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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.12.2014

YogaDie Turbulenzen zur Ruhe bringen

Gesund durch Yoga? - Wissenschaftler untersuchen das Geheimnis der östlichen Weisheitslehre

Von Tabea Grzeszyk

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Yoga am Morgen in Vietnam. (dpa / picture alliance / Thomas Uhlemann)
Yoga am Morgen in Vietnam. (dpa / picture alliance / Thomas Uhlemann)

Yoga boomt, denn Yoga verspricht viel: Die Übungen sollen helfen, körperlich und geistig fit zu bleiben. Die Verheißungen vieler Anbieter allerdings sind meistens ausgesprochen vollmundig.

"Yoga und Ayurveda auf Erfolgskurs für die betriebliche Gesundheitsvorsorge"

"Überlastung und Burnout – Wege aus der Stressfalle",

"Well-Yoga" oder "Entspannung für Kinder"

Auf der Fachmesse "Yoga World" in Berlin fällt auf, wie stark das Thema Gesundheit beim Yoga-Publikum in den Fokus gerückt ist.

(Umfrage auf der Messe, Mann): "Ja, was interessiert mich am Yoga? Ich glaub', die Ruhe, die Stille, und die Einkehr zu mir selbst."
(Frau) "Ich denke schon, dass das körperlich viel bringt, und dass man ja auch durch den Austausch mit den Leuten und mit dem Lehrer auch im Kopf da was verändert."
(Frau): "Die Entspannung allgemein, wie man selber wieder nach dem ganzen stressigen Alltag runterkommen kann und zu sich selber so einen Bezug findet. Ich habe auch erst dieses Jahr angefangen, deswegen bin ich noch ganz neu und wollte halt mal die verschiedenen Yoga-Arten kennenlernen hier."

Auf zwei Etagen können Interessierte eine Vielzahl unterschiedlicher Yoga-Stile entdecken. Ganz in orange gekleidete Mönche informieren über Yoga und Meditation, im "Shiva Space" lauschen Menschen mit geschlossenen Augen einer Behandlung mit Klangschalen, während im "Krishna Space" eine dynamische Yogaklasse mit Musikbegleitung stattfindet. Ein heiliges Sound-Battle, bei dem sich schließlich der Lautsprecher-verstärkte Kurs der Yogalehrerin Veronique Dumont durchsetzt. Die Mittdreißigerin ist extra aus Kanada eingeflogen, um eine neue CD mit Mantras vorzustellen, die sie eigens für ihre Yogaklassen komponieren ließ.

Die energetische Frau mit dem schwarzen Lockenschopf ist heiser vom Mantra-Singen, doch der Einsatz ist es ihr wert. Für Veronique Dumont ist das Wiederholen heiliger Silben, Wörter oder Verse wie "Om namah Shivaya" ein Schlüssel für die therapeutische Wirkung von Yoga:

"Mantras sind kein Gebet, es ist kein frommer Wunsch, es ist eine Wissenschaft. Es ist bewiesen, dass zum Beispiel durch den Klang 'Ram', der Keimsilbe des Feuer-Mantras, die Körpertemperatur steigt. Es wirkt direkt. Es ist bewiesen, dass Yogis dieses Mantra rezitieren und aus dem Nichts ein Feuer anzünden können, nur indem sie das Mantra wiederholen. Jedes Mal, wenn ich Feuer-Mantras mache, wird mir sofort warm. Aber ich bewege mich nicht, ich meditiere, ich bewege mich überhaupt nicht."

Mantras im Spiegel der Wissenschaft

Mantras haben in den Religionen des Hinduismus und Buddhismus eine lange Tradition. Doch sind "yogisches Feuer" und "heilende Vibrationen" auch ein Fall für die Wissenschaft?

