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Interview | Beitrag vom 09.08.2018

ZDF-Film "Tod auf Raten" Durch Pflege in der Armutsspirale?

Susanne Hallermann im Gespräch mit Ute Welty

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Im ZDF-Fernsehfilm "Tod auf Raten": Annett Gräber (Veronica Ferres, r.) und Monika Winter (Janina Elkin, l.) bringen Ronald Gräber (Oliver Stokowski, M.) ins Pflegeheim. (ZDF/Jan Fehse)
"Tod auf Raten": Annett Gräber (Veronica Ferres, r.) und Monika Winter (Janina Elkin, l.) bringen Ronald Gräber (Oliver Stokowski, M.) ins Pflegeheim. (ZDF/Jan Fehse)

Wenn man einen Angehörigen pflegt, entlastet man den Staat und rutscht unter Umständen in Hartz IV, beklagt Susanne Hallermann, Gründerin der Initiative "Armut durch Pflege". Der ZDF-Film "Tod auf Raten" mit Veronica Ferres macht die Pflege zum Thema.

Ute Welty: Man kann sie mögen oder auch nicht, aber Tatsache ist, Veronica Ferres gehört zu den bekanntesten und bestbezahlten deutschen Schauspielerinnen. Heute Abend zeigt das ZDF einen Film mit ihr, der so gar nichts mit Glanz und Glamour zu tun hat: Es geht um den Ruin einer Frau, die ihren Mann pflegt beziehungsweise pflegen lassen muss. "Armut durch Pflege", das ist auch das Thema für Susanne Hallermann. Sie hat die gleichnamige Initiative gegründet, die die Anliegen von Pflegenden unterstützen will. Die ausgebildete Krankenschwester hat sich selbst jahrelang um Großmutter und Vater gekümmert und musste irgendwann von Hartz IV leben. Guten Morgen, Frau Hallermann!

Susanne Hallermann: Schönen guten Morgen nach Berlin, Frau Welty!

Im ZDF-Film "Tod auf Raten": Annett Gräber (Veronica Ferres, l.) holt ihren Mann, Ronald Gräber (Oliver Stokowski, r.), aus dem Boxclub und beschimpft seine Freunde. (ZDF/Jan Fehse)In dem Film "Tod auf Raten" hat der ehemalige Boxer Ronald nach einem Unfall sein Kurzzeitgedächtnis verloren. (ZDF/Jan Fehse)

Welty: In dem Film heute Abend geht es um einen besonderen Fall, nämlich um eine Krankheit, die von der Pflegekasse nicht anerkannt wird und die die Kosten der Pflege deswegen nicht übernimmt. Wie sehr sind generell Menschen, die pflegen, von Armut bedroht?

Hallermann: Bedroht und betroffen – ja, sehr viele, sonst hätten wir nicht dieses Thema zum Schwerpunktthema der bundesweiten Interessenvertretung für Pflegen gemacht. Es haben sich Betroffene gemeldet und haben gesagt, das ist das, wo uns am meisten der Schuh drückt, in Armut zu geraten, obwohl ich 63 Stunden in der Woche pflege, im Endeffekt oftmals in Hartz IV landen zu müssen mit den entsprechenden Folgen. Von daher ist dieses Beispiel heute Abend so ein Beispiel, das wirklich das System des Systems aufzeigt und auch mal eine Pflegesituation darstellt, wo man nicht alt und dement und gebrechlich im Bett liegt, sondern eben auch die ganzen anderen Möglichkeiten der Paletten aufzeigt und wo man so durchs System rutschen kann, wenn es nicht eingruppiert wird zum Krankheitsbild.

Welty: Wie hat sich denn Ihr Leben verändert in der Zeit, als Sie die Angehörigen gepflegt haben?

Hallermann: Ja, ganz radikal geändert, sozial sehr abgerutscht, ähnlich wie eben heute Abend dann bei Veronica Ferres zu sehen. Man ist einmal sozial sehr isoliert, aber eben auch finanziell in der Armutsspirale. Bei mir war es so, dass ich meinen Beruf aufgeben musste und dann auch von einem auf den anderen Tag in Hartz IV gerutscht bin, so wie es eben zigtausenden Menschen geht hier in Deutschland. Das hören wir eben von unserer Initiative gegen Armut durch Pflege tagtäglich über alle Kanäle - Webseiten, Facebook, Twitter, Briefe -, die wir bekommen, Telefonate. Das kann einem ganz, ganz leicht passieren, und es ist schön zu sehen, dass das Fernsehen auch mal eine Situation aufgreift einer betroffenen Familie, wo es eben so, ich sag mal im Mittelalter spielt – der betroffene Mann ist ja noch nicht alt und dement.

