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Buchkritik | Beitrag vom 18.02.2020

Yuval Noah Harari: "Fürsten im Fadenkreuz"Steile These, aber grandios erzählt

Von Günther Wessel

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Fürsten im Fadenkreuz. Geheimoperationen im Zeitalter der Ritter 1100-1550" des Autors Yuval Noah Harari. (C.H. Beck Verlag / Deutschlandradio)
In "Fürsten im Fadenkreuz" geht es um geglückten Verrat und misslungene Intriganz. (C.H. Beck Verlag / Deutschlandradio)

Der israelische Bestsellerautor Yuval Noah Harari hat eine akademische Karriere eingeschlagen: Als Militärhistoriker schreibt er nun über Spezialkommandos im Mittelalter. Das Werk hat zwar Schwächen, aber auch eine unverkennbare Stärke.

Kleine flexible Einsatztrupps, die signifikante strategische oder politische Veränderungen erreichen, oft mit unkonventionellen Kampfmethoden – so definiert Yuval Noah Harari Geheimoperationen oder Spezialkommandos. Sie seien keine Erfindung der Neuzeit, schon im Altertum oder im Mittelalter habe es sie gegeben.

Zwar widersprachen Erpressung, Mord oder Bestechung der ritterlichen Tugendauffassung, nach der der ehrenhafte Kampf wichtiger als der Sieg war, aber viele Historiker bezweifeln, dass dieser Ritterkodex die Realität widerspiegelte. Harari sieht das anders. Dieser Widerspruch sei den Kriegsführenden bewusst gewesen, aber sie hätten sich häufig bewusst gegen die Ritterlichkeit entschieden.

Lebendig, spannend und ausschweifend erzählt

Hararis Buch ist zweigeteilt. Es besitzt einen ersten analytischen Part, in dem er sich dem Spezialkommandos wissenschaftlich und fußnotengesättigt nähert, und einen zweiten, in dem er sechs Beispiele für Geheimoperationen zwischen 1098 und 1536 beschreibt.

Hier ist der Autor in seinem Element: Er schreibt lebendig, spannend und ausschweifend, schaut lustvoll auf Details, auch grauenvolle wie Hinrichtungen, und berichtet mitunter mit Sinn für Komik wie beispielsweise das Kreuzfahrerheer 1098 die im antiken Syrien liegende Stadt Antiochia belagerte.

Nur durch den Verrat eines Turmwächters gelang es den Kreuzfahrern, in die Stadt zu gelangen. Wobei der Plan fast daran gescheitert wäre, dass die Eroberer nur eine einzige Leiter mitgenommen hatten, die auch noch beim Erklettern der Mauern zerbrach.

Verrat und Kreuzzüge

Die Eroberung Antiochias war ein Wendepunkt der Geschichte: Wären die Kreuzfahrer gescheitert, hätte es wohl keine weiteren Kreuzzüge gegeben. Wahrscheinlich wäre König Konrad 1192 auch nicht in Tyros ermordet worden. Ihn töteten Mitglieder der muslimischen Sekte der Assassinen, die auf Morde spezialisiert war – der englische Begriff "assassination" für Mord oder Attentat leitet sich daher ab.

Gelang in Antiochia der Verrat, so scheiterte er 1450 in Calais. Dort agierte ein Doppelagent, der zum Schein auf das Angebot der Franzosen einging, ihnen die Stadt für 20.000 Écus auszuliefern. Die französischen Truppen gerieten in einen englischen Hinterhalt und die Stadt blieb noch lange das englische Bollwerk auf dem Kontinent. 

Harari erweist sich schon in diesem frühen Werk als grandios erzählender Historiker, der alles überschaut und eher spannende Geschichten ausmalt, statt historisch abzuwägen. Die trennscharfe Analyse ist nicht seine Stärke. Schon seine Grundthese ist fraglich: Er führt so viele Beispiele von Spezialkommandos an, dass man sich unwillkürlich fragt, ob diese Art der Kriegsführung nicht eigentlich der Normalfall im Mittelalter war. 

Yuval Noah Harari: "Fürsten im Fadenkreuz. Geheimoperationen im Zeitalter der Ritter 1100-1550"
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
C.H. Beck, München 2020
347 Seiten, 26,95 Euro

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