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Buchkritik | Beitrag vom 05.01.2021

Yvonne Adhiambo Owuor: "Das Meer der Libellen"Aufwachsen zwischen Meer und Moschee

Von Birgit Koß

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Buchcover Yvonne Adhiambo Owuor: "Das Meer der Libellen" (Dumont Buchverlag / Deutschlandradio)
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Entwicklung Ayaanas zu einer selbstbestimmten jungen Frau. (Dumont Buchverlag / Deutschlandradio)

Vor der Küste Kenias wächst Ayaana in einer sehr traditionellen Welt auf. Ihr Studium verschlägt sie nach China. Yvonne Adhiambo Owuor schildert nicht nur den Weg einer jungen Frau zu sich selbst, sondern auch die Auswirkungen der Globalisierung.

Auf der kleinen Insel Pate vor der Küste Kenias lebt 1992 zu Beginn der Geschichte die kleine siebenjährige Ayaana mit ihrer jungen alleinerziehenden Mutter Munira. Das eigensinnige Mädchen hat eine besondere Beziehung zum Meer, genauso wie der alternde Seemann Muhidin, den sie sich eines Tages zum "Vater" erwählt.

Mutter und Tochter sind Außenseiter in dieser kleinen, eng miteinander verwobenen muslimischen Gesellschaft. Doch beide finden selbstbewusst ihren Weg, sich zu behaupten. Ayaana wächst zu einer intelligenten, schönen jungen Frau heran und schafft mit eisernem Ehrgeiz und Muhidins Unterstützung sogar ihren höheren Schulabschluss.

Dschinn der Meere neben dem Imam der Moschee

Yvonne Adhiambo Owuor erzählt märchenhaft mit vielen Bezügen zur Realität. Die Geschichte mäandert gemächlich durch Zeit und Raum, was der alten ostafrikanischen Erzähltradition geschuldet ist. In einer flirrend poetischen Sprache wird das Leben auf der kleinen Insel facettenreich beschrieben.

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Ayaanas Name bedeutet "Geschenk Gottes". Hier haben die Dschinn der Meere und die Geister der Ahnen ihren gleichberechtigten Platz neben dem Imam der Moschee. Immer wieder fließen Sprichwörter auf Kisuaheli in den Text ein, gliedern die einzelnen Kapitel.

Gleichzeitig zeigt die Autorin den Einfluss der globalen Welt auf die kleine Inselwelt. Überfischte Meere durch internationale Fangflotten, islamistische Kämpfer, die versuchen, die Jugend in ihren Bann zu ziehen, die Terroranschläge in Nairobi und Daressalam 1998 und darauf folgende "Säuberungen" durch amerikanische Söldner, der Tsunami von 2004 sowie die Piraten von der ostafrikanischen Küste brechen mit roher Gewalt über die Einwohner von Pate herein.

Als kenianische Kulturbotschafterin nach China

Den zweiten Teil des Romans dominiert die Verbindung zu China. Auf der Insel befinden sich Gräber von Seefahrern aus der Ming-Dynastie, die vor 600 Jahren den Weg über den Indischen Ozean suchten und zum Teil auf Pate gestrandet sind. Im Rahmen eines Kulturaustausches zu diesem Jubiläum wird eine "Nachfahrin" dieser Seefahrer gesucht – und in Ayaana gefunden. So kommt die junge Frau als kenianische Kulturbotschafterin nach China und studiert schließlich an der Universität von Xiamen Nautik.

Damit wirft die Autorin die Frage nach kultureller Zugehörigkeit und Vermischung auf, zeigt die vielfältigen Wege Chinas auf dem afrikanischen Kontinent. Kritisch hinterfragt Owuor diese aktuelle Einflussnahme im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich.

Aber im Mittelpunkt der Geschichte bleibt die Entwicklung Ayaanas zu einer selbstbestimmten jungen Frau. Ihr Leben, das immer wieder durch Verluste, Verrat und Gewalt bestimmt wird, zeigt auch die Suche nach der Liebe und dem Begehren und wird eine Reise zu sich selbst.

Mit diesem traditionsbewussten und zugleich hochmodernen Roman tritt Yvonne Adhiambo Owuor in die Fußstapfen ihres berühmten Landsmannes Ngugi wa Thiong‘o, der immer wieder im Zusammenhang mit dem Literaturnobelpreis genannt worden ist.

Yvonne Adhiambo Owuor: "Das Meer der Libellen"
aus dem Englischen von Simone Jakob
Dumont Verlag, Köln, 2020
608 Seiten, 24 Euro

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