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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.01.2020

Zahl der Multijobber steigtWenn ein Job nicht mehr ausreicht

Stefan Sell im Gespäch mit Nicole Dittmer

Eine Café-Mitarbeiterin beim Kassieren (imago images / Reporters / Heline Vanbeselaere)
Neben dem Hauptberuf noch im Café jobben: Immer mehr Deutsche haben mehrere Jobs. (imago images / Reporters / Heline Vanbeselaere)

Herrschen auf unserem Arbeitsmarkt bald amerikanische Verhältnisse? Über 3,5 Millionen Menschen in Deutschland haben mittlerweile mehr als eine Arbeitsstelle. Tendenz steigend. Eine beunruhigende Entwicklung, meint Sozialwissenschaftler Stefan Sell.

Über 3,5 Millionen Menschen in Deutschland haben mittlerweile mehr als eine Arbeitsstelle. Die Anzahl der Multi-Jobber hat sich seit 2003 mehr als verdoppelt. Die allermeisten Betroffenen haben einen sozialversicherungspflichtigen Hauptjob und zusätzlich eine geringfügige Beschäftigung – einen Minijob.

"Wir sind auf dem guten Wege, uns an amerikanische Verhältnisse anzunähern", warnt Stefan Sell, Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung an der Uni Koblenz.

Über die Hälfte der Multi-Jobber nennen laut einer Studie der Böckler-Stiftung finanzielle Schwierigkeiten als Grund. 39 Prozent üben in der Nebentätigkeit eher einfache, un­gelernte Tätigkeiten aus. Vor allem im Bereich Transport und Logistik, bei Reinigungsdiensten und in der Gastronomie.

Gewerkschaften fordern Anhebung des Mindestlohns

"Diese Leute versuchen wirklich händeringend, über die Runde zu kommen", sagt Sell. Dabei seien gerade sie "unsere Leistungsträger, die den Laden am Laufen halten. Das ist schon beunruhigend."

Die Linke fordert angesichts der Situation eine Anhebung des Mindestlohns auf zunächst zwölf Euro. Auch DGB-Vize Annelie Buntenbach beklagt die oft prekären Arbeitsbedingungen. Jeder Fünfte sei im Niedriglohnsektor beschäftigt. "Der Mindestlohn ist aber zu niedrig."

Minijobs statt Vollzeitbeschäftigung

Auch Sell befürwortet höhere Einkünfte im Niedriglohnsektor, der bisher von der guten wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt gewesen sei. Dies allein genüge aber nicht. Ein entscheidender Punkt wäre außerdem, mehr Teilzeitkräfte in Vollzeitbeschäftigungen zu bringen. Schließlich gebe es 1,3 Millionen Menschen, "die sagen, sie würden gerne mehr arbeiten, nicht nur in Teilzeit".

In vielen Branchen fände jedoch "reguläre Arbeit oft nur in Form von Minijobs" statt: "Das ist schon durchaus problematisch und hängt zusammen mit dieser besonderen Form des Minijobs, die es in dieser Form nur noch in Deutschland gibt."

(lkn)

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