Seit 01:05 Uhr Tonart

Sonntag, 16.12.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 19.04.2012

Zahlenspiel mit der Intelligenz

Vor 100 Jahren stellte der Psychologe William Stern seine Formel für den IQ vor

Von Martin Tschechne

Bloß Zahlen: William Stern war stets der Ansicht, der Intelligenzquotient dürfe niemals dazu dienen, über Lebenswege zu entscheiden.
Bloß Zahlen: William Stern war stets der Ansicht, der Intelligenzquotient dürfe niemals dazu dienen, über Lebenswege zu entscheiden.

Kein messbarer Wert hat so viele Lebenswege bestimmt wie der Intelligenzquotient - die weltweit anerkannte Maßzahl für geistige Fähigkeiten. Am 19. April 1912 hat der deutsche Psychologie William Stern seine Formel zur Berechnung des IQ vorgestellt - und war damit fortan eher unglücklich.

Wenn er es gekonnt hätte – am Ende seines Lebens hätte William Stern wohl vieles darum gegeben, seine Erfindung wieder rückgängig zu machen. Am 19. April 1912 hatte er auf dem "Kongress für experimentelle Psychologie" in Berlin die Formel für den Intelligenzquotienten vorgestellt, den IQ, das bis heute erfolgreichste und populärste Konzept seiner Wissenschaft. Aber genau daraus ergab sich das Problem:

"Aus der Intelligenzforschung hat sich ein Bereich entwickelt, dem Stern skeptisch gegenüberstand: Er sah das Messen in der Psychologie, und dazu gehört natürlich auch der Intelligenzquotient, nur als eine Annäherung an das, was Personen ausmacht."

Was der Braunschweiger Psychologe Werner Deutsch hier für William Stern konstatierte, ist ein Problem wohl jeder Wissenschaft: Was nämlich bleibt von den Ideen, wenn sie dem Alltag begegnen? Das Konzept der Intelligenz ist da ein typisches Beispiel.

Schon 1905 hatte der Franzose Alfred Binet aus Zahlenverständnis, Sprache und räumlicher Vorstellung eines Gegenüber auf dessen kognitive Fähigkeiten geschlossen. Das war der erste Intelligenztest. Sein Pferdefuß: Es war schwierig, die Resultate solcher Sitzungen zu verallgemeinern. Dabei half Sterns Formel. Sie schlug vor, Intelligenz in einem Quotienten auszudrücken – einer statistischen Maßzahl, die keine absoluten Werte wiedergibt, sondern nur die Position des einzelnen im Vergleich zu einer angenommenen Gesamtheit. Der Durchschnitt ist auf 100 geeicht; 15 Punkte darüber oder darunter liegen zwei Drittel aller Menschen, die den Test bearbeitet haben.

Das komplexe Wesen der Intelligenz hatte Stern an seinen Kindern studiert. Auf fast 5000 Seiten hielten er und seine Frau Clara jeden Fortschritt im Denken fest – und noch in hohem Alter erinnerte sich die Tochter Eva an ihre Kindheit im Hause des Psychologen:

"Zum Beispiel fragt er die Kinder, wenn Obst auf dem Tisch steht: Hier ist eine Pflaume, und da ist ein Apfel – was ist der zusammenfassende Begriff für diese beiden, na, er hat nicht gesagt "Früchte", denn er wollte von uns, dass wir also das herausfinden. Diese Art Fragen hatte ich deswegen sehr ungern, weil meine Schwester war fünf Jahre älter als ich, und mein Bruder zweieinhalb Jahre älter als ich, und sie waren infolgedessen natürlich schneller und wahrscheinlich auch besser mit ihren Antworten als ich. Und da hatte ich natürlich manchmal das Gefühl, also ich bin vielleicht das Dummerchen in der Familie, und die Geschwister sind die Intelligenteren."

Aber Stern war ein liebevoller Vater; für die Kinder blieben seine Studien ein Spiel. Er testete nicht, und was er schon gar nicht tat: Er fällte auf der Grundlage von Testwerten keine Urteile. Genau das aber taten nun andere. Denn plötzlich war alles ganz leicht. Der amerikanische Psychologe Lewis Terman entwickelte Tests, in denen ein paar Kreuze auf einem Fragebogen genügten. Er testete Millionen von Rekruten im Ersten Weltkrieg, später Hochbegabte, Berufseinsteiger, Anwärter auf jeden erdenklichen Posten. Das Verfahren wurde zu einem Instant-Verfahren. Sage mir deinen IQ, und ich sage dir, wer du bist.

Mit Sterns Ideen hatte das nicht mehr viel zu tun. In seinem Weltbild spielte der Mensch als Ganzes die Hauptrolle. Zahlen, so meinte er, durften nur der Orientierung dienen, nie aber dazu, über Lebenswege zu entscheiden.

1933 warfen die Nazis den Juden Stern aus seinem Institut an der Universität Hamburg. Er floh in die USA. 1937, im Jahr vor seinem Tod, besuchte ihn dort sein Sohn, der unter dem Pseudonym Günther Anders ein berühmter Philosoph geworden war – und sich später an eine Lebensbilanz von geradezu tragischer Bitterkeit erinnerte:

"Es war ein Gespräch, in dem er mir darüber klagte (sogar höhnend klagte, was bei ihm, dem viel zu Versöhnlichen, leider viel zu selten geschah), wie unintelligent die Mehrzahl der in den USA hunderttausendfach von Geistlosen erfundenen und verwendeten IQ-Fragen waren. "Die Annahme, dass Anstreichenkönnen Denkenkönnen beweise", meinte Vater damals, "verrät den tiefsten IQ und ein totales Bildungsmanko."

Kalenderblatt

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur