeden Fall viele Impulse gegeben, sowohl im medialen Diskurs als auch im politischen. Muslime werden viel stärker wahrgenommen als Bürger dieses Landes, für viele dann auch eher als Bedrohung, wenn wir uns die Stimmung Richtung Islamisierung in Deutschland, aber natürlich auch den Extremismus, der islamisch begründet ist …

Aber ich glaube, man muss trotzdem auch anerkennen, dass sich da wirklich viel auch bewegt hat. Die Tatsache, dass man auch mit den Verbänden an einem Tisch sitzt, ist glaube ich auch ein wichtiges Signal an die Muslime, die vielleicht sich oftmals auch als Bedrohung von der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen fühlen, dass sie oft das Gefühl hatten, dass man über ihre Köpfe hinwegspricht. Und in diesem Moment sieht man, dass sich die staatliche Seite tatsächlich auch mit Verbänden an einen Tisch setzt, die durchaus auch mal vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Ich glaube, in nächster Zeit wird dann auch daran gemessen werden, inwiefern es diese Akteure ernst meinen mit Demokratie, mit Säkularismus und eben der Vereinbarkeit von Islam und Demokratie oder eben Deutschland in diesem Kontext.

Aiman Mazyek erzählt über seine Familie und die Kindheit in Aachen. (Deutschlandradio / Nicolas Hansen)Einer der wichtigsten Repräsentanten des Islam in Deutschland: Zentralratsvorsitzender Aiman Mazyek. (Deutschlandradio / Nicolas Hansen)

von Billerbeck: Als Ihre Antwort anfing, dachte ich, das ist jetzt eine typische Politikerantwort, so. Dann kam aber doch noch der kritische Einschub. Also, da merkt man schon, dass da eine Frau vor mir sitzt, die durchaus auch Kritik an dieser Institution Islam Konferenz hat. Sie haben ja gesagt, einige Teilnehmer werden durchaus vom Verfassungsschutz beobachtet.

Und was auch kritisiert wird, das ist ja eine Organisation, ein Teilnehmer an dieser Islam Konferenz, nämlich der Zentralrat der Muslime. Der gilt vielen in Deutschland als das wichtigste Sprachrohr. Vielleicht liegt es auch schlicht am Namen, weil, clever gewählt, klingt fast so ähnlich wie beim Zentralrat der Juden, der ja das Sprachrohr ist und die Juden in Deutschland vertritt. Aber genau das ist der Zentralrat der Muslime nicht. Sie sehen diesen Alleinvertretungsanspruch auch kritisch, warum?

El Masrar: Ja. Also, man sollte natürlich nie sich an Begrifflichkeiten allzu sehr aufhängen und aufhalten.

Positionen des Zentralrats "alles andere als zentral"

von Billerbeck: Trotzdem ist es ja vermutlich kein zufälliger Name.

El Masrar: Genau, das haben sie auf jeden Fall clever gelöst, indem man sich da vielleicht eben an dieser jüdischen Organisation orientiert hat. Aber letztendlich vertritt ja diese Organisation auch etwas und das kann ja jeder auf den Webseiten nachprüfen, kann sich eben anhand des Personals genauer anschauen und eben an den Inhalten, die eben verbreitet werden. Und das ist alles andere als zentral und spiegelt auch nicht die Vielfalt der Muslime wider. Das ist auch ein ganz wichtiger Aspekt. Wir haben hier viele Sunniten in Deutschland, wir haben aber auch einige schiitische Gruppierungen und andere Ausrichtungen innerhalb des Islam, und da wird es auf jeden Fall nicht gerecht, was der Zentralrat da vertritt, weil er vor allem sehr stark salafistische Inhalte auch verbreitet.

Und vor allem angesichts der terroristischen Aktivitäten in Europa müssen wir uns natürlich eher die Frage stellen: Wie können wir Sicherheit garantieren und ermöglichen und woher ziehen junge Menschen in Deutschland ihr Islamverständnis? Und da muss man dann tatsächlich sehr schnell auf den Zentralrat der Muslime blicken, weil er maßgeblich daran beteiligt war, genau dieses salafistische Gedankengut zu verbreiten und jungen Menschen zugänglich zu machen. Und wenn man dann immer sagt, der Terror hat mit dem Islam nichts zu tun, dann ist das irgendwie nett formuliert, aber das bringt uns in der Debatte und in unserer Gesellschaft auch nicht weiter.

"Nicht nur mit den Verbänden sprechen"

von Billerbeck: Nun braucht ja der Staat, die Regierung, wenn die eine solche Islam-Konferenz initiiert, einen Ansprechpartner oder Ansprechpartner. Das heißt ja, man spricht mit allen, die Muslime in Deutschland vertreten oder den Anspruch erheben. Kann er da unterscheiden zwischen den Partnern? Kann er da auch Kritik üben oder ist das für den Staat sehr schwierig, was Sie ja hier locker kennen?

