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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.11.2011

Zahlenmystiker und Kopfakrobaten

Alex Bellos: "Alex im Wunderland der Zahlen", Bloomsbury Verlag, Berlin 2011

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Mit Mathematik können viele Menschen nichts anfangen. Zu Unrecht, sagt Alex Bellos. (AP)
Mit Mathematik können viele Menschen nichts anfangen. Zu Unrecht, sagt Alex Bellos. (AP)

Alex Bellos begeistert seine Leser für die Welt der Mathematik mit lockeren Geschichten über Schimpansen, Ameisen, Origami-Künstler und Indianer. Auch vor schwierigen Fragen wie der Quadratur des Kreises macht er nicht Halt.

3,14159265358979323846... Hunderttausend Stellen der Zahl Pi kann der Japaner Akira Haraguchi auswendig hersagen, das ist Weltrekord. Sechzehn Stunden benötigt der Mann für diesen Herkulesakt, wobei er alle zwei Stunden eine kleine Pause einlegt, um sein Hirn mit Reisbällchen fit zu halten.

Betont locker kommt das neue Buch des Mathematikers und Journalisten Alex Bellos daher: "Alex im Wunderland der Zahlen" möchte für die Welt der Mathematik begeistern, und von der ersten Seite an macht der Autor seinen Job so gut, dass man ihm widerstandslos auf jenes Terrain folgt, das für viele seit der Schulzeit vermintes Gelände darstellt.

Wie es sich für ein populärwissenschaftliches Buch gehört, arbeitet der Autor kein Lexikonwissen ab, sondern verwebt - mal amüsant, mal nachdenklich, mal wild und assoziativ - Geschichte und Geschichten, Fakten und Persönliches und findet im Reich des Rechnens, von der Kulturgeschichte des Zählens über Algebrakünststücke bis hin zur Macht des Zufalls, seine eigene Ordnung.

Die Rechenleistungen der Tiere liefern den Einstieg ins Thema. Schimpansen begeistern Forscher mit ihrem fotografischen Gedächtnis, erzählt Alex Bellos. In Sekundenbruchteilen merken sich die Tiere Zahlenreihen, die wir nicht einmal bewusst erblicken. Wüstenameisen zählen präzise ihre Schritte, die sie vom Nest weg und wieder dorthin zurückführen.

Der Umgang des Menschen mit exakten Zahlen ist mit rund zehntausend Jahren relativ jung. Allerdings gibt es bis heute Völker, die sich wenig darum scheren. Voller Liebe zum Detail erzählt der Autor von seinem Freund, einem Ethnologen, der regelmäßig im tropischen Regenwald bei den Munduruku-Indianern einkehrt. Dort zählt man schlicht "eins, zwei, viele", damit hat sich das.

So leicht kommt man bei Alex Bellos nicht davon, der sich im Laufe seines Buches auch an härtere Angelegenheiten wagt. Man lernt, was rationale, irrationale und transzendente Zahlen voneinander unterscheidet, warum die Quadratur des Kreises eine mathematische Unmöglichkeit darstellt, wie sich das Duodezimalsystem vom Dezimalsystem unterscheidet und was es mit der Recamán-Folge auf sich hat.

Da füllen Rechenbeispiele mit ihren Zahlenkolonnen auch gerne mal eine ganze Seite. Doch sobald der Kopf raucht, wechselt Alex Bellos mit feinem Gespür für das dem Laien Zumutbare wieder den Ton. Dann reist er mit durch die Welt, besucht verschrobene Zahlenmystiker, geometrieversessene Origami-Künstler und Kopfakrobaten auf der Suche nach Lösungen für ungelöste mathematische Rätsel.

Ob man die Mathematik liebt oder bislang einen Bogen darum machte - mit dem hellwachen und erzählfreudigen Alex Bellos Zeit zu verbringen ist eine Freude. Und sollten seine Überredungskünste doch nichts fruchten, kann man sich mit den Amazonas-Indianern trösten. Deren entspannte Zählweise zeigt, was Bellos freimütig eingesteht: Mathe zu betreiben ist Kultur pur und dem Menschen nicht angeboren.

Besprochen von Susanne Billig

Alex Bellos: Alex im Wunderland der Zahlen - Eine Reise durch die aufregende Welt der Mathematik
Bloomsbury Verlag, Berlin 2011
480 Seiten, 24 Euro

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