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Buchkritik | Beitrag vom 10.01.2020

Yoshiharu Tsuge: "Rote Blüten"Mysteriöse Suche nach sich selbst

Von Frank Meyer

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Buchcover "Rote Blüten" von Yoshiharu Tsuge vor einem grafischen Hintergrund (Reprodukt Verlag)
In "Rote Blüten" von Yoshiharu Tsuge geht immer wieder um Reisen an abgelegene Orte. (Reprodukt Verlag)

In Japan ist Yoshiharu Tsuge ein berühmter Manga-Zeichner. Auch weil viele seiner Comics für Kino und Fernsehen verfilmt wurden. In "Rote Blüten" sind nun 20 seiner surrealen und fesselnden Geschichten erstmals auf Deutsch erschienen.

Eine Dampflok zwängt sich ohne Gleise durch eine enge Lücke zwischen zwei Holzhäusern. In der Lok sitzt ein Mann, der schon seit Stunden seine blutende Schlagader zusammenpresst. Er sucht einen Arzt und landet bei einer Gynäkologin, die ihm bei einem erotischen Doktorspiel die Schlagader repariert.

Sie setzt ihm ein Schraubventil ein, so dass er in Zukunft seinen Blutkreislauf mit diesem Ventil selbst regulieren kann. Das ist der Schlusspunkt dieser ausgesprochen surrealen, fesselnd alptraumhaften Geschichte. 

Entscheidender Erneuerer des japanischen Comics

"Verschraubt" heißt diese Comic-Erzählung, sie gehört zu den Arbeiten, die Yoshiharu Tsuge zwischen 1966 und 1973 in der japanischen Manga-Zeitschrift "Garo" veröffentlicht hat. Diese Geschichten haben Tsuge zu einem der entscheidenden Erneuerer des japanischen Comics gemacht.

Der Autor und Zeichner hat den Comic weiterentwickelt zu einem Mittel des Selbstausdrucks, zum Erzählen von biografischen Erfahrungen und Träumen, zur Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Sinnfragen. Seine Comics wurden vielfach für das Kino und das Fernsehen verfilmt, auch dadurch ist der Zeichner bis heute in Japan sehr präsent. "Rote Blüten" ist das erste Buch, das Yoshiharu Tsuges Arbeiten auf Deutsch vorstellt.

Surreale Comics über den richtigen Platz im Leben

Die 20 Comics in dieser Sammlung sind alle eigenständig und nur locker durch Motive und Figuren verbunden. Es geht immer wieder um Reisen in abgelegene Dörfer und Herbergen, in die sich nur wenige Touristen verirren. Die Szenerien sind einfach, ärmlich, grob, die Atmosphäre ist häufig bedrohlich mit einem Stich ins Mysteriöse. Der Reisende ist öfter ein Comiczeichner auf der Suche nach Einfällen, ein Hinweis auf den autobiografischen Hintergrund vieler Episoden.

In "Der Wirt des Yanagiya" greift Yoshiharu Tsuge am deutlichsten auf seine eigenen Lebenserfahrungen zurück. Hier kommt sein Reisender in einen Küstenort unweit von Tokio an und stellt sich ein Leben als Wirt vor, als verheirateter Mann, der seinen Platz gefunden hat. Tatsächlich hat Tsuge selbst versucht, sein Leben auf ähnliche Art zu beruhigen – und das Experiment aber nach kurzer Zeit wieder abgebrochen. Seine Figur versucht es erst gar nicht.

Spannender Gegensatz zwischen Figuren und Umgebung

In diesem Buch meint man gleich zwei Comic-Künstler kennenzulernen. Der eine zeichnet sehr detaillierte, klassisch schöne Hintergründe: bewaldete Berge, Holzhütten, Innenräume. Der andere setzt Karikaturen von Figuren davor, mit einfach gezeichneten Gestalten und Gesichtern, oft eher Fratzen mit dicken Nasen, schiefen Mündern, hervorstehenden Zähnen.

Dieser Gegensatz zwischen den Figuren und ihrer Umgebung ist eine der interessanten Spannungen in Tsuges komplexen Geschichten. Sie führen gerade aus europäischer Perspektive in eine unbekannte Welt, in ein altes, entlegenes, vormodernes Japan, in dem die Menschen aber mit derselben Unruhe kämpfen, die wir alle auch heute noch kennen.

Yoshiharu Tsuge: "Rote Blüten"
Aus dem Japanischen von John Schmitt-Weigand
Reprodukt Verlag, Berlin 2019
400 Seiten, 24 Euro

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