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Tonart | Beitrag vom 09.12.2020

Zeal & Ardor: "Wake of a Nation"Black Metal trifft "Black Lives Matter"

Mathis Raabe im Gespräch mit Oliver Schwesig

Die Black-Metal-Band Zeal & Ardor bei einem Auftritt  (imago images / POP-EYE)
Starke Allianz: Das Projekt Zeal & Ardor bringe die Ausdruckskraft von Black Metal mit Anliegen der "Black Lives Matter"-Bewegung zusammen, sagt Mathis Raabe. (imago images / POP-EYE)

Black Metal zugunsten von "Black Lives Matter"? Die klare Haltung des Projekts Zeal & Ardor gegen Rassismus sei sehr ungewöhnlich, sagt Musikjournalist Mathis Raabe. Denn Black Metal sei oft selbst rassistisch und rechtsextrem.

Black Metal ist eine Form des Heavy Metal, die die dunklen Seiten besingt: heidnische, mythische Themen, gekennzeichnet auch durch einen krächzenden Gesang. Und Black Metal wird meist von Bands aus Skandinavien gespielt.

Black Metal und "Black Music" trennen eigentlich Welten

Der Black Metal ist ein Stil, der wenig mit sogenannter Black Music zu tun hat, also mit Musik, die von Schwarzen Menschen geprägt wurde und bis auf die Sklaverei in Amerika zurückgeht. Eine Ausnahme bilde Zeal & Ardor, ein Projekt des Schweizer Musikers Manuel Gagneux, erklärt der Musikjournalist Mathis Raabe: Musik im Metal-Stil, aber mit Texten über das Leid der Afroamerikaner.

Vor wenigen Wochen ist neue Musik von Zeal & Ardor erschienen, und sie bezieht sich ausdrücklich auf die "Black Lives Matter"-Proteste, die im Sommer 2020 rassistische Polizeigewalt anklagten. Für eine Black-Metal-Veröffentlichung sei das sehr ungewöhnlich, betont Raabe, "weil in der Geschichte des Black Metal bisher viele prägende Vertreter eher selbst durch Rassismus und Rechtsextremismus aufgefallen sind."

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Das bekannteste Beispiel dafür sei Varg Vikernes von Burzum. "Er ist in den frühen 90ern durch viele extreme Interviewaussagen aufgefallen." Und als er später im Gefängnis saß für den Mord an einem anderen Black-Metal-Musiker, habe er die rechtsextreme Organisation "Allgermanische Heidnische Front" gegründet.

Rechtsextreme Ideologie "germanisch" verbrämt

Die Anhänger der Organisation hätten ein "germanisches Neuheidentum" vertreten, "das heißt, sie interessierten sich für Kultur und Mythologie aus einer Zeit vor dem Christentum, genauer gesagt für Kultur und Mythologie der Germanen." In dieser rechtsextremen Auslegung bedeute das, so Raabe:

"Sie halten die Nachfahren germanischer Stämme für anderen Menschen überlegen und das Christentum und Judentum für Kräfte, die ihre so wahrgenommene natürliche Stärke einschränken wollen. Sie wollen diese von ihnen als homogen wahrgenommene vorchristliche Kultur wiederbeleben."

Nach eigenen Angaben der Gruppierung sei die "Allgermanische Heidnische Front" aufgelöst, so Raabe. "Aber Varg Vikernes bringt diese Ideologie bis heute in Umlauf auf Twitter und in Blog-Posts."

Kreativer Anstoß: eine rassistische Beleidigung

Satanismus sei ein Leitmotiv im Black Metal. Für einige norwegische Black-Metal-Musiker Anfang der 1990er Jahre sei das primär ein Mittel gewesen, die protestantisch geprägte Öffentlichkeit zu provozieren, sagt Raabe. Andere seien aber bei dieser rechtsextremen Auslegung von vorchristlicher Mythologie gelandet. Heute gebe es eine lose zusammenhängende Szene von Bands, die den Begriff "Nationalsozialistischer Black Metal" als Selbstbezeichnung verwende. Varg Vikernes sei für sie eine Art Kultfigur.

Das Projekt Zeal & Ardor des Schweizers Manuel Gagneux sei 2013 durch eine rassistische Beleidigung angestoßen worden, die der Musiker erfuhr. Im Internet habe Gagneux, der selbst Schwarzer sei, dazu aufgerufen, ihm Musikgenres für seine nächsten Arbeiten vorzuschlagen. Neben "Black Metal" erhielt er auch rassistisch formulierte Vorschläge, sich doch der Musik von Menschen afrikanischer Abstammung zuzuwenden.

Gangneux habe darauf reagiert, indem er Black Metal mit sogenannter Black Music kombinierte: "Hoher, krächzender Schreigesang und Gitarren, die flächig zu Walls-of-Sound-abgemischt sind, treffen auf Einflüsse aus den Anfängen sogenannter Black Music." Dabei habe Gagneux an sogenannte "Work Songs" afroamerikanischer Sklaven angeknüpft. 

Emotionale Ausdruckskraft mit produktivem Inhalt

Mit der neuen Veröffentlichung "Wake of a Nation" sei das Projekt inhaltlich in der Jetztzeit angekommen, so Raabe. Auf dem Opener gehe es etwa um aktuelle und zurückliegende Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA. Mit ihnen steht die "Black Lives Matter"-Bewegung in Verbindung.

Extreme Metal-Spielarten eigneten sich, um extreme Gefühle auszudrücken, wie etwa Wut im Death Metal und Verzweiflung im Black Metal, erklärt Raabe. Die große Leistung von Manuel Gagneux und seinem Projekt Zeal & Ardor liege darin, dass "die enorme Ausdruckskraft von dieser Black-Metal-Ästhetik jetzt einem Inhalt zugeführt wird, der produktiv ist, wo man guten Grund hat, verzweifelt oder wütend zu sein".

(abr)

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