El Masrar: Also, es ist eine der Aufgaben, die er natürlich übernehmen muss. Er hat ja mehrere Werkzeuge, um auch Unterscheidungen vornehmen zu können. Also, es gibt den Verfassungsschutz, wir haben das BKA, wenn es sich tatsächlich um ausländische Organisationseinflüsse handelt und so weiter. Also, man kann sich auch anhand der Äußerungen dieser Organisationen ja auch orientieren. Deshalb …

von Billerbeck: Ja klar, bloß trotzdem, soll er mit so einer Organisation dann nicht reden?

El Masrar: Nein, also, ich glaube, nicht reden ist auch keine Lösung, da hat glaube ich de Maizière damals einen wichtigen Anstoß gegeben, nämlich zu sagen, wir müssen schauen, wie wir muslimisches Leben in Deutschland organisieren und eben auch gerecht werden. Und da ist es natürlich absolut legitim, auch mit Verbänden zu sprechen, weil, sie vertreten natürlich einen Anteil. Aber eben nicht alle. Und sie vertreten eben auch nicht die Entwicklung in Deutschland. Also, wir haben junge Muslime, die debattieren heute über ganz andere Dinge als vielleicht vor zehn oder 15 oder 30 Jahren und das muss natürlich ein Verband aufgreifen. Und wenn er das nicht tut, dann hinkt er natürlich auch der Debatte hinterher.

Und deswegen ist es ganz, ganz wichtig, eben nicht nur mit Verbänden zu sprechen, sondern eben auch mit durchaus Einzelpersonen, wie das in der ersten und zweiten Runde der Islam Konferenz der Fall war, aber eben auch zu schauen, was tut sich in der muslimischen Community? Wir haben vor Kurzem die Freiburger Erklärung einiger reformorientierter Muslime, wir haben den Liberal-Islamischen Bund, der einen liberalen Islam in den Fokus setzt, es gibt das Muslimische Forum Deutschland, was eben ein Forum darstellt, wo eben viele Stimmen zusammenkommen, durchaus auch konservative, aber eben auch liberale Stimmen. Das heißt, es hat sich auch seit 2006 etwas getan in der muslimischen Community und das muss in so einem Gremium auch einen Widerhall finden.

Die Vielfalt der Muslime sichtbar machen

von Billerbeck: Aber müsste man nicht auch liberalen muslimischen Organisationen den Vorwurf machen, dass sie lange gewartet haben damit, sich zu organisieren, dass eben der erwähnte Zentralrat der Muslime die Chance hatte, sich da viel eher zu positionieren und so einen Platz einzunehmen, der ihm eben so eine Rolle zuweist, die er eben jetzt in Teilen der Gesellschaft auch hat?

El Masrar: Also, ich glaube, was wir vor allem in Deutschland auch nicht vergessen dürfen, dass auch die Einwanderung der Muslime nach Deutschland in vielen Teilen eigentlich wirklich geglückt ist, wenn man sich anschaut, dass eigentlich Deutschland nie wirklich sich Mühe gemacht hat sozusagen, Einwanderer zu integrieren. Und da ist wirklich viel gutgegangen. Und dass sich viele jetzt nicht organisiert haben oder eben sich auch nicht in Verbänden organisieren, weil sie sagen, ich gehe in die Moschee, ich bete da, muss aber deswegen nicht Mitglied sein, und ich kann mich vielleicht auch mit den Inhalten nicht unbedingt identifizieren, ist ja auch eine Haltung.

Jetzt müsste man natürlich schon dahingehend auch sagen, dass Muslime sich bei bestimmten Themen auch positionieren müssen. Dass sich etwas tut, das sehen wir ja durch diese verschiedenen Organisationen. Also, auch dort gibt es ja eine Reflexion bei vielen Muslimen, die sich als liberal, aber durchaus auch als konservativ verstehen, aber eben genau diese salafistischen Positionen auch ablehnen und sagen, Moment, ich kann da auch nicht mehr schweigen. Und da gibt es wirklich einige Akteure mittlerweile, die immer mehr sozusagen an die Öffentlichkeit drängen, und das begrüße ich sehr, weil sie eben auch genau diese Vielfalt, die es eben in der muslimischen Gesellschaft sehr lange schon gegeben hat, auch noch mal sichtbar macht.

von Billerbeck: Also, viel Diskussionsstoff weiterhin. Die Autorin, Dozentin, Herausgeberin Sineb El Masrar war bei uns zu Gast, selbst Teilnehmerin der Deutschen Islam Konferenz gewesen, deren Gründung vor zehn Jahren heute begangen wird. Ich danke Ihnen!

El Masrar: Ich danke Ihnen!

von Billerbeck: Und das Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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