Die Ärzte Imogen Dalmann und Martin Soder sind Pioniere auf dem Gebiet des medizinischen Yogas. Vor 24 Jahren haben sie die erste Yoga-Therapie-Praxis in Deutschland eröffnet, das Berliner Yoga Zentrum. Damals hatten die beiden genug von der klassischen "Drehtür-Medizin", die nur die Symptome von Krankheiten bekämpfe, anstatt nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Dieses Potential entdeckten sie im therapeutischen Yoga. Doch für ihre Arbeit findet Imogen Dalmann hinderlich, dass Yoga bis heute oft mit magischem Wissen erklärt wird:

"Es ist zum Beispiel ganz klar, was die Wirkung von Yoga im Bereich von Stressreduktion und vielen damit verbundenen Krankheiten ausmacht, oder wie Yoga auf Rückenschmerzen, Probleme des Bewegungsapparats wirkt, Bluthochdruckerkrankungen, Immunsystem. All diese Dinge, da gibt es solche validen Aussagen, dass wir uns da auch nicht hinter irgend einem Feuer verstecken müssen, was irgendwo im Körper brennen soll, was man sich da vorgestellt hat, was die Wirkung mit vorantreibt."

"Stress-Management" heißt das Zauberwort, warum heute auch Geschäftsführer und Top-Manager Yoga für sich entdecken. Gegen Stress haben sich vor allem bestimmte Atemtechniken bewährt, die im Yoga "Pranayama" heißen. Diese Übungen sind oft ganz einfach – anstatt komplizierter Akrobatik setzt Imogen Dalmann auf fließende Bewegungen, die zusammen mit der Aus- und Einatmung ausgeführt werden.

Autorin: "Was macht dieses Summen dabei?"
Imogen Dalmann: "Das verlängert den Atem und macht ihn gleichmäßiger. Also alle Atemtechniken, die wir so kennen, haben diese Funktion: Gleichmäßigkeit und Verlängerung, deswegen ist diese Verbindung von Atem und Bewegung ein wichtiges Konzept für uns, und sie macht noch ein weiteres: sie beruhigt Sie. Dieses Atmen bringt eine Beruhigung in das vegetative System. Das wiederum hilft dann den Gesamttonus ein bisschen runterzufahren und das trägt dann auch dazu bei, dass sich Nacken, Schultern und auch der untere Rücken besser entspannen können."

Yoga vor dem Aquarium in Sidney, 17.10.2013 (Vivien Speers)  (picture alliance / dpa / Dan Himbrechts)Vivien Speers in Yoga-Position vor dem Aquarium in Sidney (picture alliance / dpa / Dan Himbrechts)

Yoga wirkt auf den Körper und auf den Geist, das belegen seit den 1990er-Jahren auch Studien der Hirnforschung. Zu den Koryphäen der wissenschaftlichen Yoga- und Meditationsforschung in Deutschland gehört der Psychologe Ulrich Ott vom "Bender Institut of Neuro-Imaging" an der Universität Gießen. In einer aktuellen Pilotstudie hat er die Wirkung von Hatha Yoga untersucht, einer klassischen Yoga-Richtung, die körperliche Übungen, Atemübungen und Meditation umfasst. Hatha Yoga wird das "körperliche" Yoga genannt und wurde als Begriff in einer Schrift aus dem 15. Jahrhundert, der "Hathayogapradipika", von spirituellen Richtungen wie dem "Raja Yoga" abgegrenzt, das vor allem Meditationsübungen umfasst. Die unzähligen Yogastile heute, von Acro- bis Yin-Yoga, sind in der Regel Variationen oder Ableitungen des körperlichen Hatha Yogas.

Bei seiner Pilotstudie über die Wirkung von Hatha Yoga im Vergleich zu anderen Übungssystemen wie Meditation und Autogenes Training ist Ulrich Ott auf erstaunliche Ergebnisse gestoßen:

"Ich habe nach vier Wochen gemessen, ich habe nach acht Wochen gemessen, und nochmal vier Wochen nach Ende der Kurse. Es waren aber jeweils nur etwa zehn Teilnehmer, deswegen wirklich, es hat den Status einer Pilotstudie. Da habe ich schon deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen beobachten können, in der Weise, dass die Hatha Yoga-Gruppe die stärksten und die schnellsten positiven Veränderungen gezeigt hat auf der Ebene der Hirnstruktur im linken Hippocampus, und insbesondere vier Wochen nach Ende des Kurses waren bei der Yoga-Gruppe noch ein deutlicher Effekt erhalten geblieben."

