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Fazit | Beitrag vom 21.10.2020

"Zdenek Adamec" am Deutschen TheaterDer seltsame Heilige

Von Michael Laages

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Drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler sitzen und stehen in einem Klassenzimmer mit Ikonen an der Wand. (Arno Declair)
Die Figur des Zdenek Adamec ist nuancenreich gestaltet, nichts ist wahr, alles denken die Figuren hinein in den jungen Mann vom Wenzelsplatz. (Arno Declair)

Nach der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen inszeniert Jossi Wieler den neuen Handke in Berlin. Ein reines Denk- und Grübel-Stück, sagt unser Kritiker. Im Fremdeln mit der Gegenwart ist die Inszenierung aber purer Peter Handke.

Sechs Personen suchen eine historische Persönlichkeit. Viel wissen sie nicht: Dass er Zdenek Adamec hieß, ein 18-jähriger Junge aus entlegener dörflicher Provinz im tschechischen Böhmen war und sich am 6. März 2003 auf dem Wenzelsplatz in Prag verbrannt hat. Kein aktuelles Motiv war seither zu ermitteln – der Junge starb aus Widerwillen gegen die Welt, wie sie war und ist.

Einen Theaterabend lang versuchen die Figuren in Peter Handkes jüngstem Stück, diesem rätselhaften Selbstmörder auf die Spur zu kommen; genauer: auf viele Spuren. Denn Handke, der Autor, breitet viele denkbare Beweggründe aus, aber nichts davon ist sicher. "Woher weißt Du das?", fragt immer wieder einer oder eine die anderen. Handkes durchweg eher finstre Zeitgeistereien lassen den realen Adamec in immer neuen Facetten erscheinen.

Nichts ist wahr

Wollte er Märtyrer sein? Oder ein potenzieller Öko-Terrorist? War er gar ein früher, weit fundamentalistischerer Vorfahr der Greta-Thunberg-Jugend von heute? Nichts ist wahr, alles denken die Figuren hinein in den jungen Mann vom Wenzelsplatz. Von Mutter und Vater im böhmischen Dorf ist die Rede, von Familie und Gesellschaft – und immer seltsamer wird das Bild vom Heiligen, der sich abwendet von der Welt.

In vielen Passagen klingt der fundamental pessimistische Anti-Modernismus des Autors Handke mit – je einsamer und jenseits von der Welt er ist, desto intensiver lebt er. Und wenn die Katastrophen kommen, so sagt eine dieser Handke-Figuren, wird sie sogar zu tanzen beginnen.

Die Katastrophe ist da

Ein reines Denk- und Grübel-Stück ist das. Und anders als in Salzburg, wo (wie zu lesen und zu hören war) die Uraufführungs-Regisseurin Friederike Heller dem Text so viel Leben wie möglich einzuimpfen versuchte, sogar unter Zuhilfenahme einer Band, verzichtet Jossi Wieler jetzt in Berlin völlig auf derlei Zutaten.

Eine Band gibt’s nicht, aber die sechs Figuren selber sind offenbar Musiker, mit Instrumentenkästen im Gepäck. In einem womöglich kirchlichen Raum sind sie versammelt, wo Bühnenbildner Jens Kilian haushohe Heiligenbilder an die Wände appliziert hat. Aber das Sextett sitzt auch wie an Wirtshausbänken, und nur kurz vor Schluss holt eine das Cello hervor. Vielleicht warten die Musiker ja auf das Gedenkkonzert, das sie für Zdenek Adamec geben sollen. Am Schluss fährt die Bühne in drei Bruchstücke auseinander – die Katastrophe ist da.

Mit Handke denken lernen

So setzt Jossi Wieler, stets ein Meister der Zurückhaltung, ganz auf die Wirkung des erzählenden Textes und das DT-Ensemble (mit Regine Zimmermann, Felix Goeser und Bernd Moss, Lorena Handschin, Marcel Kohler und Linn Reusse) geht ganz und gar auf in Suchbewegungen: Wer und was war dieser Zdenek Adamec?

Viel zu schnell wird ja viel zu apodiktisch über den Autor Handke geurteilt, zuletzt noch einmal nach dem (völlig verdienten) Nobelpreis – dieser Abend jetzt ist für all jene, die immer noch mit Handke denken lernen mögen.

"Zdenek Adamac" von Peter Handke
Regie: Jossi Wieler
Deutsches Theater Berlin

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