"Wenig Entlastungsmöglichkeiten für betroffene Familien"

Welty: Jetzt sind Sie vom Fach als ehemalige Krankenschwester. Was widerfährt denn denjenigen, die über wenig bis gar kein Fachwissen verfügen?

Hallermann: Ja, das ist auch ein ganz, ganz großes Defizit, was uns pflegende Angehörige tagtäglich rückmelden, dass es so schwierig ist, unabhängige, ausreichende Informationen zu bekommen. Das ist wirklich ein Pflegedschungel, in dem man sich da befindet. Man ist überfordert, weil es ja oftmals um Menschen geht, die man auch lieb hat und wo man das Beste geben möchte und sich wirklich erst mal auf den Weg machen muss, um das System kennenzulernen und die ausreichenden Hilfen zu bekommen, und das ist eben schwierig. Und auch das wird ja heute Abend gezeigt, wie wenig Entlastungsmöglichkeiten es gibt für betroffene Familien, die alterskompatibel sind, die man nutzen kann. Wenn ich einen Jugendlichen pflege und betreue oder ein autistisches Kind, da gibt es wenig Kurzzeitpflegeeinrichtungen oder Möglichkeiten der Entlastung für die pflegenden Familien.

"Pflege müsste gesamtgesellschaftlich finanziert werden"

Welty: Hilft die Einführung einer Pflegezeit analog zur Elternzeit weiter?

Hallermann: Ja, es gilt auf jeden Fall, andere Systeme anzudenken, denn so, wie es jetzt ist, muss man wissen, dass über 75 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen in Deutschland familiär gepflegt werden - über drei Viertel - und die Familien damit wirklich alleine gelassen werden. Und wenn die Politik sagt, Familie ist uns wichtig, ähnlich wie bei Elternzeit, oder wie wichtig es uns ist, mit Kindern ein gutes Familienleben zu gewährleisten, dann muss man das auch für die Pflege andenken, und man muss wirkliche Rechtsansprüche auf soziale Absicherung, Entlastung und Unterstützung einführen. Pflege ist uns allen wichtig, und das hört man ja immer mehr, und dadurch auch, dass jetzt Veronica Ferres und das ZDF solche Themen aufgreifen – Pflege ist ein gesamtgesellschaftliches Thema und müsste auch gesamtgesellschaftlich finanziert werden und nicht nur zulasten der Familien geschultert werden.

"Man entlastet den Sozialstaat in Milliardenhöhe"

Welty: Welche politischen Forderungen verbinden Sie mit dieser Feststellung?

Hallermann: Also wir, das sind immer die Betroffenen. Die größte und wichtigste Forderung der Betroffenen ist, kein Hartz IV, also dass man in Hartz IV abrutscht, hat Folgen in der Pflegesituation, die oftmals bis zu neun Jahren im Durchschnitt dauert, aber auch Folgen nach der Pflegesituation: Ich bin dann immer noch in Hartz IV. Man hat minimalistische Rentenabsicherung, man entlastet den Sozialstaat in Milliardenhöhe und landet in Hartz IV. Also das müsste sofort komplett abgeschafft werden. Und dann ist es nötig, dass man Pflege anders denkt und auch anders finanziert - und zwar solidarisch.

Welty: Die Pflegeversicherung alleine reicht nicht aus?

Hallermann: Die Pflegeversicherung alleine reicht definitiv nicht aus, es ist noch nicht mal eine Teilkostenversicherung, so wie man sagt – das kennt man ja vom Auto vielleicht, Teilkasko, da weiß ich aber immer, was ich noch an Eigenbedarf zuzahlen muss. Das weiß ich in der Pflege nicht. Und es ist so, dass über zwei Drittel der Pflegekosten von den Familien geschultert werden müssen. Dazu kommt, dass man oftmals nicht berufstätig sein kann, finanziell abrutscht, und da trifft einen die doppelte Schere.

Welty: "Armut durch Pflege", so heißt die Initiative, die Susanne Hallermann gegründet hat, und der Film zum Thema mit Veronica Ferres in der Hauptrolle, der läuft heute Abend um 22:30 Uhr im ZDF. Frau Hallermann, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!

Hallermann: Wir danken auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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