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Tonart | Beitrag vom 23.06.2021

Zarah LeanderFaszination für einen umstrittenen Filmstar

Tim Fischer im Gespräch mit Mathias Mauersberger

Schwarz-Weiß-Bild der Schauspielerin Zarah Leander mit einem großen Hut aus dem deutschen Film "Der Blaufuchs" von 1938 (picture-alliance / akg-images / akg-images)
Dass Zarah Leander nach Kriegsende nicht eingeräumt hat, dass sie sich hat vom NS-Regime benutzen lassen, sei "sehr, sehr traurig", sagt Chansonnier Tim Fischer. (picture-alliance / akg-images / akg-images)

Die Schauspielerin Zarah Leander war das Aushängeschild des NS-Propagandafilms. Ihr Zusammenwirken mit dem Regime habe sie zu wenig hinterfragt, kritisiert der Chansonnier Tim Fischer. Dennoch fasziniert sie ihn auch 40 Jahre nach ihrem Tod.

Zarah Leander war eine der erfolgreichsten Sängerinnen und Schauspielerinnen der 1930er- und 1940er-Jahre. Die gebürtige Schwedin machte erst in ihrer Heimat Karriere, zog dann nach Berlin und wurde im nationalsozialistischen Deutschland ein Filmstar. Zehn Filme hat Zarah Leander für die UFA in Potsdam-Babelsberg gedreht.

Nach dem Kriegsende gelang ihr dann ein Comeback. Heute vor 40 Jahren starb die umjubelte und zugleich umstrittene Künstlerin.

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Der Chansonnier Tim Fischer hat seine eigene Karriere 1991 mit einem Zarah-Leander-Programm in Hamburg begonnen. Nun, 30 Jahre später, gestaltet er auf St. Pauli den Abend "Ich bin Leander - Zarah auf Probe". Er schlüpft in die Rolle der Sängerin und Schauspielerin.

Ihn interessiere genau das Ambivalente an der Figur Zarah Leander, sagt Fischer. Er sei ihr als kleiner Junge mit elf Jahren "verfallen", als er sie im Fernsehen gesehen habe. Ihre ungewöhnlich tiefe Stimme habe seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. "Und dass sie einen weiblichen Vornamen hatte und einen männlichen Nachnamen, das hat die Menschen in dieser Zeit fasziniert und gereizt – mich eben auch."

Für das aktuelle Stück habe er sich wieder mit der Kunst und dem Repertoire von Zarah Leander auseinandergesetzt und festgestellt, "dass sie mich wieder total begeistert hat". Besonders ihre "ganz eigene Weise", in der sie die Stücke interpretiert habe, die für sie geschrieben worden seien.

"Sie lebte auch in einer Blase"

Zarah Leander bezeichnete sich selbst als unpolitisch, was angesichts ihrer Verstrickung mit dem NS-System fast wie eine Schutzbehauptung wirkt: 1937 unterschrieb sie in Deutschland einen Vertrag bei der UFA GmbH für zehn Propagandafilme des nationalsozialistischen Regimes. Die Schauspielerin ging bei NS-Propagandaminister Joseph Goebbels ein und aus und wurde von ihm als Ersatz für Marlene Dietrich aufgebaut, die nach Hollywood emigriert war. Außerdem sang Zarah Leander für die Wehrmacht.

Eine Frau mit roten Locken in schwarzer Federboa schaut nach oben. (Tine Acke)Tim Fischer als Zahra Leander am St. Pauli Theater. (Tine Acke)

Eine Opportunistin sei sie aber nicht gewesen, sagt Tim Fischer. Sie sei – wie viele Skandinavier in der Zeit – nach Deutschland gekommen, um Geld zu verdienen und Karriere zu machen.

"Sie lebte auch in einer Blase. In Babelsberg wurden die Stars der damaligen Zeit total abgeschirmt." Sie habe sich nie frei bewegen können. Wenn sie etwa ins KaDeWe einkaufen ging, wurde das Kaufhaus geschlossen und sie durchgeführt.

"Exemplarisch für eine ganze Generation"

"Dass sie sich später nicht positioniert hat und gesagt hat, ich habe einen Fehler gemacht, habe mich benutzen lassen von einem System, das ist sehr, sehr traurig."

Sie habe dichtgemacht und gesagt, sie habe nichts gewusst von den Verbrechen im Nationalsozialismus. Sie habe gesagt, dass sie einfach Kunst gemacht habe, und dann gefragt, was Kunst mit Politik zu tun habe. Sie habe sich als "politische Idiotin" bezeichnet, so Fischer. "Mit dieser Haltung steht sie leider Gottes exemplarisch für eine ganze Generation."

Diese Ambivalenz der Figur Zarah Leander werde auch in seinem aktuellen Stück thematisiert, erklärt Tim Fischer. Darin geht es um ihr Comeback nach einer fünfjährigen Zwangspause. Leander war 1942 heimlich nach Schweden zurückgekehrt, galt dort aber als Kollaborateurin und erhielt deshalb ein fünfjähriges Auftrittsverbot.

(abr)

Das Stück "Ich bin Leander - Zarah auf Probe" mit Tim Fischer läuft wieder im September 2021 im St.-Pauli-Theater in Hamburg. 

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