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Zeitfragen | Beitrag vom 15.08.2019

Zank in BeziehungenProduktiver streiten - gewusst wie!

Von Karolin Knappe

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Illustration eines Paares, das einander mit verschränkten Armen gegenüber steht. (imago/Ikon Images/Mark Air)
Nicht immer ist in Beziehungen alles eitel Sonnenschein. Gute Streitkultur kann eine Beziehung stabilisieren. (imago/Ikon Images/Mark Air)

Eine Beziehung ohne Konflikte gibt es nicht. Psychologen können recht genau vorhersagen, wann sich ein Paar trennt und weshalb. Häufig liegt es daran, dass sie nicht richtig streiten.

Streit unter Paaren ist ein äußerst beliebter Stoff für Bücher und Filme. In der ARTE-Kurzserie "Paare" sitzen Heike Makatsch und Fahri Yardim auf der Couch eines Therapeuten. Beide spielen ein Pärchen, das aus seinem Beziehungsalltag erzählt. "Ich will keinen Mann, der in einer knallengen Badehose durchs Freibad stolziert und sich von den ganzen jungen Flittchen angaffen lässt", giftet die Schauspielerin. "Ich kann doch anziehen, was ich will", kontert Yardim. Und so mancher Zuschauer dürfte sich in diesem Dialog wiederfinden.

Die Szenen der Serie zeigen Paare, die einander ins Wort fallen, sich gegenseitig abwerten oder Vorwürfe machen. Die einander verfolgen oder sich dem anderen entziehen. So geht richtiges Streiten nicht, doch sie sind typische Verhaltensmuster. Der US-amerikanische Psychologe John Gottmann nannte sie die "vier apokalyptischen Reiter" der Paarinteraktion.

Paare im Labor

An Gottmans Forschung kommt heute niemand vorbei, der Paarinteraktionen erforscht, meint der Freiburger Psychologe Christian Roesler, der im vergangenen Jahr ein aktuelles Lehrbuch zu Paarproblemen und Paartherapie herausgegeben hat: "Gottman hat schon in den 1970er-Jahren in Seattle begonnen, in einem so genannten Paarlabor die Paare in ihrem Alltagskontext zu untersuchen."

Dabei habe er verschiedene Dimensionen erfasst, wie die Art der Streitgespräche. Zugleich wurden Stresshormone oder Herzschlag gemessen. Und Gottman beobachtete die Paare über lange Zeiträume. "Er konnte sehr genau sagen, welche Merkmale von Paaren mit einer späteren Trennung zusammenhingen", so Roesler.

Reden allein hilft nicht

Gottmans Forschung ist nicht ohne Kritik geblieben. Andere Wissenschaftler, die seine Ergebnisse wiederholen wollten, konnten die Trennung nicht so zuverlässig vorhersagen. Dennoch stürzten sich vor allem Verhaltenstherapeuten die "vier apokalyptischen Reiter", also auf die von Gottman proklamierten Todsünden der Kommunikation: Kritik, Verleugnung, Verachtung und Mauern, und boten Paaren in Krisen Kommunikationstrainings an.

Christian Roesler hält das aber für kontraproduktiv: "Wenn man solche Kommunikationstrainings macht mit Paaren, die schon länger ernstere Konflikte haben, dann hilft das denen nicht nur nicht, sondern es kann die Situation sogar verschlimmern." Man suggeriere ihnen, dass das bloße Sprechen die Probleme löse. Doch das funktioniere nicht, wenn die zerstrittenen Paare ihre Emotionen nicht regulieren könnten.

Eigentlich, meint Roesler, habe Gottman etwas viel Wichtigeres benannt. Er habe den zentralen Grund benannt, was bei Paaren falsch laufe, die sich später trennen oder langanhaltende Konflikte haben. "Es ist das Management von negativen Affekten."

Stress gemeinsam ertragen

Das kann der amerikanische Sozialwissenschaftler Joseph Grenny nur bestätigen. Er hat fast 1000 Paare dazu befragt, wie glücklich sie in ihrer Partnerschaft sind – und wie sie mit strittigen Themen umgehen. Eines der bemerkenswertesten Ergebnisse: Paare, die von einer guten Streitkultur in ihrer Beziehung berichten, sind glücklicher. "Zehnmal glücklicher als diejenigen, die strittige Themen eher vermeiden", so Grenny.

Den Aspekt des Stresses hat der Schweizer Psychologe Guy Bodenmann weitergeführt und ein Modell des sogenannten "Dyadischen Coping" entwickelt. Seine Idee: Damit ein Paar stabil und zufrieden ist, braucht nicht nur jeder Einzelne Fähigkeiten im Umgang mit Stress, sondern auch das Paar gemeinsam.

Und tatsächlich: Stabil-zufriedene Paare unterscheiden sich in seiner Studie dadurch, dass sie von weniger paarbezogenem Stress berichten und gleichzeitig mehr Vertrauen in gemeinsame Bewältigungsstrategien zeigen. Wie Paare also gemeinsam Stress bewältigen, ist laut dieser Theorie entscheidend für die Qualität ihrer Beziehung.

Sich in den anderen hineinversetzen

Aber wie geht Streiten dann richtig? Ein zentraler Punkt, um aus einem Streit wieder herauszufinden, ist die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten, einander wieder zuzuhören und zu versuchen zu verstehen, warum der andere so handelt, wie er handelt – welche Gefühle, Wünsche oder Überzeugungen hinter seinem Handeln stehen. Diese Fähigkeit nennen Psychologen "Mentalisierung". Sie könne der zentrale Schlüssel innerhalb der Interaktion von Paaren sein, meint Christian Roesler.

Dazu macht der Freiburger Psychologe gerade eine Studie mit Paaren, die in Beratung sind. Dabei fordert er sie auf, etwa zwanzig Minuten über das derzeit schwierigste Thema in ihrer Beziehung zu sprechen. "Damit wollen wir ein Konfliktverhalten auslösen, das wir beobachten können", so Roesler.

Produktives Streiten hilft

Die Wissenschaftler untersuchen, ob die Partner gegenseitig aufnehmen, was der andere sagt. Ob sie sich bemühen, sich in den anderen hineinzuversetzen. "Und das versuchen wir dann zu korrelieren mit dem Ergebnis der Paarberatung."

Die These der Psychologen ist, dass ein Paar, das zufriedener und stabiler aus der Beratung geht, zweierlei gelernt hat: Weil es die Position des anderen nachvollziehen und gleichzeitig die eigene Position deutlich machen kann. Auf diese Weise können Partner Abstand gewinnen – und damit neue Handlungsoptionen.

Streiten wird so nicht zerstörerisch, sondern produktiv.

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