Der Hippocampus verdankt den Namen seiner Seepferdchen-artigen Form, evolutionär gehört er zu den ältesten Strukturen im Gehirn. Er spielt eine wichtige Rolle für das Gedächtnis, für das Einspeichern von Information. In seiner Pilotstudie hat Ulrich Ott Veränderungen im linken Hippocampus beobachtet, also in der linken Hemisphäre, in der rationale und logische Prozesse verarbeitet werden. Noch vier Wochen nach Ablauf der Kurse lag der Zuwachs bei der Dichte der „grauen Substanz" viermal höher als bei der Kontrollgruppe, die Sitzmeditation geübt hat und achtmal höher als bei der Gruppe, die Autogenes Training absolvierte.

Ulrich Ott: "Die grauen Zellen, wie es ja so schön heißt im Volksmund, das sind die Nervenzellen, die oben auf dem Cortex an der Oberfläche sich befinden, auch in tieferen Hirnkernen. Dort findet die eigentliche Informationsverarbeitung statt. Wenn man nun irgendetwas lernt, das ist jetzt nicht nur bezogen auf das Yoga, wenn Sie eine Sprache lernen, wenn Sie Musikinstrumente lernen zu spielen, dann werden die neuronalen Netzwerke, die Sie dafür benötigen, für die Motorik, für die Sensorik, für das Lernen der Vokabeln, die werden trainiert – und die Verbindungen zwischen diesen Nervenzellen, die Verästelungen, die nehmen zu. Das führt dazu, dass wir auch messbar mit der Magnetresonanztomographie zeigen können, wie dort die Dichte der grauen Substanz zunimmt, und zum Teil auch das Volumen. Das heißt, diese oberste Cortex-Schicht mit den Nervenzellen, die wird tatsächlich dicker."

Dass Yoga positive Auswirkungen auf Körper und Geist hat, daran gibt es heute grundsätzlich keine Zweifel mehr. Seit 2006 erkennen auch die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland Yoga als Maßnahme zur Gesundheitsvorsorge an. Einige Kassen übernehmen bei regelmäßiger  Kursteilnahme und entsprechender Qualifikation der Yogalehrer bis zu 100 Prozent der Kosten. Diese Anerkennung mag verwundern, wenn man sich den historischen Kontext von Yoga als spiritueller Praxis vor Augen hält. In den frühesten Grundlagentexten wie Patanjalis "Yogasutra", einer Sammlung von 195 Aphorismen, die zirka 400 Jahre nach Christus entstanden ist, taucht der Gesundheitsaspekt nur am Rande als Hindernis auf dem Weg zur Selbsterkenntnis auf.

Yoga als Schutzschild der besonderen Art

Patanjali, "Yogasutra":
I.2: Yoga ist jener Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen.
I.30: Krankheit, Trägheit, Unentschiedenheit, Hast, Faulheit, Abgelenktheit, Fehleinschätzung, fehlende Zielstrebigkeit, Unbeständigkeit. Diese Hindernisse führen zur Zerstreuung des Geistes.
I.32: Diese Hindernisse werden bekämpft, wenn das beharrliche Üben auf ein Ziel gerichtet ist.

Gespräch über Patanjalis Yoga-Sutra:

"Yogascittavrttinirodhah" ist die Definition von Yoga schlechthin und sagt, es geht im Yoga darum, die Bewegungen und Turbulenzen in unserem Geist zur Ruhe zu bringen und ihn dazu befähigen, sich auf etwas auszurichten oder einlassen zu können. Es sagt es einfach ganz schlicht und ergreifend, dass Yoga eine Methode ist, eine Übungsmethode, die reflektiert und darauf setzt, dass ein solcher Mensch in einer besseren Verfassung ist, sich selbst, sein Leben, seine Gesundheit vielleicht auch, die Umwelt, sein Leben mit anderen Menschen zu begreifen, weil er sich darauf einlassen kann.

Wenn wir aber mal weiterblättern, in das dritte Kapitel, da geht's dann zu 'den ungewöhnlichen Ergebnissen'. Da hat man dann auch Berichte, dass man unsichtbar werden kann, die Kräfte...

... genau, in den Körper eines anderen eindringen, das ist auch ein spannendes Thema."

Das dritte Kapitel der Yogasutra liest sich wie ein Science-Fiction-Roman. Laut Patanjali sind Yoga-Praktizierende gegen Krankheit gefeit, sobald das intensive Training Früchte trägt. Gesundheit erscheint dabei als Nebeneffekt dieser "ungewöhnlichen Ergebnisse" der Yoga-Praxis. So heißt es bei Patanjali:

3.40: Kontrolle über die Lebenskraft, die im Verdauungstrakt wirkt, führt zur glühenden Qualität des Körpers.
3.45: Ferner entstehen die acht großen Fähigkeiten (klein wie ein Atom, extrem groß, extrem leicht, extrem schwer werden, das Entfernteste erreichen, den Willen geschehen lassen, Macht über Objekte bekommen, ihre Entstehung oder ihr Verschwinden kontrollieren). Der Körper erlangt Vollkommenheit und sein natürlicher Verfall wird keine Störung mehr sein.
3.50: Auch gegenüber diesen Fähigkeiten ist Gleichmut nötig, allein dann gehen die störenden Kräfte so weit zurück, dass Freiheit entstehen kann.

Martin Soder: "Das ist der Teil dieses Textes, der zeigt, dass auch dieser Text ein Text ist, der in seiner Zeit gewachsen und entstanden ist. Damals war es, wie in der ganzen Geschichte des Yogas immer, ein Strang und ein Bemühen von Menschen die Yoga üben gewesen ist, Kräfte zu erlangen, die ihnen ermöglichen, sich selber, andere Menschen und die Natur zu beherrschen. Das war einfach so ein Traum, das kennen wir hier von uns auch. Das heißt auch dieser Text hat seine historischen Fesseln, von dem man ihn auch befreien muss, wenn man ihn heute erklären möchte."

Wie viel "Om" braucht Yoga?Yogafestival Nachspiel 8.12.2013 (Marianne Allweiss)Yogafestival (Marianne Allweiss)

Der Versuch, die östliche Weisheitslehre des Yoga mithilfe der westlichen Wissenschaft zu erklären hat eine lange Tradition, erzählt Yogatherapeut Martin Soder. Ende des 19. Jahrhunderts begann eine gut ausgebildete Schicht indischer Intellektueller, die größtenteils in England studiert hatte, sich auf die alte Weisheitslehre des Yogas zurück zu besinnen. Diese Yogis einte die Motivation, dem englischen Kolonialismus auf kultureller Ebene etwas entgegen zu setzen. Mit Erfolg: Vor allem dem indischen Yoga-Lehrer Vivekananda gelang es bei einem Besuch in Amerika im Jahr 1893, das westliche Interesse an  Yoga zu entfachen. Bei seiner berühmten Rede auf dem Kongress der Weltreligionen in Chicago verband er östliches Wissen mit westlicher Forschung:

"Die Hindus haben ihre Religion durch Offenbarung erhalten, durch die Veden. Es heißt, die Veden seien ohne Beginn und ohne Ende. Das mag aberwitzig klingen für dieses Publikum, wie kann ein Buch kein Beginn und kein Ende haben. Doch mit den Veden bezeichnen wir kein Buch. Sie bedeuten den gesammelten Schatz an spirituellen Gesetzen, die verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten entdeckt haben. So wie die Gesetze der Schwerkraft vor ihrer Entdeckung existierten und weiterhin existieren würden, wenn die gesamte Menschheit sie vergessen würden, so ist es mit den Gesetzen, die die spirituelle Welt regieren."

Anknüpfend an dieses Erbe gibt es in der Yogaszene bis heute Versuche, östlichen Konzepten wie der Lebensenergie "Prana", der heilenden Kraft von Mantras oder übersinnlichen Zauberkräften wissenschaftliche Weihen zu verleihen. Dagegen haben es sich Martin Soder und  Imogen Dalmann mit zur Lebensaufgabe gemacht, solche magischen Vorstellungen aus dem therapeutischen Yoga zu verbannen.

Imogen Dalmann: "Unser Anliegen ist natürlich schon, da eine klare Linie zu ziehen, weil wir gerne möchten, dass der Yoga auch so wie er jetzt eigentlich in der Gesellschaft mittlerweile akzeptiert ist, auch von Menschen verstanden und angenommen werden kann, die ein bisschen kritischeren Blick darauf haben und nicht sagen, ja hier denke ich wissenschaftlich-rational und hier ist meine magische Ecke und die lebe ich jetzt im Yoga aus. Deshalb haben wir da schon immer ein großes Anliegen, das auseinander zu fieseln und das ist einfach, aber man muss es immer wieder und immer wieder tun."

Trennung zwischen Mystik und Magie

Doch ist die Linie zwischen Magie und Wissenschaft wirklich so einfach zu ziehen? Wenn magische Vorstellungen nicht wissenschaftlich belegt werden können, haben sie nicht trotzdem als mystische Erfahrungen einen Wert? Der Psychologe und Hirnforscher Ulrich Ott hat weniger Berührungsängste mit den übersinnlichen Kräften, die in Patanjalis „Yogasutra" beschrieben werden.

Ulrich Ott: "Zum Teil muss man sagen, dass die Phänomene, die dort beschrieben sind, dass man die Gedanken anderer Menschen erraten könne, dass wir also ganz klassisch als Telepathie zu bezeichnen. Da gibt's viele Experimente in der Parapsychologie, die gezeigt haben, dass es tatsächlich offenbar zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit kommt, zu erraten, was ein anderer zum Beispiel an Bildern präsentiert bekommen hat. Wenn Sie vier Bilder zur Auswahl haben, und der Sender soll raten, was der Empfänger gerade sieht, ist die Zufallswahrscheinlichkeit 25 Prozent. Tatsächlich kommen Sie aber über 30 Prozent, das ist schon ein signifikantes Ergebnis, was Sie heute in Lehrbüchern der Psychologie unter der Überschrift Parapsychologie finden als ein Befund, der nicht einfach so wegerklärt werden kann."

Paranormale Kräfte im Yoga, ein Fall für die Parapsychologie? In den 1970er Jahren erlebte dieser Forschungszweig eine Blütezeit, als Geheimdienste der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion darum bemüht waren, paranormale Fähigkeiten wie Psychokinese oder Telepathie zu Spionagezwecken zu nutzen – mit geringem Erfolg. Bis heute sind die Ergebnisse solcher Studien umstritten, die Parapsychologie steht im Ruf einer Pseudowissenschaft. Trotzdem plädiert Ulrich Ott mit Blick auf die yogischen Texte für einen unvoreingenommenen Umgang:

"Ich würde nochmal ganz klar trennen zwischen der mystischen Seite des Yoga, wo es darum geht, diese tiefen Selbsterkenntnisse zu gewinnen. Wo man erkennt, alles ist Eins und  das Gefühl hat, man erwacht in einer Realität, die wirklicher ist als unser Alltagesbewusstsein. Das ist die eine Seite und das ist nicht nur auf das Yoga bezogen, das gibt es in allen religiösen Traditionen, den Begriff des Aufwachens, der Unio-Mystiker im Christentum zum Beispiel, das ist die eine Seite. Und was Sie als magisch bezeichnen, das sind diese paranormalen Phänomene und Fähigkeiten, die auch im Yogasutra beschrieben werden, und im Yogasutra steht auch schon drin, dass das auftritt durch tiefe Meditation oder durch Einnahme von Pflanzen, heute würde man sagen psychedelische Substanzen, eben auch durch Vererbung oder Veranlagung."

Egal ob Yoga mystisch oder magisch erlebt wird, ob die Übungen als Weg zur Selbsterkenntnis oder zur Förderung der Gesundheit praktiziert werden: Fest steht, dass Yoga auch schaden kann. Vor zwei Jahren gab es in Yogakreisen einen regelrechten Aufschrei, als der  US-amerikanische Wissenschaftsjournalist William Broad sein Buch "The Science of Yoga" veröffentlichte, in dem er ausführlich auf die Verletzungsgefahren beim Yoga aufmerksam machte. Auch in einer wissenschaftlichen Studie aus dem Jahr 2009, in der über 1.300 Spezialisten aus 35 Ländern befragt wurden, erwähnt jeder Zweite die Gefahr von Verletzungen an der Halswirbelsäule, gefolgt von Problemen im unteren Rücken, an Schultern, Handgelenken und Knien.

Doch nicht nur auf der körperlichen Ebene kann Yoga bei falscher Praxis Schäden anrichten, auch auf der geistigen. Zum Hatha Yoga zählen neben Körperübungen, den Asanas, auch Atemübungen und Meditation. Dabei werden Körper und Geist Schritt für Schritt auf den Moment der Selbsterkenntnis vorbereitet, der das Ziel der klassischen Yogapraxis ist. Ulrich Ott von der Universität Gießen beschreibt, was passieren kann, wenn solche Momente Yoga-Praktizierende unverhofft überwältigen:

"In den tiefsten Meditationserfahrungen wird das Ich, so wie wir es in unserem Alltag kennen, unser normales Alltagsbewusstsein, aufgehoben, und es kommt zu einer Art Dekonstruktion des normalen Ich-Erlebens. Wenn Sie dann nicht stabil genug sind und das integrieren können oder einen guten Lehrer haben, der sie im Prozess begleitet, ist es nicht ganz ungefährlich, ihr Ich zu dekonstruieren, da Sie auch in psychotische Erlebensweisen reinrutschen können. Und das passiert durchaus immer wieder, dass bei intensiven Meditations-Retreats einzelne Teilnehmer so stark an ihre Grenzen kommen, dass sie keinen Durchbruch, sondern einen Zusammenbruch ihrer Psyche erleben."

Ganz unterschiedliche Zugänge 

(Mann) "Yoga ist nicht einfach nur Yoga machen, was man von außen sieht, die Bewegung, sondern es ist das Eine und Ganze. Sein ganzes Leben lebt man Yoga, dann, wenn man hinterher ist, wenn man was Neues sucht. Man bleibt dabei gelenkig, und das ist natürlich schon auch wichtig, auf jeden Fall, aber ich glaub jetzt nicht, dass es so total gesundheitsfördernd unbedingt ist."

Hinter dem Informationstisch des Sivananda Yoga Vedanta Zentrums erklärt Swami Gokulananda mit dem gelassen Ausdruck eines Menschen, der viel meditiert, die Prinzipien dieser Yoga-Richtung. Sie geht auf den Yoga-Erneuerer Sivananda zurück, der in den 1960er Jahren seinen Schüler Vishnudevananda in den Westen geschickt hat, um Yoga zu unterrichten und zu verbreiten. Für Swami Gokulananda steht fest, dass Yoga funktioniert – ob mit oder ohne wissenschaftliche Erklärung:

"Die Yogis wussten seit jeher, dass Yoga wirkt und all die positiven Effekte des Yoga waren immer da, bewiesen oder unbewiesen. Und jetzt kommt sozusagen die Wissenschaft und knüpft daran an und versucht, diese Dinge zu beweisen, was auch sehr schön ist, und versucht, Zusammenhänge aufzuzeigen, die vorher schon irgendwie auch da waren. Also nur weil's bewiesen ist, ist es ja nicht neu, aber es wird nochmal deutlich gemacht. Und bei gewissen Dingen stößt die Wissenschaft auf Grenzen, weil diese Dinge nicht physisch sind. Wissenschaft kann Dinge erforschen, die physisch sind, aber Dinge, die nicht physisch sind, das ist sehr, sehr schwer."

Nachgewiesen oder nicht, magisch oder mythisch: Swami Gokulananda hat kein Problem mit unterschiedlichen Zugängen zum Yoga. Auch die vielen Stile, die auf der Fachmesse vertreten sind, sieht sie mit Wohlwollen, auch wenn "Business Yoga" oder die tägliche "Yoga Fashion Show" wenig mit der Richtung gemein haben, die Swami Gokulananda selbst vertritt:

"Nein, es hat alles seine Berechtigung. Das ist eigentlich schön, so einen Pluralismus zu haben und jeder Mensch hat dann die Möglichkeit, sich auf der Stufe weiter zu entwickeln, wo er gerade steht und reinkommt."

Das gilt auch für die Prana Flow-Klasse der kanadischen Yoga-Lehrerin Veronique Dumont. Die positiven Effekte des Mantra-Singens lassen sich im Gehirn nachweisen – auch wenn Veronique Dumonts eigene Erklärung über die Wirkweise ihrer Yogaklasse spektakulär klingen mag:

"Wenn wir gesund werden wollen oder Energie brauchen oder eine Öffnung des Herzens, sagen wir, unser Herz wurde verletzt. Dann machen wir Rückwärts-Dehnungen, so heilen und energetisieren wir das Herz. Wenn wir Vitalität brauchen, wenn wir müde sind und die Sonne nicht scheint, dann machen wir Feuer- Übungen, um das Feuer wirklich zu entfachen. So spiegelt die Praxis immer etwas, das wir verankern oder öffnen oder transformieren wollen, das ist die Therapie bei PranaFlow. Was immer du jetzt in deinem Leben brauchst, Du kannst es durch verschiedene Yoga-Sequenzen bekommen."

Solche Erklärungen lehnen Imogen Dalmann und Martin Soder ab. Doch wie Yoga stattdessen wirkt, darauf kann es für die beiden Ärzte und Dienstältesten Yoga-Therapeuten Deutschlands nur eine bescheidene Antwort geben.

Martin Soder: "Wenn Sie danach fragen, ob man es restlos erklären kann – man wird es vor allem deshalb nie restlos erklären können, weil die Komplexität des Geschehens einfach so groß ist, dass wir nicht in der Lage sein werden, was dann eigentlich zu welchem Prozess genau führt."

Imogen Dalmann: "Wir wissen, und das ist eine Erkenntnis, die sich inzwischen in der modernen Medizin durchgesetzt hat, wie individuell Menschen gestrickt sind in ihrem Hormonsystem, in ihrem Immunsystem, in ihrem vegetativen Nervensystem, in ihrem körperlichen System. Und aus diesem Grund ist es ganz schwierig, zu erklären – also vorauszusagen sowieso, ganz schwierig – aber auch im Rückblick lassen sich Erklärungen immer nur bis zu einem bestimmten Grade verfolgen."

Während die beiden Berliner Yogatherapeuten ganz ohne magische Erklärungen für die Wirkung von Yoga auskommen, sieht der Psychologe Ulrich Ott gerade in solchen Graubereichen ein Potenzial für die wissenschaftliche Forschung. Heilung durch Feuer-Mantras? Paranormale Zauberkräfte? Selbsterkenntnis durch Yoga-Meditation? Warum eigentlich nicht.

Ulrich Ott: "Momentan widersprechen die unserem Common-sense-Alltagsbewusstsein. Aber wenn wir uns dem wirklich widmen und das untersuchen, mit derselben Genauigkeit, wie wir das mit den anderen Phänomenen tun, werden wir sehen, diese Phänomene treten eben nicht auf im Widerspruch zu den Naturgesetzen, sondern wir kennen einfach diese Naturgesetze noch nicht, nach denen sie sich vollziehen. Und dabei wird dem Yoga, bei dem es offenbar Möglichkeiten gibt, das Auftreten dieser Phänomene zu erhöhen, da hat man auch eine Chance in der Forschung, weiter zu kommen, wenn man Meditation systematisch erforscht."

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